Langenau Gedenkveranstaltung: Francis Bioret hat viele Gesichter

Langenau / HELGA MÄCKLE 15.04.2013
Langenau will eine tolerante und offene Stadt sein. Dazu gehöre, sich an die dunklen Kapitel in der Geschichte zu erinnern, hieß es bei der Einweihung der Gedenktafel für den 1945 ermordeten Francis Bioret.

Es war eine seltsame Stimmung am Samstagabend auf dem Langenauer Marktplatz, nachdem die Gedenktafel für Francis Bioret enthüllt worden war: Einerseits schienen viele der rund 150 Langenauer bedrückt, weil sie sich in diesem Moment bewusst machten, dass genau 68 Jahre zuvor an eben dieser Stelle der 22-jährige französische Zwangsarbeiter von der SS erhängt worden war. Andererseits konnte man auch den Stolz der Menschen spüren, dass die Gedenktafel so viele Jahre nach dem nationalsozialistischen Verbrechen nun tatsächlich ihren Platz in der Mitte der Langenauer Gesellschaft gefunden hat. Oder wie der Künstler Michael Döhmann es ausdrückte, der die Gedenktafel entworfen hat: "Jetzt ist Francis Bioret wieder da. Etwas erinnert an ihn. Und damit hat er auch wieder etwas von seiner Würde zurückerlangt."

Begonnen hatte die Gedenkveranstaltung mit einer Feier im Pfleghof. Christoph Schreijäg, erster Beigeordneter der Stadt Langenau, wies daraufhin, dass es für eine Gesellschaft wichtig sei, sich auch mit den dunklen Kapiteln ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Schreijäg zitierte aus dem Leitbild der Stadt: "Langenau ist eine weltoffene, tolerante Stadt. Wir Bürger nehmen rechtsextreme Tendenzen und Intoleranz nicht hin, sondern sorgen gemeinsam dafür, dass Langenau ein Ort bleibt, an dem sich alle Menschen wohl fühlen - unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung, Geschlecht, Alter, Behinderung oder sozialer Stellung." Damit ein solches Bewusstsein entstehen könne, "muss man sich seiner eigenen Geschichte stellen", sagte Schreijäg. Er dankte den "Freunden von Francis Bioret", dass sie sich dieser Aufarbeitung angenommen haben. "Das verdient Respekt und Anerkennung."

Diesen Respekt zollte auch Jean Chaize den Langenauern. Er ist Präsident der französischen "Vereinigung zur Erinnerung am Zwangsarbeit und Kriegsverbrechen" und hat in Frankreich recherchiert, um mehr über den 1922 in Versailles geborenen Bioret und seine Familie herauszufinden. Chaize, Jahrgang 1922, rief vor allem die jungen Deutschen dazu auf, die Verbrechen während der Nazi-Diktatur nicht zu vergessen, Lehren daraus zu ziehen und in Zukunft "in Frieden und gegenseitigem Respekt" zusammenzuleben.

Dass sich in Langenau die jungen Menschen mit der Geschichte ihrer Stadt auseinandersetzen, zeigten Schüler des Literatur- und Theaterkurses des Robert-Bosch-Gymnasiums: Sie spielten auf der Pfleghof-Bühne ganz in Schwarz gekleidet eindringlich und eindrücklich Szenen zur Musik von Basti Bund über das wenige, was man heute über den Menschen Bioret weiß: Dass er jonglieren konnte, gesellig und lustig war - und dass ihm nach seiner Erhängung die Schuhe von den Füßen fielen und den Blick freigaben auf seine durchlöcherten Socken.

Wie berichtet, haben die "Freunde von Francis Bioret" - einer Gruppe um den Künstler Döhmann, den evangelischen Pfarrer Wolfgang Krimmer und Dr. Andreas Lörcher von der vh Ulm - sich vor drei Jahren zusammengetan, um mehr über Francis Raymond Bioret herauszufinden. Der Historiker Lörcher las den Besuchern am Samstag aus dem Urteil gegen den SS-Mann Emil Andreas Leimeister vor, der im Jahr 1961 wegen der Ermordung Biorets zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Anhand der Zeugenaussagen ließ er die Szenen am Abend des 13. April 1945 lebendig werden: Wie sich der schweigende Zug von SS-Angehörigen mit dem gefesselten Bioret in Richtung Marktplatz in Bewegung setzte. Wie der Henker kurz nach 22 Uhr den Schemel umstieß, auf dem der junge Franzose unter dem Galgen stand - und sofort tot war. Lörcher berichtete auch von den Bemühungen des damaligen Langenauer Bürgermeisters und einiger anderer Bürger, die Hinrichtung zu verhindern: Denn der SS-Mann Leimeister war weder dazu befugt, das Todesurteil zu verhängen noch es zu vollstrecken. Aber er wollte an dem aufsässigen Franzosen "ein Exempel" statuieren. Zehn Tage bevor die Amerikaner einmarschierten.

Pfarrer Krimmer berichtete, dass trotz aller Recherchen "wir kein Bild von Bioret haben und sein Gesicht nicht kennen". Aber das sei vielleicht auch gar nicht schlimm. "Denn Francis Bioret hat viele Gesichter. Das, das wir nicht kennen, Und auch das der anderen, über die man noch immer schweigt", sagte Krimmer. Denn noch immer gebe es Schicksale aus der Zeit der Nazi-Diktatur, die noch nicht erzählt wurden. Auch bei uns. Etwa das des polnischen Zwangsarbeiters, der in Setzingen erhängt wurde, weil er ein Mädchen aus dem Dorf liebte. Auch darüber spreche man nicht. "Noch nicht", sagte Krimmer. Oder das der russischen Mutter und ihrer beiden Kinder, die während des Krieges von Tieffliegern in der Nähe von Langenau erschossen wurden und deren Gräber bis heute auf dem Langenauer Friedhof sind. Letztlich sei die Gedenkplatte nicht nur für Francis Bioret. Sie sei für die vielen Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet wurden.

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