Blaustein / THOMAS STEIBADLER  Uhr
In nicht allzu ferner Zukunft sollen in Blaustein Ausflüge in die Steinzeit möglich sein. Doch das geplante Steinzeitdorf ist ohne Zuschüsse nicht zu finanzieren. Vielleicht kann Europaminister Peter Friedrich helfen.

Lange sind die Leute nicht geblieben, aber sie haben Spuren hinterlassen, die seit 2011 zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Was heute als „Steinzeitdorf“ bezeichnet wird, ist eine Siedlung mit ungefähr 40 Häusern, die nur etwa 100 Jahre Bestand hatte. In dieser Zeit brannte das Dorf vier Mal ab, drei Mal bauten es die Bewohner wieder auf, dann zogen sie weiter.

Erst 1952 kamen bei Baggerarbeiten Überreste der Jungsteinzeitsiedlung im Blautal wieder zum Vorschein. Dort, nordöstlich der Bundesstraße 28 in Ehrenstein will die Stadt Blaustein mit Hilfe eines Fördervereins das Dorf aus der Jungsteinzeit in einem Park erlebbar machen. Auf etwa 1,7 Millionen Euro wird das Projekt „Steinzeitdorf Ehrenstein“ veranschlagt. Beim Land soll bis Ende September ein Zuschuss beantragt werden, doch mehr als etwa 180 000 Euro erwartet die Stadt nicht. Bei der Suche nach weiteren Fördermöglichkeiten könnte der Besuch des baden-württembergischen Ministers für Bundesrat, Europa und internationale Angelegenheiten, Peter Friedrich (SPD), hilfreich gewesen sein.

Friedrich hatte am Donnerstagabend zwar kein Wahlkampfgeschenk für Blaustein im Gepäck. Im Gespräch mit Vertretern von Stadt und Förderverein machte er klar, dass aus den klassischen EU-Töpfen nichts zu holen sei. Der Minister verwies aber auf die EU-Struktur- und Investitionsförderung für „europäische territoriale Zusammenarbeit“. Eines der sechs Territorien, in denen Projekte nach dem so genannten Interreg-Programm gefördert werden, ist der Donauraum. Dazu gehören alle Flussanrainerstaaten, in Deutschland Baden-Württemberg und Bayern. Um Unterstützung für das Steinzeitdorf zu erhalten, müsse Blaustein in diesen Ländern Partner für eine Zusammenarbeit finden, sagte Friedrich: „Ich könnte mir vorstellen, dass das funktioniert.“

Keine schlechte Idee, befand Sabine Hagmann vom Landesamt für Denkmalpflege. Schließlich ist das Ehrensteiner Steinzeitdorf nur eine von mehreren hundert alten Pfahlbausiedlungen im Alpenraum und nur eine von 94, wenngleich die nördlichste, die zum Welterbe zählen. Solche Welterbestätten gebe es auch in Österreich und Slowenien, sagte die Archäologin. Eine Zusammenarbeit entlang der Donau, biete sich auch deswegen an, weil der Fluss als Besiedelungsraum und als Verkehrsweg schon immer große Bedeutung gehabt habe.

Nachdem Gerhard Häberle, der Vorsitzende des Fördervereins, das Projekt „Steinzeitdorf“ skizziert hatte – Besucherzentrum, Nachbau eines Steinzeithauses, ein Feld mit alten Getreidesorten, Aktionen wie Bogenschießen und Anbindung an den Donauradweg – bot die Runde im Foyer des Rathauses auch Raum für Gedankenspiele. Wenn die Fundstätten der Eiszeitkunst im Ach- und im Lonetal Mitte nächsten Jahres ebenfalls zum Unesco-Welterbe erklärt werden, werde das dem Tourismus in der Region „neue Dynamik“ verleihen, sagte Landtagsabgeordneter Martin Rivoir. Dank der Nähe von Bahnhöfen und Radwegen sei „ein schönes, nachhaltiges Tourismuskonzept“ möglich, von dem auch Blaustein mit dem Steinzeitdorf profitieren könnte.

Allerdings seien Besuchermassen der Unesco an den Welterbestätten nicht sonderlich willkommen, schränkte Sabine Hagmann ein. Das Ziel der Bildungs-, Wissenschafts- und Kultur-Organisation der Vereinten Nationen sei es, die Stätten zu bewahren und deren Bedeutung zu vermitteln. Im Steinzeitdorf Ehrenstein könnte das zum Beispiel anhand des Getreideanbaus und der dazu verwendeten Werkzeuge geschehen. Bei dieser Bemerkung fiel Rivoir natürlich sofort das Museum für Brotkultur in Ulm ein.

In der Tat hatte das Selbstgebackene für die Ehrensteiner vor 6000 Jahren eine große Bedeutung, wie Kurt Wehrberger vom Ulmer Museum dem Minister erläuterte. Jedes Haus am Ufer der damaligen Blau verfügte über eine Feuerstelle und einen Backofen. Allerdings waren die Bewohner im Umgang mit Feuer mitunter wohl unvorsichtig. Und weil die Häuser dicht aufeinanderstanden, wurde eins ums andere Raub der Flammen.

Ehrensteiner Exportschlager

Zum Andenken an seinen Besuch in Blaustein gab’s für Europaminister Peter Friedrich eine Nachbildung der Ehrensteiner Scheibe. Weil sich deren Nutzen oder Sinn nicht auf den ersten Blick erschließt, war Experte Kurt Wehrberger vom Ulmer Museum gefragt. Doch auch Wehrberger weiß die Antwort nicht. Nach wie vor sei nicht klar, wozu die Kalkscheiben einst dienten. Durch die beiden Löcher wurde wohl ein Riemen gezogen – aber warum? Ob Gebrauchsgegenstand, Schmuckstück oder Kultobjekt: Sie müssen so etwas wie ein Exportschlager gewesen. Scheiben, die in anderen Pfahlbausiedlungen der Jungsteinzeit gefunden wurden, stammten eindeutig aus Ehrenstein.