Alb-Donau-Kreis / Amrei Oellermann Zukünftig sollen Bauern auch ohne Tierarzt Ferkel während der Kastration mit Isofluran betäuben dürfen. Viele sehen das kritisch.

Geht es nach Bundesministerin Julia Klöckner (CDU), sollen Landwirte ab dem Herbst Ferkel vor der Kastration selbst mit dem Narkosemittel Isofluran betäuben dürfen. Voraussetzung dafür ist ein Sachkundenachweis. Er wird über eine sechsstündige theoretische Ausbildung, eine praktische Einweisung und eine anschließende Prüfung erlangt. Einen entsprechenden Verordnungsentwurf legte das Bundeslandwirtschaftsministerium kürzlich vor. Der Vorstoß sorgt bundesweit für kontroverse Diskussionen. Bislang ist bei Narkosen die Anwesenheit eines Tierarztes erforderlich.

Verbände protestieren

Vor allem Tierärzte und ihre Verbände stellen sich vehement gegen die Aufhebung der bestehenden Regelung. „Die deutsche Tierärzteschaft nimmt diesen Verordnungsentwurf des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft mit größter Besorgnis zur Kenntnis“ heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von Bundestierärztekammer und Bundesverband der beamteten Tierärzte. Eine Narkose sei immer risikobehaftet und individuell zu handhaben; Dosierung, Kontrolle der Wirkung und insbesondere der Umgang mit Komplikationen erforderten zwingend tierärztlichen Sachverstand.

Weiter werden Millionen Ferkel kastriert und Küken geschreddert: Dem Ziel, das Tierwohl zu fördern, hinkt die Politik hinterher.

Reaktionen aus der Region

In der Region reagieren Landwirte wie Tierärzte zurückhaltend auf Presseanfragen zum Thema. Sie wollen nicht reden, fürchten Angriffe durch „militante Tierschützer“, zu denen es in der Vergangenheit nach entsprechender Berichterstattung bereits gekommen sei.

Ernst Buck scheut die Öffentlichkeit nicht. „Unser Verband begrüßt es, dass nun eine Lösung im Raum steht, die die Landwirte selbst umsetzen können“, sagt der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Ulm-Ehingen. Problematisch seien jedoch die hohen Kosten von rund 10.000 Euro für die Anschaffung eines Isofluran-Narkosegerätes. „Darauf bleiben die Bauern sitzen.“

Kritik an Narkosemittel Isofluran

Der Schweinebauer Ernst Buck als Privatperson indes sieht die Sache differenziert. „Dass zukünftig kein Tierarzt mehr daneben stehen muss, ist in Ordnung“, findet er. Allerdings treibt den Landwirt etwas anderes um: „Isofluran bringt durchaus Nachteile mit sich.“ Es sei nicht nur leberschädigend, sondern in der Humanmedizin zudem nicht für eine Anwendung durch Schwangere oder Personen mit Kinderwunsch em­pfohlen. Entsprechend liefen die Berufsgenossenschaften derzeit Sturm. „Darüber wird in der Politik nicht geredet.“

Buck präferiert daher eine Alternative zur Isofluran-Vollnarkose: Eine lokale Betäubung der Ferkel mit Procain, wie sie in Dänemark und Schweden erfolgreich eingesetzt wird. Procain, hierzulande unter dem Handelsnamen Procamidor erhältlich, ist der einzige zugelassene Wirkstoff für die lokale Anästhesie bei lebensmittelliefernden Tieren. Er ist für die Anwendung bei Pferden, Rindern, Schweinen, Schafen, Hunden und Katzen freigegeben. Die große Politik wolle davon aber nichts wissen, beklagt Buck: „Dort heißt es, wir tun was, jetzt müsst ihr Landwirte schon mitziehen.“

Schmerzausschaltung gefordert

Ein Tierarzt, der seit mehreren Jahren unter anderem in der Region mit Isofluran arbeitet, teilt die Bedenken der Berufsverbände nicht. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Aber: „Man kann da nicht viel falsch machen“, sagt er. Klar müsse der richtige Umgang mit dem Narkosegas erlernt werden. Danach sei eine Anwendung durch nicht-medizinisches Personal aber durchaus möglich. „Das ist kein Hexenwerk.“ Narkosezwischenfälle, wie sie die Bundestierärztekammer als Gegenargument anführt, habe er bei vielen tausend kastrierten Ferkeln nie erlebt. Auch gesundheitliche Risiken für den Anwender bestünden nicht, „wenn korrekt gearbeitet wird“.

Procain ist für den erfahrenen Veterinärmediziner keine Alternative. „Das Tierschutzgesetz in Deutschland fordert klipp und klar die Schmerzausschaltung bei der Kas­tration“, sagt er. Dies sei weltweit einzigartig. Ob eine lokale Betäubung den Schmerz zuverlässig ausschalte, sei jedoch umstritten: „Es gibt keine einzige Studie, die das belegt.“ Aus diesem Grund falle Procain als Alternative aus: „Nicht einmal ich als Tierarzt darf es bei Kastrationen anwenden.“

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Schnell wirksam, aber nicht unumstritten

Betäubung Isofluran ist ein Narkosemittel. Als Inhalationsnarkose wirkt es schnell, in 70 bis 90 Sekunden ist das Ferkel in tiefer Bewusstlosigkeit. Nach dem Eingriff wachen mit Isofluran betäubte Tiere schnell wieder auf. Um den Wundschmerz zu lindern, wird vor der OP zusätzlich ein Schmerzmittel verabreicht.

Anwendung Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Einsatz von Isofluran eine gute Alternative zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln. In der Schweiz kommt es bereits seit mehreren Jahren zum Einsatz. Dort ist, anders als bislang in Deutschland, auch eine Anwendung durch den Tierhalter zugelassen.

Kritik Isofluran gilt als klimaschädlich. Bei seinem Zerfall entstehen Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe, die die Ozonschicht zerstören. Zudem beklagen Berufsgenossenschaften Gefahren für den Anwender, wenn er Isofluran unbeabsichtigt einatmet. Es kann Leber, Herz-Kreis­lauf­-System und Nervensystem schädigen.