Vortrag Vortrag über künstliche Intelligenz

Wolfgang Ertel sprach in Laichingen.
Wolfgang Ertel sprach in Laichingen. © Foto: Christina Kirsch
Laichingen / mp 15.06.2018
Über künstliche Intelligenz referierte Prof. Dr. Wolfgang Ertel in der Volksbank Laichingen.

Erstens: Es kommt schneller, als man denkt. Zweitens: Es kommt schlimmer, als man denkt. Und drittens: Leider denkt der Mensch zu wenig. Vor allem befasst er sich ungern mit der Zukunft. In diese Richtung gingen die Aussagen von Wolfgang Ertel, Professor an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, der auf Einladung der Volkshochschule Laichingen in den Räumen der Laichinger Volksbank über Künstliche Intelligenz (KI) sprach. Nach zweieinhalb Stunden hatte der Forscher dargelegt, dass die Menschen in absehbarer Zukunft nicht mehr die Designer der Welt sein werden.

Was für das Publikum unvorstellbar war, wird von Wissenschaftlern nicht für abwegig gehalten. Nach einer Umfrage unter Forschern, die mit der  Materie vertraut sind, glauben 200 Wissenschaftler, dass im Jahr 2050 die Computer klüger sein werden als der Mensch.

Wie das geht? Prof. Wolfgang Ertel legte in seinem spannenden Vortrag dar, wie lernfähige Algorithmen in vielen Anwendungen genutzt werden können, um Systeme nachhaltiger zu machen. Das geschieht zum Nutzen der Menschen, kann aber auch zum Schaden der Menschen verwendet werden.

Zuerst gab es eine Definition:  Die Künstliche Intelligenz  erforscht, ob und wie Computer Dinge tun können, die wir heute noch besser können.  Wie so ein lernfähiger Computer aussieht, demonstrierte Ertel an einem kleinen Modell. Der Roboter sollte sich geradeaus nach vorne fortbewegen und lernte mittels automatischer Optimierungsprozesse, wie er vorwärts kommt. Je nach Untergrund entwickelt er andere Strategien und läuft auf einer nassen Oberfläche komplett anders als auf einer rauen.

Im Hochschullabor der Universität Ravensburg-Weingarten werden Service-Roboter entwickelt, denen der Mensch einen bestimmten Handgriff vormacht. Der Roboter erkennt die Abläufe soweit, dass er es nachmachen kann. Der Roboter „Marvin“ bringt auf Befehl eine Dose Limo aus dem Kühlschrank und schenkt sogar ein. „Solche Assistenzroboter stehen quasi in den Startlöchern“, sagte der Referent. „Google ist da schon sehr weit“. Für Menschen mit Behinderung seien diese lernfähigen Roboter ein Segen.

Auch in der Pflege können sie eingesetzt werden, „und einem Roboter ist es egal, ob ein dementer Mensch ihn permanent drangsaliert“, meinte der Wissenschaftler „Roboter sind billig, bequem und komfortabel“, fasste Ertel zusammen. „Aber Roboter  sind nicht umweltfreundlich und verbrauchen Ressourcen“, schränkte der Referent ein. Roboter stehen schon jetzt als zuverlässige Helfer zur Verfügung. Sie erkennen mit einer höheren Trefferquote als Fachmediziner ein Krebsmuster auf einem bildgebenden Verfahren.

„Vermutlich ist sich die Mehrheit der Menschen darin einig, dass schwere, schmutzige und ungesunde Arbeit besser von Maschinen erledigt werden sollte“, meinte der Referent. Aber wie sieht es beim Thema Sex-Robotern aus, die sogar Emotionen zeigen können? Oder Minidrohnen, die mittels Gesichtserkennung ihr Opfer mit tödlicher Sicherheit finden und erschießen?

 Wachstum oberstes Gebot

Spätestens in diesem Stadium des Vortrags wurde es einigen Zuhörern mulmig. Doch es wurde noch deprimierender. Die Produktivität der Wirtschaft wächst mit den Robotern, der Konkurrenzdruck steigt und aufgrund des Wettbewerbs muss immer billiger produziert werden. Arbeiter müssen entlassen werden. Damit aber der monetäre Umsatz nicht sinkt, müssen mehr Produkte hergestellt und verkauft werden. Oberstes Gebot der Wirtschaft ist ihr Wachstum.

Doch die Wachstums- und Konsumspirale führt dazu, dass die Lebensbedingungen immer schlechter werden. „Es ist kein Geheimnis, dass die Grenzen des Wachstums für die Erde längst überschritten sind“, sagte Ertel. Mittlerweile habe es jeder mitbekommen, dass die Menschheit Raubbau an der Natur betreibt und es in Kauf nimmt, dass die Enkel schlechtere Lebensbedingungen haben werden als man selbst. „Dieses Problem zu verstehen und den rechten Weg zu finden, ist eine der zentralen Aufgaben der heutigen Zeit.“

Wolfgang Ertel plädiert dafür, die Systemfrage zu stellen. Bessere Verteilungsgerechtigkeit,  eine Änderung der Lebensstile, eine Gemeinwohlökonomie und eine Umverteilung des Wohlstands hält der Wissenschaftler für dringend notwendig. Diese Forderung hatte in einem Vortragsraum einer Bank besonderen Charme. Und er stieß auch nicht auf allgemeine Zustimmung, die der Referent per Handzeichen abrief. Trotz der späten Stunde entwickelten sich nach dem Vortrag noch eine rege Diskussionen darüber, wie die Zukunft der Menschheit aussehen wird.  Die Diskrepanz zwischen dem, was die Gesellschaft tun müsste und dem, was man tut, wurde an dem Abend wieder deutlich.

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