Freiwild Festival in der Grauzone deutscher Rockmusik

Im Café 4 in Blaubeuren diskutierten die Besucher mit Cord Dette (hinten sitzend) und Angelika Vogt (stehend) über Musik in der Grauzone zum Rechtsrock.
Im Café 4 in Blaubeuren diskutierten die Besucher mit Cord Dette (hinten sitzend) und Angelika Vogt (stehend) über Musik in der Grauzone zum Rechtsrock. © Foto: Volkmar Könneke
Laichingen / Von Thomas Steibadler 10.07.2018

Bis zu 9000 Besucher erwartet Veranstalter Andreas Kamm beim „Rock dein Leben“-Festival in Laichingen. Das ist nicht übertrieben, meint Cord Dette vom Regionalen Demokratiezentrum Albbündnis. Bands wie Freiwild, Unantastbar und Krawallbrüder, die vom 19. bis 21. Juli auf dem Gelände des Flugsportvereins Laichingen auftreten, haben tausende Fans. Auch wenn sich die Musiker in der Grauzone zum Rechtsrock bewegen.

Um mehr über diese Grauzone zu erfahren, hatte Micha Schradi vom Evangelischen Jugendwerk Blaubeuren den Jugend-Sozialarbeiter Cord Dette ins Café 4 eingeladen. Nach eigenen Worten beschäftigt sich Dette seit der Jugend „mit Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll“ und spielt noch immer in einer Punk-Band. Die entscheidende Frage laute: „Warum hören Leute eine bestimmte Musik?“

Einfache Antworten bekamen die etwa 25 Besucher am Sonntagabend nicht zu hören. „Die Grauzone ist halt Grau, und je tiefer man reingeht, desto komplexer wird es“, sagte Dette. Mit einer Begriffsdefinition versuchte er, Kontraste ins Grau zu bringen. Merkmale von Rechtsrock seien die Verklärung einer „neuen alten Welt“, Deutschland- und Wehrmachtverherrlichung, Begriffe wie „Treue“ und „Ehre“, Gewalt als Spaßelement, die kultische Verehrung von Alkohol. Hinzu kämen „klare Feindbilder“: Demokratie, Politiker, Medien, Flüchtlinge, Ausländer, Linke, religöse Gruppen, Hartz-IV-Empfänger. Germanenkult werde gepflegt und „Antisemitismus schimmert durch“. Von solchen Inhalten hätten sich zum Beispiel die Sänger der Südtiroler Bands Freiwild und Unantastbar, die beide Mitglieder der Rechtsrock-Band Kaiserjäger waren, distanziert, sagte Dette.

Wer kein Freund wird zum Feind

Auf Politik und Medien schimpfen Dette zufolge auch konservative, aber nicht rechtsradikale Deutschrock-Bands. Diese hätten im Gegensatz zu Rechtsrock-Gruppen aber keinen politischen Veränderungswillen. Eines ihrer großen Themen sei die Freundschaft, und wer kein Freund sei, werde zum Feind erklärt. Hier sieht Dette eine starke thematische Verbindung zwischen Deutschrock, rechter Grauzone und Rechtsrock. Ein weiterer Schlüsselbegriff in den Texten sei „Heimat“. Viele junge Leute wollten sich mit ihrer Heimat identifizieren, sagte Dette. Aber Pädagogen und Linke hätten diesen Begriff „nicht positiv besetzt“ und es somit dem rechten Spektrum überlassen, die „Heimat-Leere“ auszufüllen.

Als Beispiel führte Dette den Titel „Wahre Werte“ von Freiwild an. Darin heißt es: „Da, wo wir leben, da, wo wir stehen, ist unser Erbe, liegt unser Segen. Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache, für uns Minderheiten eine Herzenssache.“ Aber auch: „Nicht von gestern, Realisten. Wir hassen Faschisten, Nationalsozialisten. Unsere Heimat hat darunter gelitten, unser Land war begehrt, umkämpft und umstritten. Patriotismus heißt Heimatliebe, Respekt vor dem Land und Verachtung der Kriege.“ Dettes Kommentar: „Die positionieren sich. Ob man das auch glaubt, ist eine andere Sache.“

Nach Ansicht von Angelika Vogt vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg, ein in der Extremismus-Prävention tätiges Netzwerk, bleiben Grauzonen­-Bands in ihren Aussagen bewusst uneindeutig. Eine Taktik, die auch von Rechtspopulisten angewandt werde: „Da liegt eine große Gefahr drin.“

Bewusst uneindeutig

Diese Einschätzung teilen auch eine Zuhörerin, die vor einer Verharmlosung der Grauzonen-Akteure warnte, und Micha Schradi. „Das ist vielleicht nur eine Furcht. Aber womöglich bleiben diese Bands bewusst in der Grauzone“, sagte der Bildungsreferent des Evangelischen Jugendwerks.

Die Furcht sei berechtigt, räumte Cord Dette ein. Umso wichtiger sei es, sich mit den jungen Fans zu beschäftigen. Viele hätten noch kein festes Weltbild, für sie sei die Nähe zur Grauzonen-Musik „eine Passage in der Entwicklung“. Wichtig sei, nicht Verbote auszusprechen, sondern mit den jungen Leuten zu diskutieren. „Wir haben eine Jugend, die sich Gehör verschaffen will.“

Kundgebung auf dem Marktplatz

Protest „Auf die Straße! Gegen das größte rechtsoffene Rockfestival in Süddeutschland“ Unter diesem Titel rufen die Gruppe Kollektiv 26 und das Bündnis gegen Rechts Ulm zu einer Kundgebung und Informationsveranstaltung in Laichingen auf. Manche der Bands, die beim Festival „Rock dein Leben“ auftreten werden, hätten „eine rechtsradikale Vergangenheit“, heißt es darin. Solche Festivals würden von Rechtsradikalen und Sympathisanten zur Vernetzung und Eigenwerbung genutzt. Davon sei auch in Laichingen auszugehen: „Laichingen und der Alb-Donau-Kreis sollen nicht als Orte bekannt werden, an denen menschenverachtende Hinweise unwidersprochen bleiben.“ Die Organisatoren rechnen nach eigenen Angaben am Samstag, 14. Juli, von 14 Uhr an mit etwa 100 Teilnehmern. Die Kundegebung ist beim Landratsamt als Kreispolizeibehörde angemeldet. Die Auflagen für die Organisatoren werden noch in Absparche mit Polizei und Stadtverwaltung festgelegt, sagte Behördensprecher Bernd Weltin.

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