Nachhaltigkeit Gemeinschaftsschule im Illertal eröffnet Kleiderbibliothek

Von Beate Reuter-Manz 11.05.2017

Schulbibliotheken gibt es viele. Dietenheim hat seit dieser Woche eine mit Seltenheitswert. Denn in der „Fashion Library“ leihen die Schüler keine Bücher aus, sondern Kleider. Zuständig für den Betrieb sind die Mädchen der AG „Textile Nachhaltigkeit“. Zusammen mit ihren beiden Coaches von der Universität Ulm wagen sie den Versuch, der in deutschen Großstädten schon hervorragend läuft. Carolin Becker-Leifhold, die gerade an ihrer Doktorarbeit zum Thema „Kollaborativer Konsum“ schreibt, berichtet von Erfolgen des „Kleiderrebells“ in Köln oder der „Kleiderei“ in Hamburg. Dort werden ausgefallene und hochwertige Stücke wochenweise verliehen. „Der Kleiderverleih ist zwar noch nicht Mainstream, aber er ist schwer im Kommen“, erzählt die Berlinerin.

Weil in Dietenheim im dritten Jahr daran geforscht wird, ob und wie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit an die textile Vergangenheit der Stadt angeknüpft werden könnte, bot sich ein „Andocken“ in der Schule an, berichten Becker-Leifhold und die Grafik-Designerin Anja Hirscher, ebenfalls Doktorandin an der Universität Ulm. Kleider ausleihen? Funktioniert das denn? Das fragten sich die elf Mädchen schon, als sie sich am Anfang des Schulhalbjahres für die Nachhaltigkeits-AG einschrieben. Sie erarbeiten ein Ausleih-Konzept und bemühten sich um einen geeigneten Raum. Aus der Theorie zur textilen Wertschöpfungskette ist den Mädchen einiges in Erinnerung geblieben. „Dass ein T-Shirt oft eine ganze Weltreise machen muss, bis es fertig ist: krass!“, erzählt Ili. Und dass Näherinnen in Bangladesh nur 30 Euro Monatslohn bekommen, gehe auch nicht. „Da sieht man den Billig-Pullover mit anderen Augen“, fügt ihre Klassenkameradin hinzu.

Seit kurzem steht für die Siebt- bis Zehntklässlerinnen die Praxis auf dem Programm. Jeden Donnerstag Nachmittag rattern im Dietenheimer Nähcafé die Nähmaschinen. Aktuell fertigen die Mädchen aus alten Stoffen  fröhliche „Dietenheim-Taschen“. Nicht alle können bereits so gut nähen  wie Isabel. Viele Kleider seien zu gut erhalten, um sie einfach wegzuwerfen. Oft könne man daraus Neues machen oder sie an andere weitergeben, erzählt das Mädchen, während es mit geschickten Händen das Loch in der Lederjacke ihres Klassenlehrers flickt. Wer sich noch nicht an die Nähmaschine traut, bügelt oder steckt ab. Anja Hirscher lobt die Mädchen. „Einige haben schon richtige Fortschritte gemacht.“ Bald stehen Upcycling-Arbeiten an, mit denen dann die schulische Kleiderbibliothek aufgepeppt werden soll.

Dort sind am ersten Öffnungstag die Regale gefüllt mit übrig gebliebenen Textilien aus der letztjährigen Tauschaktion bei „Dietenheim zieht an“ und Einzelstücken, die die Mädchen aus ihren Schränken aussortiert haben. „Gut erhalten, modern und sauber“ müssen die Sachen sein, zählt Fati die Kriterien auf.

Mit einer „Durchsage für alle modebewussten Schüler“ forderte Holger Hellendrung seine Eleven zum Besuch der Kleiderbücherei auf. Von einer „tollen Sache“ spricht der Rektor, als die Mädchen Regale Kleiderstangen noch etwas schüchtern in Augenschein nehmen. Lehrerin Carola Müller-Frei ist die Erste, die zuschlägt. Eine Bluse hat es ihr angetan. 50 Cent fallen an für zwei Wochen Ausleihen, sowie 50 Cent Pfand. Der Bann ist gebrochen. Die Mädchen werden mutig und ziehen sich in einen Nebenraum zum Umziehen zurück. „Wir brauchen dringend noch einen Spiegel und mehr Bügel“, notiert Ayla. Beifall gibt es für Neuntklässlerin Anka, als sie ein „neues“ Kleid vorführt. Sitzt wie angegossen. „Genau das Richtige für unsere baldige Berlin-Fahrt“, freut sich Isabel und lässt sich einen Pullover reservieren.

Mittlerweile haben auch die ersten Jungs den Weg in den zweiten Stock gefunden. „Ich wollte mir das einfach mal anschauen“, sagt André. „Wenn gute Sachen da sind, warum nicht?“, antwortet der Achtklässler auf die Frage, ob sich auch Jungs vom Kleiderverleih angesprochen fühlen könnte.