Das Rusenschloss, früher auch Hohengerhausen genannt, ist weithin bekannt. Von der im 11. Jahrhundert erbauten Burg ist noch der Pfeiler eines einst mächtigen Mauerbogens zu sehen. Im Blickfeld der Öffentlichkeit steht die Ruine auch aus einem anderen Grund: Das Land Baden-Württemberg lässt sie seit 2017 für mehr als drei Millionen Euro sanieren. Dass es in Blaubeuren-Gerhausen eine weitere „Burg“ gab, wissen dagegen nur wenige Menschen. Die vergessene Burg beim Hofgut Altental bleibt in der Geschichtsschreibung nicht völlig außen vor, weil ein versierter ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege nach einem Hinweis eines Ulmer Bürgers, der im Wald Scherben gefunden hatte, Untersuchungen angestellt hat.

Eiserne Geschossspitzen

Christoph Bizer, Lehrer aus dem Lenninger Tal, grub um die Jahrtausend-Wende im Laub und Steinschutt unter der mächtigen Felsengruppe des „Altentaler Kogel“ und fand Tonscherben von Küchengeschirr und von einem Kachelofen, die er nach ihrer Eigenart ins 12. Jahrhundert datierte. Drei eiserne Geschossspitzen bestätigten diese Einschätzung. Der Siedlungsplatz, der vermutlich Hohenstein hieß – so wird der Fels von Einheimischen bis heute genannt – könnte nach Bizer auch schon im Jahrhundert davor entstanden sein.

Nicht nur die Funde belegen das Vorhandensein der Burg. Weitere Indizien sind in Stein gemeißelt: Auf dem mittleren Pfeiler der Felsengruppe, dessen Gipfel aus einem rund 20 Meter langen Kamm besteht, sind drei große, quer in den Fels gehauene Balkenlager zu sehen. Auf der Talseite entdeckte Bizer zudem Reste von drei Stufen einer schmalen Felstreppe.
Christoph Bizer – er starb 2017 im Alter von 82 Jahren – veröffentlichte seine Erkenntnisse erstmals im Jahreskalender 2003 des Schwäbischen Albvereins und 2006 in einem Heft des Landesamts für Denkmalpflege. Auch ein Kapitel im jetzt erschienenen Buch „Blaubeurer Stadtgeschichten“ geht auf die unbekannte Burg ein. Weil keine Dachziegelstücke und keine Mauerreste zu finden waren, habe es sich wohl um einen Fachwerkbau mit lehmverstrichenen Flechtwerkwänden und einem Schilf- oder Schindel-Dach gehandelt. Bizer: „Durch den äußerst beschränkten Platz dürfte die Burg eher putzig und etwas kurios als wehrhaft und eindrucksvoll gewirkt haben.“

Beziehung zum Hof Altental

Schriftliche Überlieferungen zur Burg oder zu zugehörigem Adel sind laut Bizer nicht bekannt. In der Beschreibung des Oberamts Blaubeuren von 1830 wird allerdings ein „Hohenstein (das alte)“ genannt, und zwar in einer Reihe von Burgen und Edelmannssitzen, von denen schon damals nichts mehr zu sehen war. Beziehungen der Burg Hohenstein zum 1085 erstbezeugten Hof Altental seien anzunehmen, aber nicht zu belegen, schrieb Bizer.

Vorposten einer größeren Anlage?

Martin Häußler, Grenzstein-Forscher aus dem Blausteiner Teilort Arnegg, hat seine eigene Theorie: Die kleine Burg auf dem markanten Fels könnte ein Vorposten einer größeren, höher gelegenen Anlage gewesen sein. Unweit der Hangkante ist ein Fels zu sehen. „Von dort oben hat man einen weiten Blick, und drei Seiten bieten einen natürlichen Schutz“, sagt Häußler. Es ist nicht bekannt, dass dort jemand mal nach Siedlungsresten gegraben hätte.

Fels gehört heute ganz der Natur


Gesperrt Der Standort der Burg Hohenstein hoch über der Blau gehört heute ganz der Natur, dort fühlen sich streng geschützte Vögel wohl. Auf dem von Pflanzen überwucherten Fels sind jedoch die quer verlaufenden, in Fels gehauenen Lager für Holzbalken noch gut erkennbar. Der Pfeiler und die Felsen drumherum dürfen das ganze Jahr über nicht beklettert werden.

Namensgleichheit Hohenstein nennt sich auch ein Weiler, der rund zwei Kilometer südöstlich von Blaustein-Bermaringen an der Kante zum Lautertal liegt. Aus der staufischen Burgstelle wurde im Barock das Hofgut Hohenstein. Reste einer Burgruine namens Hohenstein sind auch im Kreis Reutlingen in der Gemeinde Hohenstein zu sehen. Die um 1100 erstmals erwähnte Burg war bis 1438 bewohnt.

Neidegg Nur etwa zweieinhalb Kilometer vom Standort der Altentaler Burg Hohenstein entfernt liegen die Mauerreste der ehemaligen Burg Neidegg. Sie wurde 1267 erstmals erwähnt und vermutlich 1480 zerstört. Das Gelände in der Nähe von Dietingen ist im Privatbesitz.