Lesung Familiäre Feldstudien samt Ratgeber

Bestsellerautor und Entertainer Jan Weiler in seinem Element: Sein Laichinger Publikum war begeistert.
Bestsellerautor und Entertainer Jan Weiler in seinem Element: Sein Laichinger Publikum war begeistert. © Foto: Christina Kirsch
Laichingen / Christina Kirsch 03.12.2018

„Was, zwei Stunden sind jetzt rum?“ Eine Besucherin war nach der Lesung mit Autor Jan Weiler im Auditorium der Laichinger Volksbank geradezu fassungslos. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Das Grinsen stand jedem noch ins Gesicht geschrieben, und ein Gefühl des „Bei-mir-ist-es-genauso“ lag über den Zuhörerreihen.

Ähnlichkeiten sind bei Jan Weiler gewollt. Nur kann kaum jemand die kleinen Alltagskomödien so humorvoll und pointiert beschreiben wie Jan Weiler. Der Münchner Autor ist bei seinen Lesungen kein Vorleser, sondern Erzähler und Schauspieler. Er mimt seinen trägen Sohn Nik, der vor Klassenarbeiten mit röchelnder Stimme mit dem Ableben zu kämpfen scheint, und er schlüpft in die Rolle des multikompetenten Elternbeiratsvorsitzenden, der mit den schicksalsergebenen Eltern 34 Tagesordnungspunkte im Vorfeld der Klassenfahrt der Kinder abarbeitet. Oder er quasselt wie Leonie, „die viel redet, und die Gedanken kommen hinterher gehoppelt“. Irgendwo lassen sich immer Parallelen in die eigene Familie ziehen, und der Leser fühlt sich ertappt oder verstanden. Je nachdem.

Komprimierte Ereignisse

Jan Weiler ist seit seinem Bestseller „Das Pubertier“ (2014) ein gefragter Entertainer, Schriftsteller, Glossen-Schreiber und Autor, bei dem man sich wundert, dass er bei seinem Schreibpensum noch Zeit für familiäre Feldstudien hat, aus denen er seine Geschichten bezieht. Doch in seinem Pubertier-Labor, in dem der Vater als Versuchsleiter das Verhalten der Kinder beobachtet, komprimieren sich die Ereignisse gelegentlich auf wenige Minuten.

An einem Klassenarbeitstag von 7.11 Uhr bis 7.21 Uhr gibt der Sohn eine bühnenreife Performance des maximal Erkrankten mit matter Stimme und unerträglichen Schmerzen in allen Gliedern. Exakt nach der vierten Stunde wird selbiger Vater zum Zeugen einer Wunderheilung.

Alle positiven Lebenszeichen der beiden Pubertiere Nik und Karla werden von den Eltern dankbar angenommen und auch honoriert. So habe sein Sohn neulich kochen wollen. Das Rezept habe sich Nik aus der Zeitschrift beim Kieferorthopäden heraus gerissen, berichtete der Autor. „Und so gab es abends Bratwursttorte.“ Die Familie brauchte drei Tage, um das Gericht zu verstoffwechseln.

Natürlich werden auch Jan Weilers Pubertiere langsam älter, und damit scheinen auch beim Vater irrsinnige Veränderungen verbunden zu sein. „Ich wurde über Nacht vom tollsten Vater zum peinlichen Honk“, sagte Jan Weiler kopfschüttelnd. „Vor allem wenn ich tanze“, schiebt er hinterher. Dann kennen die Kinder ihren Vater nicht mehr. Gelegentlich mutiert das Pubertier auch zum Lamentier, zum Boykottier und, wie in weltoffenen und aufgeklärten Familien gang und gäbe, auch zum Diskutier.

Dann wird es anstrengend, denn „die Kinder diskutieren meinungsstark und kenntnislos“, sagt Weiler. Beinahe erwachsene Sprösslinge starten gelegentlich ebenfalls Versuchsanordnungen und wollen ihre Eltern erziehen. Zu einer korrekten Gender-Sprache beispielsweise. Das Wort „Mannschaft“ geht nach Meinung der Tochter beim fußballbegeisterten Vater auf keinen Fall, wenn Frauen kicken. Aber „Frauschaft“ oder „Studierendenfutter“? Jan Weiler führt die Sprachspiele in einer Art Stakkato-Lesung ad absurdum.

Jan Weiler ist in seiner Lesung aber auch ein erfahrener Ratgeber. Statt „Essen ist fertig“ durch das Haus zu rufen, bedient er sich eines Tricks, um die Kinder aus ihren Höhlen zu locken. „Ich ziehe den Stecker vom WLAN-Router aus der Wand.“ Schlagartig stehen die Kinder auf der Matte. Zur Nachahmung durchaus empfohlen, stellten die begeisterten Zuhörer fest.

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