Gesellschaft Gefällte Bäume: Stadt setzt zur Gegenrede an

Beim Ortstermin des BUND vor dem gerodeten Grundstück am Leubeweg in Klingenstein machten Bürger ihre Meinung klar: Die Fällung war illegal, die restlichen Bäume sind ein schützenswerter Wald. Stadtverwaltung und Landratsamt sehen das anders.
Beim Ortstermin des BUND vor dem gerodeten Grundstück am Leubeweg in Klingenstein machten Bürger ihre Meinung klar: Die Fällung war illegal, die restlichen Bäume sind ein schützenswerter Wald. Stadtverwaltung und Landratsamt sehen das anders. © Foto: Thomas Vogel
Blaustein / thv/sam 10.10.2018

„Das ist kein Park, kein Grünstreifen, sondern das ist Wald“, das stellte Gerlinde Gröschel-Jungwirth als Vorsitzende des BUND Blaustein, gleich in ihrer Begrüßung fest. Rund 40 Teilnehmer des Ortsbesuchs am abgeholzten Grundstück im Klingensteiner Leubeweg widersprachen erwartungsgemäß nicht. Sie halten die Fällaktion auf dem steil zur B 28 abfallenden Gelände nicht nur für fragwürdig, „sie war rechtswidrig“, sagte ein Teilnehmer.

Wie berichtet, hatte ein Bauträger die Bäume fällen und das Grundstück terrassieren lassen, noch bevor der Kaufvertrag unterschrieben war. Drei Doppelhäuser sollen dort entlang des Leubewegs entstehen – die Pläne dafür hatte der Ehrenstein-Klingenstein-Ausschuss laut Stadtverwaltung bereits abgesegnet. Die Erlaubnis, das Grundstück noch vor der Vegetationsperiode abzuholzen, sei legitim, erläutert Stadtbaumeisterin Sandra Pianezzola in einem gemeinsam mit Bürgermeister Thomas Kayser geführten Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE: Schließlich gehörte das Grundstück der Stadt.

Unterhalb dieses Areals, an der Ulmer Straße/B 28 sind zudem mehrgeschossige Wohnhäuser vorgesehen – die Verwaltung hatte auf eine Anregung eines Ausschuss-Mitglieds die Bebauung prüfen lassen und entsprechende Pläne entwickelt. Auch dafür müssten Bäume weichen: unter anderem mächtige, wohl um die 150 Jahre alte Eichen, die dort am Hang wachsen. „Hier herrscht ein waldtypisches Mikroklima, hier wachsen die typischen Frühjahrsblüher eines Mischwalds, hier sind andere Wind- und Lichtverhältnisse als außerhalb. Das ist zweifelsohne ein Wald.“ So argumentierte auch Ulrich Müller, der Vorsitzende des Regionalverbands Donau-Iller beim BUND-Termin.

Die Frage, ob es sich bei dem Baumbestand um Wald oder um eine Grünfläche handelt, hatte in der Stadt und auch im Gemeinderat für Diskussionen gesorgt. Denn während Landratsamt und Verwaltung anhand des Landeswaldgesetzes argumentieren, auf der 20 bis 30 Meter schmalen Fläche könne sich kein Waldklima entwickeln, widersprechen Anwohner wie Roland Kleinhempel vehement: Nicht nur, weil sie den Bäumen wichtige Beiträge zu Klima- und Naturschutz zuschreiben, sondern auch, weil die Fläche im bisherigen Bebauungsplan aus dem Jahr 1971 mit den Begriffen „Laubwald“ und „Waldkulisse“ beschrieben wird. Kleinhempel hat zusammen mit Alt-Gemeinderat Uwe Kohlhammer im Frühsommer die Bürgerinitiative „Pro Klingenstein“ und eine Unterschriften-Aktion gestartet, an der sich nach eigenen Angaben mehr als 550 Menschen beteiligt haben. Kohlhammer erinnert sich daran, wie der gesamte Hang noch von Wald bewachsen war – bevor Anfang der 70er das dortige Baugebiet entstand.

Baugebiet als Nachverdichtung

Nun also die „Nachverdichtung“: Die Bedarf an Wohnraum sei auch in Blaustein immens, sagt Bürgermeister Thomas Kayser. Es sei sinnvoll, die Innenentwicklung voranzutreiben und in erschlossenen Gebieten zu bauen.

„Eine Ausgleichsfläche für einen so alten Bestand muss doppelt so groß sein“, sagte hingegen Ulrich Müller. „Ist doch irre, und hier macht man das kaputt, was bereits besteht“, fand Ortstermin-Teilnhemer Norbert Blum. Gröschel-Jungwirth mahnte an, Bürger und ihren Verband künftig besser einzubeziehen: In Blaustein werde zu viel hinter verschlossenen Türen beschlossen.

Dem widerspricht die Verwaltung: Die Pläne hätten sich aus einer Bauanfrage für ein Einfamilienhaus im Jahr 2013 entwickelt. Sie seien mit der Zeit und in verschiedenen Beratungsschritten immer größer geworden, räumt Pianezzola ein. Aber nicht hinter verschlossenen Türen: Die Vorlage für den morgige Ausschusssitzung listet acht Beschlüsse in verschiedenen Gremien auf, fünf davon öffentlich. In der Gemeinderatssitzung im Juli habe man den neuen Bebauungsplan vorstellen wollen, darauf sollte die Bürgerbeteiligung folgen. Die Beratung wurde nach einem fraktionsübergreifenden Antrag vertagt. Morgen nun möchte die Stadtverwaltung eine „modifizierte Planung“ vorstellen und eine „Richtigstellung“ vorbringen.

Neue Pläne haben ein Baufenster weniger

Stellungnahme In der öffentlichen Sitzung des Ehrenstein-Klingenstein-Ausschusses stellt die Stadtverwaltung Blaustein morgen um 18 Uhr einen  leicht abgeänderten Bebauungsplanentwurf vor: Ein Baufenster neben dem Hochhaus am Leubeweg fehlt darin. Nach der Beratung im Ausschuss soll der Gemeinderat am 16. Oktober über den Plan entscheiden.

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