In den vergangenen Wochen hat Christian Rak exklusiv im Lokalteil der SÜDWEST PRESSE seine Forschungsergebnisse zur Geschichte des Nationalsozialismus in Ehingen präsentiert. Der Historiker mit Doktortitel ist für seine Arbeiten in die Staatsarchive nach Ludwigsburg und Sigmaringen gegangen. Dort lagen zahlreiche unerforschte Akten, die für das Thema Entnazifizierung in Ehingen wertvoll sind. Zahlreiche Leser wandten sich mit Hinweisen zu Raks Forschungsergebnissen an ihn oder an die Redaktion. Manche schickten Fotos, andere wussten Details zu Personen, deren Schicksal Rak in der Zeitung erzählt hatte.

Eine Leserin beispielsweise verband das Schicksal von Pauline F. mit einem anderen Opfer, von dem Rak ebenfalls schrieb: Pauline F. hatte 1942 ihrer Nachbarin erzählt, die Mitglieder der NSDAP-Kreisleitung hätten im Umsiedlungslager Untermarchtal einen Nacktball gefeiert und im ‚Kreuz‘ in Ehingen eine gestohlene Sau gegessen. Sie wurde denunziert und vom Amtsgericht Ehingen wegen übler Nachrede zu drei Monaten Haft verurteilt.

Verwandte meldet sich

Kurz nach Erscheinen des Artikels, in dem Rak von Pauline F. erzählte, meldete sich im Mai 2020 eine Verwandte der Verurteilten bei Rak und erzählte ihm: Pauline wurde damals sehr wahrscheinlich denunziert, weil ihr Vater Kommunist war, über den Rak zufällig ebenfalls in der SÜDWEST PRESSE geschrieben hatte. Sie schickte dem Historiker ein Bild von dessen KZ-Ausweis. Was die Verwandte Rak außerdem erzählte: Noch Jahrzehnte später hätten diese Erfahrungen die Familie geprägt. „Sie erzählte mir, zu Hause habe es immer geheißen: ,Frag nichts, sag nichts, sonst holen sie dich’“, sagt Rak.
Eine beklemmende Stimmung, die viele nicht nur in Ehingen nach der Terrorherrschaft empfunden haben dürften – auch diejenigen, die nicht ins Gefängnis oder ins KZ kamen. Genau deshalb, betont Rak, seien solche Hinweise wie jener der Nachfahrin so wichtig.
Auch erhielt Rak durch Leser der SÜDWEST PRESSE Hinweise zur Forschungsliteratur. So erfuhr er beispielsweise, dass eine Festschrift des Ehinger Gymnasiums aus den 1970er Jahren sich bereits kritisch mit der Nazi-Haltung eines früheren Rektors im Schulbetrieb auseinandergesetzt hatte: mit Richard Blankenhorn, der nicht nur Rektor des Gymnasiums, sondern während des „Dritten Reichs“ auch Kreisleiter der NSDAP war.

Wann und wo aufgenommen?

Rak freut sich daher weiterhin über Hinweise aus der Bevölkerung. „Es scheint mir angemessen, diese wertvollen Hinweise zu kanalisieren“, sagt er. Konkret würde sich Rak auch über Hinweise zu Bildern aus Ehinger Fotobeständen freuen, die ihm nach Erscheinen der Artikel zugespielt worden sind. Es geht um Fragen wie: Wo und wann wurden die Fotos aufgenommen? Wer ist abgebildet? Was ist geschehen? Sämtliche Bilder, zu denen Rak sich Informationen erhofft, sind auf der von ihm betriebenen Internetseite www.ns-ehingen.de zu sehen (unter „Forschung“ – „Forschungswerkstatt“). Dort befinden sich mittlerweile auch seine Artikel, die in der SÜDWEST PRESSE erschienen sind (im Internet nun in wissenschaftlicherer Form).
„Gleichzeitig will ich aber auch die Erwartungen dämpfen: Ich allein kann nicht alles erforschen“, betont Rak, der sein Geld nicht mit Geschichte verdient, sondern mit der Schulung von Führungskräften. „Ob ich das mache oder andere – es geht darum, das zu sammeln, damit es nicht verloren geht. Auch seien die Museumsgesellschaft sowie das Stadtarchiv an dem Thema dran. „Ich werde das weitergeben an alle, die gern zum Nationalsozialismus in Ehingen forschen.“

Info Wer weitere Hinweise zur Geschichte des Nationalsozialismus in Ehingen hat, seien es Anekdoten, Fotos oder Schriftstücke, kann diese gern in die Redaktion der SÜDWEST PRESSE bringen (Marktplatz 6 in Ehingen oder E-Mail an et@swp.de) oder sich direkt an Christian Rak wenden unter E-Mail: info@ns-ehingen.de

Zur Person


Gastautor Der Zweite Weltkrieg endete vor 75 Jahren. Zu diesem Anlass geht die SÜDWEST PRESSE mit der Serie „Nationalsozialismus in Ehingen“ den Ereignissen in der Stadt nach. Gastautor ist Christian Rak. Der Ehinger hat an der Universität Tübingen bei Dieter Langewiesche promoviert, einem der renommiertesten Professoren zum Thema Nationalismus. Für seine Doktorarbeit erhielt Rak die Höchstnote und zwei Auszeichnungen. Die Serie mit den Beiträgen Raks endete in der vergangenen Woche. In weiteren Beiträgen wird die Redaktion unter anderem der Frage nachgehen, welche Folgen die Ergebnisse Raks haben könnten – und welche Schlüsse er über die konkreten Geschichten hinaus gezogen hat.