Geschichte Flößerei: Markige Gestalten auf der Iller

Die Illerbrücke bei Unterkirchberg um 1541. Oben die Kirche St. Martin und das Ulmer Zollhaus (ganz rechts), unten der Freudenegger Hof.
Die Illerbrücke bei Unterkirchberg um 1541. Oben die Kirche St. Martin und das Ulmer Zollhaus (ganz rechts), unten der Freudenegger Hof. © Foto: Franz Glogger
Unterkirchberg / Franz Glogger 19.07.2018

Als der Iller-Flößer das auf einem Bergsporn thronende Oberkirchberger Schloss passiert – damals eher eine Festung – wird es ihm mulmig. Denn das bedeutet: Demnächst ist die Unterkirchberger Brücke zu passieren. Schon bei leicht erhöhtem Pegel ist es schwierig, eins der Joche – die Lücke zwischen zwei Stützen – zu passieren. Am Tag zuvor aber hat es im Allgäu geschüttet, der Fluss beginnt anzuschwellen. Da ist Konzentration gefragt, um nicht an einem Pfeiler zu zerschellen. Denn das kann den Verlust der gesamten Ladung bedeuten. Der erfahrene Mann hat diesmal alles im Griff. Sicher bugsiert er das Floß durch das Joch, wirft dem Ulmer Zöllner den Beutel Dukaten zu, dann geht die Fahrt weiter in die Reichsstadt Ulm.

Wann die Flößerei auf der Iller begonnen hat, ist nicht belegt. Fachleute vermuten, dass der Fluss bereits zur Zeit der Römer als Transportweg genutzt wurde. Dagegen ist das Ende zumindest auf Wikipedia genannt. Demnach fuhr 1918 das letzte Floß gen Ulm – vor 100 Jahren.

Kanäle entzogen Wasser

Als eine Ursache des Niedergangs wird in dem vom Bauernhofmuseum Illerbeuren herausgegeben Buch „Die Iller“ eine völlig verunglückte Begradigung genannt (die große Iller-Correction 1859 bis 1894). Sie habe im Oberlauf für eine zu schnelle Eintiefung des Flussbetts gesorgt und im Unterlauf für das Ansammeln von Kiesbänken, die oft ein Weiterkommen verhinderten. Weiter sei mit der Industrialisierung und dem Bau von Kanälen dem Fluss viel Wasser entzogen worden. Und nicht zuletzt gab es mit der Bahnstrecke Kempten – Ulm seit 1863 eine Konkurrenz, die schneller, zuverlässiger und Waren schonender transportierte.

Bis dahin aber war Kempten der große Umschlagplatz für Waren aller Art. Grundlage eines jeden Floßes war Holz. Ob Langholz zum Bauen, in Brettern geschnitten oder als Brennholz. Mit Ulm wartete an der Mündung ein stets bedürftiger Abnehmer. Auch sonst lag Kempten strategisch gut. Über den Fernpass eintreffender Wein aus Italien  wurde verladen, unweit kreuzte die Salzstraße Landsberg – Bodensee, Käse, Flachs, Baumwolle und zum Färben dienende Blumen sind in einer Zollliste zu finden. Apropos Käse: Um 1850 wurden von Kempten aus jährlich 6000 Zentner nach Ulm geflößt.

Natürlich nutzten auch Menschen das Floß – von Soldaten in Kompaniestärke über Handwerksburschen bis zu Auswanderern samt Hab und Gut. Die Fahrt endete auch nicht unbedingt in Ulm, sondern ging weiter bis nach Wien und Budapest. Im Übrigen dürfe die Iller, wie es im dem Buch heißt, nicht nur als Nebenfluss der Donau gesehen werden. Im Gegenteil. Das reichliche Wasser aus dem Allgäu macht die Donau erst ab Ulm zu einem ordentlichen Fluss. Die Illerflößer hatten damit Anschluss an den internationalen Speditionshandel bis auf den Balkan.

So viel Verantwortung für Waren und Menschen verlangte auch eine Ausbildung. Die Ulmer Flößer gehörten zur gemeinsam mit den Fischern und Garnsiedern gebildeten Zunft und mussten ihr Handwerk lernen. Ein Floßmeister war in Personalunion Wasserspediteur und Fernhändler.

In den Gassen fielen die Iller-Flößer als markige Gestalten auf, unverkennbar ihre Stiefel, die bis über die Oberschenkel gezogen werden konnten. Nach Tagen harter Arbeit ließen sie es wohl ordentlich krachen. „Drei Doppelliter darf ich sagen, füllen erst den Flößer-Magen“, heißt es in einem Scherzlied.

Vielleicht war es eine solche Gestalt, mit dem der Zimmergesell Johan Michael Weitmann einst in der Unterkirchberger Flößerwirtschaft Rathswirts-Haus bis in die Nacht gezecht und gespielt hatte. Jedenfalls fand man Weitmann später in einem Stadel „in seinem Blute liegen“, wie es in einer Ortschronik heißt. Ob er von der Heubühne gefallen war oder ihm „ein roher Flößer eins versetzt“ hatte, konnte nie geklärt werden.

„Nafloßa“ als Gegenstück zum „Nabada“

Konkurrenz „Nafloßa“ nahm der Kraftsportverein (KSV) Unterkirchberg erstmals vor 40 Jahren wörtlich und schuf auf der Iller das Gegenstück zum Ulmer „Nabada“. Hier wie dort wird die kleine und große Politik auf die Schippe genommen. Nachdem es bei einem Iller-Hochwasser fast zu Unfällen gekommen ist, findet das Nafloßa nun auf der Weihung statt. Es bildet am Montag ab 17 Uhr den Abschluss des Illertalfestes.

Fest Die 44. Auflage beginnt morgen (Freitag) um 19 Uhr auf dem Gemeindefestplatz mit einer Jugend-Disco. Eintritt 2 Euro. Am Samstag steigt ab 20 Uhr eine Summerparty mit der Band „The Bananax“ und den DJs Omega Beat-Hunterz. Bis 21 Uhr Eintritt frei, danach 5 Euro. Sonntag ist Familientag mit Gottesdienst um 10:45 Uhr, Mittagessen, Kinderfest (14 Uhr), dem traditionelle Kick F-Jugend gegen ihre Mütter (17 Uhr) und dem Ausklang mit den „Oldies“ (18.30 Uhr). Eintritt frei.

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