Dietenheim Garnhersteller Otto-Garne ist erfolgreich mit Öko-Zwirn

Dietenheim / BEATE REUTER-MANZ 20.02.2014
Für Garnhersteller ist das Geschäft schwer geworden. Wie es dennoch klappt, zeigt Geschäftsführer Andreas Merkel am Beispiel der alteingesessenen Dietenheimer Spinnerei Otto. Der Gemeinderat staunte.

"Baumwollfeinzwirnerei Gebrüder Otto": Das klingt - mit Verlaub gesagt - ziemlich angestaubt. Doch altbacken ist beim örtlichen Garnhersteller heute nur noch der Name - und vielleicht der ein oder andere Gebäudeteil. Alles andere in den Werken in Dietenheim und Balzheim kommt innovativ und modern daher. Davon konnte sich am Montag der Dietenheimer Gemeinderat ein Bild machen. Statt Aktenwälzen im Rathaus-Sitzungssaal gab es eine kurzweilige Betriebsbesichtigung und viel zum Staunen und Nachdenken.

Dass in einer Spinnerei aus dem Naturprodukt Baumwolle Fäden gesponnen werden und ein feiner Zwirn sich aus mehreren solcher Fäden zusammensetzt, das war den meisten ja noch bekannt. Dass das Garn für hochwertige Dessous freilich gleich so fein ist, dass ein Gramm für sage und schreibe 280 Fadenmeter reicht, das verblüffte die Besuchergruppe dann doch. Eher nachdenklich stimmte das Gemeinderats-Gremium die Tatsache, dass in einem T-Shirt 4100 Liter Wasser stecken. "Virtuelles Wasser", das keiner sieht, benötigt bei der Herstellung. "Bis ein Kilo Baumwolle herangewachsen ist, braucht es bis zu 27 000 Liter Wasser - ein Tanklaster voll", formulierte es Geschäftsführer Andreas Merkel drastisch, der zur Betriebsbesichtigung geladen hatte.

Diese unterirdische Öko-Bilanz war für Merkel ein absolutes "No-Go" und Motivation für die Entwicklung eines neuen Herstellverfahrens, als er 2003 in der vierten Generation in die Geschäftsführung des Familienbetriebs einstieg. Der studierte Textiltechniker mit wirtschaftlichem Aufbaustudium hatte schon damals eine Vision davon, wie er den vom Ur-Großvater 1901 gegründeten Betrieb zukunftsfähig machen wollte. Zum führenden Garnhersteller in Deutschland aufsteigen, hohe ethische Werte schaffen, sowie Wachstum in profitablen Nischen finden. "Qualität, Nachhaltigkeit, Innovation: Da muss man gut sein, egal ob Möbelbauer, Garnproduzent oder Bank", machte Merkel vor seinem interessierten Publikum deutlich. Doch in einer "hammerharten Branche" reicht nur gut sein scheinbar nicht aus. Als "dramatisch" bezeichnete Merkel das Sterben der Spinnereibetriebe. Gerade 25 Firmen der früher so starken deutschen Textilbranche haben bis heute überlebt. Gut, wer da Alleinstellungsmerkmale hat, wie Otto Dietenheim.

Hinter dem firmeneigenen Label "recot" beispielsweise verbirgt sich eine recycelte Faser. Abfälle aus dem Produktionsprozess, Spulfäden und Webkanten beispielsweise, werden zu einem hochwertigen Garn verarbeitet. Schon geringfügige Beigaben zu neuer Baumwolle helfen immens beim Wassersparen. Einen Namen machte sich Otto auch 2005. Den schwäbischen Tüftlern gelang erstmalig die Verarbeitung der nachwachsenden, extrem leichten, aber schwer zu bändigenden Kapok-Faser aus Südamerika.

Das Nachhaltigkeitskonzept der Firma Otto gilt mittlerweile als beispielhaft und brachte dem Unternehmen einige umweltrelevante Auszeichnungen ein. 2010 gab es den baden-württembergischen Umweltpreis. 2011 wurde Otto unter 1300 Bewerbern auf Platz 31 der nachhaltigsten deutschen Unternehmen gesetzt. Sämtliche Garne sind nach Öko-Tex zertifiziert - darüber hinaus werden auch Garne mit Fairtrade, Öko und Organic produziert.

Alle Ziele auf seiner Agenda kann Merkel noch nicht als zu "100 Prozent erledigt" abhaken, doch Vieles ist ihm und seinen Mitstreitern in den vergangenen Jahren gelungen. Stolz ist der umweltbewusste Chef auf die finanzielle Stabilität seines Unternehmens mit weniger als 15 Prozent fremdfinanziertem Kapital. "Als Familienunternehmen legen wir Wert darauf, unseren Mitarbeiterstamm zu halten", betonte Merkel. Während in Dietenheim in drei Schichten produziert wird, läuft die Balzheimer Produktion unter Betriebsleiter Oliver Kächler im Vier-Schicht-Betrieb. Genauer gesagt an 330 Tagen 24 Stunden lang. "Nur im Sommer wird für Wartungsarbeiten zwei Wochen lang geschlossen", informierte Kächler.

Waren die Gemeinderäte schon in Dietenheim angetan von bunten Farbflaschen und riesigen Garnrollen, so gab es bei der Produktion in Balzheim noch mehr zu bestaunen. Beeindruckend allein schon das Vorratslager, wo Rohstoffe für vier Monate vorgehalten werden.

"Nachhaltig ist für mich auch, dass Sie am Standort festhalten", bilanzierte am Ende ein sichtlich beeindruckter Bürgermeister, der auch daran erinnerte, dass es noch in den 70er Jahren 1000 textile Arbeitsplätze in Dietenheim gegeben hatte. Christopher Eh kennt die Firma Otto aus seiner Jugendzeit als Ferienjobber und Praktikant. Damit hatte er selbst "alten Hasen" im Gemeinderat etwas voraus. Viele konnten am Montag erstmals einen Blick hinter die Kulissen werfen.

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