Der Zufall will es, dass in dem kleinen Städtchen Blaustein neue Mobilitätsformen angeboten werden – wie sonst nur in größeren Städten und Metropolen, wo es inzwischen als schick gilt, ohne eigenes Auto zu leben und sich mit Rad, Bahn und Carsharing fortzubewegen. Auf dem Land hat fast jeder ein Auto. Die Menschen sind darauf angewiesen. Nichtsdestotrotz stehen in dem 16 000-Einwohner-Ort Blaustein seit vergangener Woche zwei Fiat-500-Cabrios, die per Smartphone und Spezial-App gebucht werden können. Eine Firma mit Sitz in Österreich hat sie aufgestellt. Sie heißt App2drive und tritt an, in Deutschland ein ganzes Netz an Standorten aufzubauen. Erst rings um die Großstädte herum in Orten ab 40 000 bis 50 000 Einwohnern, später will das Unternehmen auch in die Großstädte hinein.

Blaustein passt genau genommen nicht in dieses Konzept und war als Standort überhaupt nicht vorgesehen. Nun gibt es ihn doch. Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Bodenseegebiet und geht etwas verkürzt so: Das Comfort Hotel in Friedrichshafen hatte Interesse bekundet, mit App2drive eine Partnerschaft einzugehen und ein paar Autos vors Haus zu stellen – davon sollten die eigenen Hotelgäste profitieren und nicht zuletzt das Image des Hotels. Der Plan ging jedoch nicht auf, weil der Parkplatzeigentümer nicht mitspielte. Auf dem Gelände des Partner-Comfort-Hotels in Blaustein gab es keine derartigen Probleme – und die Firma App2drive war bereit, auf Wunsch dieses Kunden dort eine Partnerschaft einzugehen.

Man wähnte sich konkurrenzlos. Ulm mit Car2go schien kein Thema zu sein. Der Carsharing-Anbieter des deutschen Automobilherstellers Daimler ist bekanntlich ausschließlich auf die Metropolen dieser Welt focussiert. Ulm ist schon ein Sonderfall und das auch nur, weil die Stadt Testfeld für das Carsharing-Konzept ist. Blaustein ist doppelt atypisch, aber Teil dieses Phänomens aus Gründen, die zurückreichen in die Anfänge von Car2go: Das Modell wurde einst von eigenen Daimler-Mitarbeitern auf dem Ulmer Eselsberg getestet, viele wohnen in Blaustein. Die junge Stadt ist von daher Außenzone im aktuellen Zuschnitt des Car2go-Geschäftsgebiets. Nutzer können die Miete auch in diesem Ort beenden und beginnen.

Von einer Konkurrenz-Situation in Blaustein will weder Car2go noch App2drive reden. „Das ist eher ein ergänzendes Geschäftsmodell“, sagt Car2go-Pressesprecher Andreas Leo über App2drive. Der Unterschied ist im Wesentlichen der, dass Car2go eine Flotte von Fahrzeugen im jeweiligen Geschäftsgebiet verteilt und App2drive zunächst nur mit festen Stationen arbeitet, aber auch Orte jenseits der Großstädte bedient. Nutzer könnten beides kombinieren.

Bis auf weiteres ist die Kleinstadt Blaustein doppelt mit moderner Mobilität versorgt: Car2go macht laut Leo jedenfalls keinen Rückzieher. Und App2drive testet Blaustein wenigstens für ein Jahr auf seine Relevanz für das Streckennetz und auf Rentabilität, sagt Vertriebsmitarbeiter Daniel Theurer – und entscheidet dann über eine Fortsetzung.