Landwirte Frust im Blauzungen-Sperrgebiet

Dr / Karin Mitschang 12.02.2019

Franz Rempesz hat es eilig. Mit einer Impfpistole läuft der Tierarzt im Stall von Reiner Class, nördlich von Laichingen gelegen, von Kuh zu Kuh. Nachdem er die Impfung gesetzt hat, markiert er Hintern um Hintern mit einem dicken, blauen Stift. „Der Impfstoff gegen die Blauzungenkrankheit ist schon seit zwei Wochen ausverkauft“, erzählt Rempesz. 65 Kühe erhalten an diesem Tag ihre Dosis aus Rempesz’ Restbeständen. „Hier oben auf der Alb ist es kalt, hier kommen gar keine Gnitzen hin.“ Er meint damit die Stechmücken, die den Blauzungen-Virus übertragen (siehe Infokasten).

Doch wer Tiere aus dem Sperrgebiet verkaufen will – seit Mitte Dezember ist ganz Baden-Württemberg „Sperrgebiet zum Schutz gegen die Blauzungenkrankheit“ – lässt die Kühe dennoch jetzt impfen. Denn die Bauern können Kälber nur dann aus der Sperrzone heraus verkaufen, wenn diese die „Biestmilch“, also Erstmilch, einer Mutterkuh erhalten haben, die zuvor geimpft worden ist.

Weil mindestens sechs Wochen vergehen, bis die Impfung wirksam wird, hat Tierarzt Rempesz derzeit alle Hände voll zu tun, um das Blut von Kälbern zu untersuchen, die von ungeimpften Kühen stammen. Die Kälber müssen zudem ein Insektenschutzmittel verabreicht bekommen. Nur dann dürfen sie innerhalb von sieben Tagen verkauft werden.

Seit 26. Januar ist auch der Kreis Neu-Ulm Sperrbezirk, nachdem die Krankheit in 14 Betrieben in den Landkreisen Rastatt, Breisgau-Hochschwarzwald, Freiburg Stadt und Lörrach anhand von Blutproben nachgewiesen worden ist. Die betroffenen Tiere zeigten keine Symptome: „Wahrscheinlich war das Virus schon im Sommer verbreitet, es hat nur keiner gemerkt“, sagt Rempesz, der von großem Frust unter den Landwirten spricht, die jetzt einiges an Tierarztkosten berappen müssen. Pro Rind und Impfung gibt es in Baden-Württemberg einen Euro Zuschuss vom Land und der Tierseuchenkasse gemeinsam – je nach Größe des Betriebs kostet sie zwischen sechs und acht Euro. Neben den Kosten ärgern sich die Landwirte über den zusätzlichen Bürokratieaufwand, sagt Hanns Roggenkamp vom Bauernverband Ulm-Ehingen. Denn obwohl deren Rinder und Schafe bereits in einer Datenbank registriert sind, müssen sie ihren Bestand erneut melden, wie auch Hobby-Tierhalter. Roggenkamp: „Das ist absolut unverständlich.“

Vor einigen Jahren war die Impfung von Rindern und Schafen gegen die Blauzungenkrankheit Pflicht, nun ist sie freiwillig. Das frustriert Tierarzt Rempesz: „Sie können mit einer freiwilligen Impfung keine Seuchen bekämpfen.“ Auch Fachdienstleiter Dr. Hans-Joachim Butscher vom Landratsamt Alb-Donau meint: „Die Wiedereinführung der Impfpflicht wäre sinnvoll, aber nur im Verbund mit Frankreich, Italien und der Schweiz, wo die Krankheit seit Jahren vorkommt.“ Sein Fachdienst, ebenso wie der Veterinärdienst des Landkreises Neu-Ulm, sammeln derzeit Untersuchungsergebnisse, beraten Landwirte und nehmen Stichproben. „Das ist schon ein großer Aufwand“, sagt Butscher. Er hält es für durchaus möglich, dass die Blauzungenkrankheit auch in der Region ausbricht, wenn ab Ende Februar Fluginsekten wieder aktiv werden.

Landwirte haben wenig Futter

Roggenkamp lässt die Tiere auf seinem Hof bei Allmendingen seit Jahren impfen. Ihm zufolge bräuchte es einen Impfgrad von 80 Prozent, um das Virus auszurotten. Derzeit liege der Wert bei 20. Roggenkamp sieht dem Moment, wenn der Impfstoff endgültig aus ist, bang entgegen. Denn dann bleiben unverkäufliche Tiere in den Ställen, „und durch die Trockenheit 2018 gibt es teilweise jetzt schon zu wenig Futter“.

Derzeit seien die Minister der Bundesländer dabei auszuloten, wie es nach dem 28. Februar weitergeht, denn nur bis dann gelten die Handelsregeln. Das Sperrgebiet aber wird grundsätzlich erst aufgehoben, nachdem ein Bundesland zwei Jahre frei vom letzten amtlich bestätigten Blauzungenfall ist.

Blauzungenkrankheit für Menschen ungefährlich

Virus Die Blauzungenkrankheit ist eine anzeigepflichtige Tierseuche. Das Virus wird von bestimmten Stechmücken-Arten übertragen und befällt Wiederkäuer wie Schafe, Rinder und Ziegen. Ein Symptom ist eine blau verfärbte Zunge, vor allem aber treten Fieber und Schleimhautveränderungen am Kopf auf.

Mensch Das Virus kommt weltweit in tropischen und subtropischen Regionen vor und ist für den Menschen ungefährlich. Fleisch und Milch sowie daraus hergestellte Erzeugnisse können ohne Bedenken verzehrt werden, teilt das Landwirtschaftsministerium mit. Mehr Infos gibt es unter:
www.mlr.baden-wuerttemberg.de

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