Freiherr Albrecht von Süsskind-Schwendi wohnt in einem Schloss mit 1100 Quadratmetern Wohnfläche und 35 Zimmern. Eines dieser Zimmer ist ein Kerker, der heute als Abstellraum dient. Das Tor dorthin ist mit Blumen dekoriert. "Wir haben das etwas wohnlicher gestaltet", scherzt Süsskind-Schwendi. Doch inzwischen ist das ganze Schloss dem Freiherrn ein Gefängnis geworden - ein üppig dimensioniertes und prächtig ausgestattetes Gefängnis. Denn er will verkaufen und findet keinen Käufer.

Eigentlich ist das Anwesen in der kleinen bayerischen Gemeinde Bächingen im Landkreis Dillingen ziemlich genau das, was man sich unter einem Traumhaus vorstellt: Vier Türme zieren das im 16. Jahrhundert erbaute Schloss im Stil der Renaissance. Es steht auf einem 19 000 Quadratmeter großen Grundstück, zu dem auch ein kleiner See mit eigener Quelle gehört. Dessen glasklares Wasser läuft in die Brenz ab, die das Grundstück begrenzt.

Früher floss Wasser des Flüsschens Brenz direkt um das Schloss, bis es Anfang des 20. Jahrhunderts umgeleitet wurde und aus dem Wasserschloss ein ehemaliges Wasserschloss wurde. Die Burggräben sind noch sichtbar, eine Mauer und viele Laubbäume machen das Schloss vom Ort her unsichtbar. Auf dem Dach haben sich Störche ein Nest gebaut, die schon seit Jahren auch den Winter lieber dort verbringen, als in den Süden zu fliegen. Nur der Freiherr möchte weg.

Seit drei Jahren bemüht sich Süsskind-Schwendi intensiv um einen Verkauf. Bisher vergeblich. Niemand war bereit, die geforderte Summe für das renovierungsbedürftige Schloss zu zahlen. "Wer will heute noch im Schloss wohnen?", fragt der Frei- und Schlossherr. Im Laufe der Jahre senkte er seine Preisvorstellung mehrfach auf 1,5 Millionen Euro. Doch der Adlige und seine Ehefrau, eine geborene Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, werden ihn nicht los, den Luxus längst vergangener Tage. Der Erhalt des Anwesens kostet die beiden 76-Jährigen von Jahr zu Jahr immer mehr Kraft und Geld.

62 Fenster sind zu putzen - eine Arbeit, die sie sich auf ein ganzes Jahr aufteilen. Unzählige Beistelltische, Kommoden und Vitrinen aus dunklem Holz müssen entstaubt und gewachst, das Silber muss poliert werden. Wenn der Freiherr nur den Rasen mäht, der direkt um das Schloss herum wächst, muss er einen Hektar - also ein ganzes Fußballfeld - mit seinem Aufsitzmäher abfahren. Im restlichen Park lässt er den Rasen inzwischen zur Wiese werden. Wildwuchs auch im ehemaligen Gemüsegarten.

Vergisst der Freiherr mal seine Brille oder seine Tasche und ihm fällt das vor der Schlosstür auf, dann muss er den ganzen weiten Weg zurück: in den großen Empfangssaal mit der gewölbten Decke, wo ein riesiger Spiegel und Wappen der verschiedenen Familienzweige an den Wänden hängen, am Kerker mit seiner blumengeschmückten Tür vorbei, die große dunkle Holztreppe hinauf. Süsskind-Schwendi sagt: "Ich fände es viel netter, in einem normalen Haus zu wohnen, wo es gemütlich ist."

Dabei ist es im Innern des Schlosses auch nicht gerade ungemütlich. Klar, es ist recht unbeengt unter den in allen drei Ebenen 4,80 Meter hohen Decken. Doch die fast vollständig historische Einrichtung schafft bei aller Weitläufigkeit eine Wohnlichkeit, die es bei Ikea nicht zu kaufen gibt. Durch den großzügigen Flur in der ersten Etage geht es auf wackelnden hellen Steinplatten, vorbei an Gemälden der Großeltern mütterlicher Seits, in das sogenannte größere Esszimmer, einen der schönsten Räume im Schloss.

In diesen vier grünen Wänden stehen acht Holzstühle um einen ovalen Tisch. Darüber hängt ein stattlicher Kronleuchter, von dem aus verschiedene teilweise vergoldete Vogelfiguren herabschauen. Auf dem Boden ein Teppich, dessen rote Farbe in Richtung der Fenster immer blasser wird. Um das Ausbleichen der Einrichtung durch die Sonne zu verhindern, halten die Süsskind-Schwendis einige der Fensterläden von Räumen, die sie gar nicht nutzen, dauerhaft geschlossen. Auch das größere Esszimmer nutzen sie selten, nur wenn viele Gäste zu Besuch sind. Die Bibliothek mit den handbemalten Tapeten: ebenfalls kaum genutzt.

Das ehemalige Billardzimmer ist einer von nur vier Räumen, die die Süsskind-Schwendis wirklich bewohnen. Darin ein ölbetriebener Kachelofen wie in beinahe jedem Raum des Schlosses. Im Winter hat dieser nicht nur der hohen Decken wegen viel zu tun. Auch weil die Fenster Richtung Norden liegen. Das Schloss war als Sommerschloss gebaut worden - zu Zeiten, in denen die bessere Gesellschaft im Sonnenschein mit Schirm spazieren ging, um die "noble Blässe" zu erhalten.

Albrecht von Süsskind-Schwendi spaziert oft durch den Ort. Immer ohne Sonnenschirm und meist, um sich mit den Bächingern zu unterhalten: "Den Schlossbesitzer lasse ich nicht raushängen, ich bin ein Bächinger wie die anderen auch." Die reden ihn aber oft mit der altmodischen französischen Bezeichnung für einen Freiherrn an: mit "Herr Baron". Er legt darauf keinen Wert.

Der Land- und Forstwirt im Ruhestand muss endlich verkaufen, sonst ist sein Besitz bald nichts mehr wert. Der Gemeinde hat er immerhin den ehemaligen Stall, wo früher Pferde, Rinder und Schweine standen, verkaufen können. Dort ist ein Museum eingezogen, das "Mooseum" heißt es, weil es sich dem Donaumoos widmet. Weitere Nebengebäude des Schlosses - darunter ein Pfarr-, ein Gärtner- und ein Jagdhaus sind noch in Besitz des Freiherrn. Nur das Pfarrhaus ist vermietet. Der Freiherr möchte alles im Paket mit dem Schloss verkaufen, innerlich ist das für ihn längst Geschichte.

Dieses Schloss hat eine bedeutungsvolle Geschichte, sagt Johannes Moosdiele. Der aus Bächingen stammende 28-Jährige promoviert an der Uni Augsburg, forscht zum Thema Kirchengeschichte in Bayern und weiß über das Schloss gut Bescheid. Bernhard von Westernach habe es von 1531 bis 1534 bauen lassen. Das Vermögen dafür hatte er in Diensten des Bischofs von Eichstätt erworben.

Wohl prominenteste Bewohnerin war Franziska von Hohenheim, die Herzog Karl Eugen von Württemberg heiratete und in der Folge 1790 Herzogin von Württemberg wurde. Sie verbrachte fortan bis 1811 einige Sommer im Schloss Bächingen. Ihr Mann war als Tyrann und Verschwender verschrien, sie soll mäßigenden Einfluss auf ihn gehabt haben, weshalb sie als "Guter Engel von Württemberg" bekannt ist. Moosdiele sagt, die Herzogin habe auch der Figur der Lady Milford aus Schillers Kabale und Liebe als Vorbild gedient. Sie förderte Schiller, besaß eine Jugendhandschrift von ihm. Der heutige Freiherr verkaufte diese an das Literaturarchiv Marbach.

Sein Ur-Ur-Großvater Johann Gottlieb Süsskind kannte keine Geldsorgen. Im Jahre 1821 brachte er das Schloss in Familienbesitz. Er entstammte einem Württembergischen Bürgergeschlecht und war mit Aktienspekulationen in Augsburg zu einem der reichsten Männer Europas geworden. Er investierte es in sechs Landgüter, die er später seinen Kindern vererbte. Eines der Güter ist das Schloss Bächingen. Mit dem Kauf wurde er in den Freiherrnstand erhoben.

Den Namenszusatz "Freiherr" wird auch Süsskind-Schwendi auf jeden Fall behalten. Ob er sein Schloss behalten muss, bleibt offen. Demnächst kommen Interessenten zur Besichtigung. Der Freiherr kann sich vorstellen, dass sein Schloss etwa als Hotel genutzt wird und es so der Gemeinde nutzen bringt. Er fände schlimm, wenn ein "neureicher Pimpf" einziehen würde, der sich isoliert und nur mit dem dicken Schlitten durch den Ort fährt. Den Luxus, ein gutes Angebot auszuschlagen, könnte er sich aber sicher nicht leisten.