Hobby Glücksmomente hoch zu Ross

Regglisweiler / Von Beate Reuter-Manz 18.08.2018

Sie schläft oft in schönen Hotels, hin und wieder im eigenen nostalgischen Wohnmobil, gerne in duftendem Heu, noch lieber draußen unterm Sternenhimmel und natürlich auch ganz konventionell im gemütlich-bäuerlichen Schlafzimmer daheim. Es liegt an ihrer umtriebigen Lebensweise, dass Barbara Ochotta so viele unterschiedliche Schlafstätten hat:  Die 52-Jährige unterhält einen Pferdehof in Regglisweiler und ist gleichzeitig  Mitarbeiterin eines Bio-Großhandels und dort zuständig für die Kosmetik-Sparte. In dieser Eigenschaft kommt sie in ganz Deutschland und Österreich herum. In beides, Hof und Job, steckt die Tier- und Naturfreundin  viel Leidenschaft.

„Wir verstehen uns zuerst als Pferde-, dann als Reiterhof“, sagt die zierliche Frau und zeigt auf Stallungen, Koppeln und die abgezäunten Plätze, die so genannten Paddocks.  Sie genieße „die große Gemeinschaft von Tieren und Menschen“. 18 Pferde, vom Mini-Shetty bis zum Kaltblut, leben  auf dem Marienhof. Drei gehören Barbara Ochotta, der Rest sind Pensionspferde. Am verwitterten Holztisch unter einem alten Apfelbaum bewirtet sie im Sommer ihre Besucher. Gerne mit Apfelkuchen, auf jeden Fall aber mit bestem Espresso, serviert in nostalgischen Tässchen aus Feinporzellan. „Alles, was sie tut, macht sie mit Hingabe“, umschreibt  Jutta Gerber einen Charakterzug ihrer Freundin. Die Grafikerin aus Dellmensingen  meint damit in erster Linie den liebevollen Umgang Ochottas mit Pferden und Menschen, aber auch der Freundin hervorragende Kochkunst und ihr Händchen, aus einfachen Mitteln und Zutaten Schönes zu zaubern. Die Gäste schwärmen wohl deshalb von einem „1000-Sterne-Hof“ mit unkompliziertem Familienanschluss.

Reiterstüble und Heuboden

Besuch kommt regelmäßig. Denn der  zwei Hektar große Aussiedlerhof, idyllisch am Waldrand gelegen, ist eine so genannte Wanderreitstation. Reiter auf Reisen finden dort Übernachtungsmöglichkeiten für ihre Vierbeiner und für sich selbst: in zwei Gästezimmern, im Reiterstüble oder ganz einfach auf dem Heuboden. „Wanderreiter sind da nicht so anspruchsvoll“, lacht Ochotta.  Gleichwohl verwöhnt sie ihre Gäste  gern. Mit  köstlicher, selbst gemachter Marmelade zum Bio-Frühstück, bunten Blüten im Abendbrot-Salat und Minzblättern in der Wasserkaraffe. Denn mit Wildkräutern kennt sich die Frau mindestens genauso gut aus wie mit Pferden.

Vor zwei Jahren sind Barbara Ochotta und ihr Partner Klaus Pfeiffer mit damals noch 13 Pferden und zwei Hunden von Dorndorf nach Regglisweiler umgezogen. Zwei Jahre lang hatte der Marienhof da schon leer gestanden. Entsprechend viel gab es zu tun, um das Anwesen wieder auf Vordermann zu bringen. Heute verfügt es über moderne, luftige Pferde-Boxen aus Holz, jeweils mit eigenem Wasseranschluss, einen beleuchteten Reitplatz sowie einen Roundpen, also einen Longierzirkel. Bloß gut, dass Pfeiffer ein handwerkliches Naturtalent ist. „Er repariert wirklich alles!“ Ohne ihn ginge es nicht. „Fertig ist man auf so einem Hof ja nie, die Arbeit geht nicht aus“, meint auch Pfeiffer. Dass sich der 52-jährige Allround-Handwerker  an diesem Tag in einer der Hängematten unterm Baum niederlässt, ist eine Ausnahme und der Sommer-Hitze geschuldet.

 Jeden Morgen um fünf ist für Barbara Ochotta die Nacht zu Ende. Ihr erster Gang führt die quirlige Frau mit dem pfiffigen Kurzhaarschnitt zu ihren Tieren. „Wichtig ist uns ein gesundes Stallklima“, sagt sie. Die Einstreu sei kein Stroh, sondern Sägemehl. Ein Matten-System darunter schone Hufe und Gelenke. Acht Pferde benötigen Zusatzfutter wie Hafer oder Müsli. Alle anderen fressen Heu. Eine Stunde lang dauern das Guten-Morgen-Ritual und das Füttern. Vor dem Misten genehmigt sich Ochotta dann selbst die erste Tasse Kaffee. „Zeit ist für mich ein kostbares Gut“, sagt sie. Sie sei es gewöhnt, sich zu disziplinieren. Ohne stringente Jahresplanung geht es nicht.

Denn Ochotta organisiert auch Wanderritte. „Pferde sind von Natur aus Reisende. Daher ist das Wanderreiten eine wundervolle Erfahrung für Pferd und Mensch“, sagt die gelernte Hotelfachfrau, die seit Kindesbeinen reitet und es in ihrem Leben schon auf 100 Wanderritte durch ganz Europa gebracht hat. Der längste führte sie vor fünf Jahren im Auftrag der Zeitschrift „National Geographic“ von der Zugspitze nach Sylt. Die Reiter dieses Projekts waren zehn Wochen unterwegs und  legten 1680 Kilometer zurück.

Weniger lang, aber „genauso wunderschön“ ist Ochottas Spezialität, die zwei- bis dreitägigen Ritte auf die Schwäbische Alb. „Immer weiß sie auf ihren Touren noch Besonderes zu Landschaft, Geschichte, Fauna und Flora zu erzählen“, schwärmt Jutta Gerber. Die Ausflüge sind für Ochotta „reinste Energiequelle“. Sie genieße Natur und Landschaft hoch zu Ross, aber auch die Begegnungen mit Menschen.

Bewegende Begegnungen

„Natürlich sorgen wir für Aufsehen, wenn wir durch Dörfer kommen“, sagt sie und erzählt von jenem älteren Mann, dem beim Anblick der Pferde Tränen in die Augen schossen, erinnerte er sich doch an seine Kindheit auf dem Bauernhof. Oder die Kinder, die noch nie ein Pferd gestreichelt hatten. „Das sind bewegende Glücksmomente!“ Genauso wie Ritte über Stoppelfelder, durch Flüsse und das Ankommen am Ziel, „wenn alles gut gegangen ist.“ Als nächstes steht eine Alpenüberquerung mit acht Gleichgesinnten an (Info-Kasten). Barbara Ochotta freut sich auf  dieses große Gemeinschaftserlebnis in faszinierender Natur sowie auf Nächte im nostalgischen Wohnmobil „ganz nah bei den Pferden“.

In sechs Tagen über die Alpen

Wanderritt Für acht Reiter aus der Gegend hat gestern in Schwangau in Bayern ein großes Abenteuer begonnen. In sechs Tagen wollen die Wanderreiter unter der Führung von Barbara Ochotta aus Regglisweiler die Alpen überqueren. In fünf- bis siebenstündigen Etappen legen Ross und Reiter bis zu 30 Kilometer pro Tag zurück, meist auf Wanderwegen.  „Das ist Herausforderung genug. auch Pferde bekommen Muskelkater“, sagt  Ochotta. Der schwierigste Abschnitt wird die Timmelsjoch-Passstraße (2509 Meter). „Dort ist es so steil, da führen wir die Pferde.“

Logistik Ritt und Route haben Barbara Ochotta und Klaus Pfeiffer akribisch vorbereitet. Viel Bürokratie musste bewältigt werden: Grenzübertritte für Mann und Tier, Impfungen, Transportbescheinigungen. Begleitet wird die Gruppe von einem Begleitwagen mit Pferdeanhänger sowie einem Wohnmobil. Transportiert werden Spezialfutter, diverse Reit-Utensilien und das Gepäck der Reiter. Während die beiden Veranstalter in ihrem Wohnmobil auf der Pferdekoppel übernachten, kommen die anderen in Hotels und Pensionen unter. Und: Ein Hufschmied reitet mit.

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