Dornstadt Gerlinde Kretschmann tauft Albabstiegstunnel

Dornstadt / THOMAS STEIBADLER 23.06.2014
Als irdische Vertreterin der Heiligen Barbara ist Gerlinde Kretschmann seit Montag im Amt. Die Frau des Ministerpräsidenten hat die Patenschaft für den Albabstiegstunnel der Schnellbahntrasse Wendlingen–Ulm übernommen.

Ihren nächsten Besuch auf der Großbaustelle vor den Toren Ulms hat Gerlinde Kretschmann bereits angekündigt. Am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, werde sie wiederkommen, um mit denen zu feiern, die sonst rund um die Uhr schuften. Gemeint sind die etwa 200 Tunnelbauer der Arbeitsgemeinschaft Züblin/Max Bögel. Im März bereits haben sie mit den Arbeiten für den 5,9 Kilometer langen Albabstiegstunnel zwischen Dornstadt und Ulm begonnen, mit dem symbolischen Tunnelanschlag fand am Montag auch die Tunneltaufe statt. Als Patin übernimmt Gerlinde Kretschmann, die Frau von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), die irdische Vertretung der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Bergleute. Bis zur Fertigstellung in etwa vier Jahren heißt der Tunnel deshalb Gerlinde-Tunnel.

Der evangelische Wirtschafts- und Sozialpfarrer Martin Schwarz und der katholische Betriebsseelsorger Alfons Forster rückten während der ökumenischen Tunnelsegnung ebenfalls die Mineure und deren Arbeit in den Mittelpunkt. „Vor der Hacke ist es dunkel“ – dieser Spruch gelte trotz aller Technik im Tunnelbau nach wie vor, sagte Schwarz. Rücksicht, Verlässlichkeit und Solidarität seien auf einer so komplexen und potentiell gefährlichen Baustelle unerlässlich, ergänzte Forster. Die zum Großteil aus Polen und Österreich kommenden Tunnelbauer leisteten gute Arbeit und hätten „anständigen Lohn“ verdient.

Während des feierlichen Baustarts stand ansonsten die Bedeutung der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm im Mittelpunkt. Volker Kefer, Bahn-Vorstand für Infrastruktur und Dienstleistungen, verglich die Schnellbahntrasse über die Alb und Stuttgart 21 mit dem Bau der bestehenden Strecke Stuttgart–Ulm in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals sei mit dem Bau der Bahn „der Grundstein für die Industrialisierung“ gelegt worden. Das aktuelle Projekt sei für Verkehr, Wirtschaft und Ökologie in der Region und im Land ähnlich wichtig. Laut Industrie- und Handelskammer Ulm werde die Neubaustrecke zur Schaffung von 9500 Arbeitsplätzen beitragen. Die Bahn rechnet Kefer zufolge mit jährlich zwei Millionen zusätzlichen Fahrgästen.

Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bezeichnete den Albabstiegstunnel als „gutes und wichtiges Projekt vor den Toren Ulms“ und die Neubaustrecke als „zentrales Großprojekt für die Infrastruktur in Baden-Württemberg“. Die Schnellbahntrasse über die Alb werde aber erst dann in Betrieb genommen, betonte er gegenüber unserer Zeitung, wenn auch vom umgebauten Hauptbahnhof in Stuttgart bis Wendlingen – einschließlich Flughafenanbindung – alles fertig sei. Die Beteiligung des Landes von 950 Millionen Euro an einem Projekt des Bundes sei nicht selbstverständlich, sagte Hermann. Nun sei es an der Zeit, dass der Bund seinen Teil der Finanzierung (knapp 2,2 Milliarden Euro) sicherstelle. „Wir wollen keine Hängepartie“, betonte Hermann und erinnerte an die Bedeutung der Schnellbahntrasse als Teil der Strecke Paris–Budapest, der „Magistrale für Europa“. Die neue ICE-Strecke müsse aber auch mit dem regionalen Netzt, zum Beispiel der Südbahn, verbunden werden, sagte der Minister. Deren Elektrifizierung sei immer wieder versprochen, nun aber zu einer „unglaublichen Hängepartie“ geworden. Während das Land seit Jahren seinen 50-Prozent-Anteil bereit halte, zögere das Bundesverkehrsministerium die Finanzierungsvereinbarung immer wieder hinaus. In diesem Zusammenhang kritisierte Hermann, dass kein Bundestagsabgeordneter zum symbolischen Start des Tunnelbaus gekommen war.

„Jetzt ist es am Bund, Farbe zu bekennen“, bezog auch der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) in Sachen Südbahn-Elektrifizierung Stellung. Schnelle Verbindungen wie die Neubaustrecke, dank derer die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm von 54 auf 31 Minuten verkürzt werden soll, müssten an Knotenpunkten regional verknüpft werden.

Zu den etwa 400 geladenen Gästen, die Wolfgang Dietrich, Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm begrüßte, gehörte auch der Dornstadter Bürgermeister Rainer Braig. Auf der Rednerliste stand Braig allerdings nicht – obwohl etwa 20 Kilometer der Neubautrasse über Dornstadter Gebiet führen.

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