Langenau Gedenken in Form gegossen

Langenau / HELGA MÄCKLE 09.04.2013
Am 13. April 1945 hatte die SS den Zwangsarbeiter Francis Bioret auf dem Langenauer Marktplatz erhängt. Am Samstag wird dort, genau 68 Jahre nach der Ermordung des Franzosen, eine Gedenktafel enthüllt.

Lange wurde in Langenau mit der Erinnerung an Francis Bioret gerungen: Jahrzehntelang wollte sich niemand mit der Ermordung des französischen Zwangsarbeiters in den letzten Kriegstagen beschäftigen. Obwohl die Erinnerung an das Verbrechen am Abend des 13. April 1945 bei vielen älteren Langenauern durchaus präsent ist: Wie der junge Mann an dem Galgen auf dem Langenauer Marktplatz baumelte, an dem SS-Schergen ihn aufgehängt hatten. Die Leiche hing dort wohl zwischen zwei und fünf Tagen, viele Langenauer mussten daran vorbeigehen. Manche mehrmals - die Bilder brannten sich ein.

Am kommenden Samstag, genau 68 Jahre später, erhält die Erinnerung an das Opfer dieses nationalsozialistischen Verbrechens nun eine Form und einen Ort: Während einer kleinen Feier auf dem Marktplatz wird eine Gedenktafel für Francis Bioret in den Boden eingelassen (siehe Infokasten). Auf dieser Bronzetafel, die die Kunstgießerei Strassacker in Süßen (Landkreis Göppingen) nach einem Entwurf des Göttinger Künstlers Michael Döhmann gegossen hat, sind die Schuhe von Francis Bioret abgebildet. An diese ausgetretenen Schuhe erinnern sich alle Zeugen jenes 13. April 1945: Sie waren dem Gehängten von den Füßen gefallen, lagen unter dem Galgen und gaben den Blick frei auf die löchrigen Socken des jungen Zwangsarbeiters.

Abgebildet auf der Platte sind auch Jonglierbälle, denn offenbar konnte Bioret jonglieren und hatte ein paar weitere akrobatische Tricks auf Lager, die er ab und zu vorführte und mit denen er vor allem die Kinder begeisterte. Zum Verhängnis wurde Bioret, der bei einem Langenauer Schlossermeister arbeiten musste, offenbar seine Aufmüpfigkeit. Laut Zeugenaussagen hatte der Schlosser seinen Zwangsarbeiter mit einem Besenstiel und einem Schlauch übel zusammengeschlagen. In Anbetracht der hernrückenden Amerikaner - es war wenige Tage vor Kriegsende - drohte der Franzose daraufhin seinem Chef. Und der verpfiff ihn bei der SS, die in Langenau mit einem Genesenden-Bataillon stationiert war. Der stellvertretende Leiter dieses Bataillons, Emil Andreas Leimeister, verhängte das Todesurteil über Bioret, ohne dafür befugt zu sein und ordnete die Vollstreckung noch für denselben Abend an: Kurz nach 22.15 Uhr starb Francis Bioret am Galgen. Emil Andreas Leimeister wurde für dieses Verbrechen 1961 vom Landgericht Stuttgart zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch der Langenauer Schlossermeister wurde von einem französischen Kriegsgericht zu drei Jahren Kriegsgefangenschaft verurteilt.

Obwohl die Geschichte in Langenau bekannt war, wollte sich zunächst niemand so recht damit auseinandersetzen. Im Jahr 1985 veröffentlichte Wilmar Jakober vom Initiativkreis 8. Mai zum ersten Mal einen Text darüber in "Langenau unterm Hakenkreuz. Eine geschichtliche Stadtführung". Im Jahr 2009 nahm sich dann Michael Döhmann des Schicksals von Francis Bioret an, verfasste unter anderem eine szenische Lesung darüber - die Erinnerungsarbeit kam in Gang.

Obwohl sich eine Gruppe von Langenauern, die sich "Freunde von Francis Bioret" nennt, seit nunmehr fünf Jahren bemüht, mehr über Bioret herauszufinden, weiß man bis heute nur Bruchstücke aus dessen Leben. Dabei haben Döhmann, der evangelische Pfarrer Wolfgang Krimmer, Wilmar Jakober und Dr. Andreas Lörcher von der vh Ulm alle Hebel in Bewegung gesetzt, mehr über den Mann zu erfahren, der am 1. Mai 1922 in Versailles geboren wurde. Sie wendeteten sich unter anderem an das französische Generalkonsulat in Stuttgart, an die Stadtverwaltung von Versailles, an eine Organisation, die sich mit den Schicksalen von französischen Zwangsarbeitern beschäftigt. Die Ergebnisse sind - verglichen mit dem Aufwand - eher dürftig: Außer seinem Geburtstag und -ort weiß man heute, dass Bioret wohl gelernter Friseur war, dass er in der Stadt Gennevilliers im Departement Haut-de Seine lebte, bevor er nach Langenau kam. Dort befindet sich noch heute sein Grab: Seine Großmutter, die letzte lebende Verwandte Biorets, hatte die Umbettung von Langenau in seine Heimat im Jahr 1949 beantragt.

Viele Langenauer haben sich inzwischen in die Aufarbeitung des Schicksals von Francis Bioret eingebracht, haben ihre Erinnerungen erzählt, haben Geld gespendet, denn die rund 2000 Euro teure Gedenkplatte wird über Spenden finanziert. Einige haben sich auch dagegen gewehrt: "Lasst die alten Geschichten doch in Ruhe", wurde den "Freunden von Bioret" gesagt. "Dabei geht es überhaupt nicht um die Schuldfrage", sagt Pfarrer Krimmer. Vielmehr gehe es darum, an einen Menschen zu erinnern, "der in unserer Stadt ermordet wurde". Mit der Gedenkentafel für Bioret sollen Respekt und Menschenwürde angemahnt werden - und diese gelten in jeder Stadt, zu jeder Zeit.

Info Das Spendenkonto für die Gedenktafel: Evangelische Kirchengemeinde Langenau, Kto. 375 03 19, Sparkasse Ulm (BLZ 630 500 00)

Stichwort: "Francis Bioret".

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