Münsingen Fachtagung zu Tourismus

Andreas Braun (r.) erläuterte bei der Fachtagung der SPD-Landtagsfraktion, wie das neue Tourismuskonzept aussehen soll:  Ramazan Selcuk, Peter Hofelich, Sabine Wölfle, Mike Münzing und Louis Schumann (v.r.).
Andreas Braun (r.) erläuterte bei der Fachtagung der SPD-Landtagsfraktion, wie das neue Tourismuskonzept aussehen soll:  Ramazan Selcuk, Peter Hofelich, Sabine Wölfle, Mike Münzing und Louis Schumann (v.r.). © Foto: Ulrike Bührer-Zöfel
Münsingen / Von Ulrike Bührer-Zöfel 12.10.2018

Die SPD-Landtagsfraktion hat gestern Fachleute und Kommunalpolitiker zu einer Tagung übers Tourismusland Baden-Württemberg und die Region Schwäbische Alb eingeladen. Welche Herausforderungen  auf die Branche zukommen, wo gemeinsame Potenziale liegen, wo regionale Differenzierung wichtig ist, das waren die Themen im Münsinger Rathaus.

Sabine Wölfle,  Tourismuspolitische Sprecherin der Fraktion,  betonte, wie alle anderen Redner auch: „Tourismus ist ein Wirtschaftsmarkt.“ Er generiere jährlich  im Land Einnahmen  von rund 7,5 Milliarden Euro, über 300 000 Arbeitsplätze  seien von ihm abhängig. Die Branche,  vor allem auch  Hotellerie und Gastronomie, stünden vor großen Herausforderungen. Stichworte sind unter anderem: Digitalisierung, demografischer Wandel, Nachwuchs- und Fachkräftemangel,  veränderte Ansprüche der  Gäste, Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit von touristischen Zielen.

 Das alles muss sich in der neuen Tourismuskonzeption des Landes niederschlagen. Zuständig dafür  ist die Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW). Deren Geschäftsführer Andreas Braun gab zunächst einen Überblick über die  bestehende, 2009 erstellte, Tourismus-Leitlinie unter dem Markenauftritt „Wir sind Süden“. Die von  Wölfle angesprochenen Themen  hat  Braun auch auf der Agenda. Er betonte die Bedeutung von digitalen Auftritten und Angeboten, erklärte,  die  TMBW sei mit starken Partnern aus der Wirtschaft  schon sehr gut in den Sozialen Medien unterwegs. Der Fokus   der Arbeit  im kommenden Jahr soll  auf  „Eiszeitkunst, Bauhaus, Kunst und Kultur“ liegen, 2020 wird es der Bereich Natur sein, da wilder Süden und  ungewöhnliche Naturerlebnisse. 

Eine „hervorragende Rolle“ bei touristischen Angeboten, so Braun, spiele inzwischen der Genuss. Wein, ein Produkt des Unterlands, hat in der Werbung seinen Platz. Und weil  inzwischen kleine Brauereien, auch auf der Alb, viele Gäste locken,  erklärte Braun: „An das Thema BierSüden wollen wir uns intensiv dran machen.“

Damit  in die Fortschreibung auch einfließt, was  die touristischen Akteure wollen,  finden Regionalkonferenzen statt. Die für die Schwäbische Alb ist  am 23. Oktober  in Blaubeuren.

Für Mike Münzing, Bürgermeister und Vorsitzender  des Schwäbischen Alb Tourismus (SAT), ist klar: „Vor der Wertschöpfung steht die Wertschätzung. Was nicht mit ihr einher geht, ist nicht von langer Dauer.“   Um  Wirtschaftskraft  weiter zu erschließen,  Lebensqualität auch für die Einheimischen zu steigern,  müsse man  erkennen, dass sich aus Landschaft, Natur und Kultur etwas schaffen  lasse. Münzing verwies dabei auf die vielen Produkte, die in den letzten neun Jahren, seit es das Biosphärengebiet gibt, entstanden sind. Um  als Tourismusdestination bestehen zu können, sei es wichtig, immer weiter Konzepte zu entwickeln, die Modellregion zu stärken, damit sie „eine Strahlkraft bekommt und international wirkt“.

Aber es fehle an  Unterstützung  aus der Landespolitik, monierte er. „Im Allgäu läuft das besser.“ Dort stünden vier Landkreisen 4,6 Millionen Euro und 30 Mitarbeiter für die Entwicklung einer Landmarke zur Verfügung. „Bei  uns im Biosphärengebiet sind es nicht mal 200 000 Euro und sieben Mitarbeiter“.

Das verdeutlichte auch Louis Schumann, Geschäftsführer des SAT.  Zehn Land-, ein Stadtkreis und  rund 160 Kommunen sind im SAT zusammengeschlossen. „Da muss viel Lobbyarbeit geleistet werden, um alle Akteure auf kommunaler Ebene zu erreichen,  sie für gemeinsame Ziele zu gewinnen.“  Und  auch mit gesetzlichen Hürden  hat Schumann bei Projekten zu kämpfen, zum Beispiel beim Angeboten für Mountainbiker. Nirgends seien die Regeln so streng wie in Baden-Württemberg, nämlich dass die Biker nur Wege, die breiter als zwei Meter sind,  nutzen dürfen.  Mountainbiken sei aber inzwischen ein Volkssport geworden.  Der Konflikt Wander-Biker, das habe eine Umfrage ergeben, bestehe kaum mehr, zumal viele  Gäste  gerne  sowohl zu Fuß als auch mit dem Rad unterwegs wären.

Für ein ganz konkretes Projekt  braucht der SAT Fördermittel und hat dafür  natürlich das Land im Blick: Für die Region soll es  ab 2020 eine Gästekarte geben, über die Urlauber kostenlos diverse Einrichtungen wie Musen, Höhlen, Schlösser besuchen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen können.  Für die Umsetzung braucht es eine Anschubfinanzierung, „perspektivisch trägt sie sich dann selbst“,  meint Schumann. Kommt nichts vom Land, „müssen wir einen Kredit über 500 000 Euro aufnehmen“, erklärte Münzing.

 Ohne sie geht es gar nicht, sie machen  es  erst möglich, dass Gäste auf die Alb kommen  und bleiben – Gastronomen und Hoteliers. Fritz Engelhardt, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) in Baden-Württemberg,  forderte gestern auch politische Unterstützung für seine Branche.  Sie müsse wertgeschätzt werden und „wir müssen unsere Stärken ganz anders ausspielen“. Sein Credo: „Leistung kommt vor Werbung,  Angebot vor Vermarktung.“

Vor allem die Kleinbetriebe, und das seien nun mal die meisten, hätten  zu kämpfen mit chronischem Personalmangel, zu hohen Löhnen  und   unflexiblen Arbeitszeitregelungen.  Die Konsequenz: Viele  Dorfgaststätten schließen oder schränken ihr Angebot ein, an vielen Rad- und Wanderwegen gibt es keine Einkehrmöglichkeit mehr. Mit einem qualifizierten Zuwanderungskonzept aus  Nicht-EU-Staaten, steuerlichen Verbesserungen  und anderen Regelungen bei Mindestlohn und Arbeitszeit,  könnte die Politik bessere Voraussetzungen für die Betriebe schaffen.

 Doch auch Positives hatte Engelhardt zu berichten. Durch Verbesserung der Ausbildungsqualität und über  verstärkte Werbeaktionen sei es gelungen, den freien Fall  auf dem  Ausbildungsmarkt zu stoppen.

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