Alb-Donau-Kreis Erster Schultag: Die Probleme angehender Lehrer

Schule ist nicht nur für die Kleinen manchmal anstrengend. Auch angehende junge Lehrer haben oft einen steinigen Weg vor sich, bis sie überhaupt zur gewünschten Arbeitsstelle im Klassenzimmer kommen.
Schule ist nicht nur für die Kleinen manchmal anstrengend. Auch angehende junge Lehrer haben oft einen steinigen Weg vor sich, bis sie überhaupt zur gewünschten Arbeitsstelle im Klassenzimmer kommen. © Foto: Archivbild
LYDIA BENTSCHE 06.09.2012
Studium, Referendariat - und jetzt? Statt von Montag an Schüler zu unterichten, suchen viele Gymnasiallehrer-Anwärter in Baden-Württemberg noch einen Job. Anne Maier bangte lang, hatte Glück - und ist doch nicht ganz zufrieden.
Am Montag geht es los: Anne Maier (Name geändert) wird Realschullehrerin im Alb-Donau-Kreis. Eigentlich wurde sie dazu ausgebildet, an Gymnasien zu unterrichten. Und eigentlich wollte sie nicht aufs Land. Doch immerhin hat sie eine Stelle. Viele ihrer ehemaligen Kommilitonen und Referendariatskollegen hatten dieses Glück nicht.

Maier ist eine von 730 neuen Gymnasiallehrern im Land. 150 davon werden - wie sie - an Realschulen eingestellt, 100 an Berufschulen, teilt das Kultusministerium mit. Auf die 730 Neueinstellungen kamen 2800 Bewerber, davon 1800 Neubewerber, die gerade ihr Referendariat beendet haben. Im vergangenen Jahr bewarben sich noch 2400 angehende Lehrer auf knapp 1200 neue Stellen.

Maier hat in einer Universitätsstadt Sprachen und eine Naturwissenschaft studiert und war in einer Kleinstadt Referendarin. Beides in Baden-Württemberg. "Schon während unseres Referendariats hat man uns Panik gemacht", erzählt sie. "Wir sollen uns umschauen, uns weiträumig bewerben, wir müssen super Noten haben, sollen auch nach Privatschulen Ausschau halten und Zusatzqualifikationen erwerben." Sonst werde es schwer, eine Stelle zu finden, hieß es. Warum? Im vergangenen Schuljahr verließ der doppelte Abiturjahrgang die baden-württembergischen Gymnasien, eine Jahrgangsstufe fällt komplett weg. Und die Schülerzahlen werden wegen geburtenschwächerer Jahrgänge künftig zurückgehen. Deshalb werden viele Lehrerstellen nicht neu besetzt. Das zumindest hat man Maier erzählt.

Sie tat, was ihr empfohlen wurde, bewarb sich im Frühling auf die wenigen ausgeschriebenen Stellen in Baden-Württemberg. Auch in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und beim Auslandsschuldienst versuchte sie ihr Glück. Ohne Erfolg. Dann folgte das Listenverfahren im Land: Sie, Ende 20 und nicht an einen Ort gebunden, erklärte sich bereit, in ganz Baden-Württemberg zu arbeiten, gab zehn Bezirke als Favoriten an. "Den Alb-Donau-Kreis hab ich nicht angegeben, ich wollte lieber in eine große Stadt."

Mitte Juli erreichte sie dann ein Anruf. Es gebe eine Stelle für sie: an einer Realschule im Alb-Donau-Kreis. "Ich hab erstmal geheult. Genau das, was ich nicht wollte." Nur ein Tag blieb Maier, um zu- oder abzusagen. "Mir wurde schon deutlich gemacht, dass ich vermutlich keine andere Stelle angeboten bekomme, wenn ich absage."

Sie rief bei der Schule an, machte am folgenden Tag eine kleine Reise durch Baden-Württemberg und sah sich die Schule an. "Der erste Eindruck war positiv. Die Schulleitung war kompetent und sympathisch, die Schule gut ausgestattet", erzählt sie. "Aber man ist auch in einer aussichtslosen Lage. Ich dachte, ich muss nehmen, was ich bekomme." Also unterschrieb sie am Abend beim Regierungspräsidium - und wurde erst einmal darauf hingewiesen, dass sie nicht "den offiziellen Dienstweg eingehalten" habe. "Eigentlich hätte ich zuerst unterschreiben und danach mit dem Schulleiter sprechen sollen. Ich fand es schon erstaunlich, dass es nicht vorgesehen ist, dass man sich die Schule vorher einmal anschaut."

Die junge Gymnasiallehrerin ist nun "abgeordnet" an die Realschule. "Ich finde, das hört sich übel an, als wäre es aufgezwungen worden. Ich sträube mich gegen das Wort 'Abordnung'", sagt Maier. "Aber ich will einfach gerne unterrichten, ob an Realschule oder Gymnasium macht für mich erstmal keinen Unterschied." Ihre neuen Kollegen hatten sie schon am letzten Schultag vor den Ferien eingeladen, erst jetzt, in der letzten Sommerferienwoche, erfuhr sie, welche Klassen sie unterrichten darf. Sie muss sich in neue Bildungspläne, neue Prüfungsordnungen einarbeiten, hat etwas mehr Arbeitsaufwand. "Aber etwas Neues ist ja auch spannend."

Die Amtschefin des Kultusministeriums, Margret Ruep, sieht Vorteile in den Abordnungen, die auf drei Jahre begrenzt sind: "Die frischgebackenen Gymnasiallehrer erhalten dadurch einen Einblick in andere Schularten und können sich etwa auf die zunehmende Heterogenität der Klassen vorbereiten." Außerdem teilte sie am Mittwoch mit, dass zu den insgesamt 4400 Neueinstellungen an allen Schularten noch 305 kurzfristig freigewordene Stellen besetzt werden können.

Das könnte einige von Maiers ehemaligen Mitstudenten und Kollegen aus ihrem Referendariat freuen. Manche waren nicht so flexibel wie Maier, hatten etwas schlechtere Noten, die falschen Fächer oder schlicht Pech. Nicht alle haben eine Stelle gefunden. Maier sieht die Tendenz, dass Lehrer für Sprachen, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Erdkunde es schwerer hatten. Naturwissenschaften würden eher gesucht. Eine von Maiers Bekannten sei an mehreren Stuttgarter Privatschulen parallel untergekommen, einige seien nach Nordrhein-Westfalen gegangen.

Und plötzlich, als Maier sich mit dem Alb-Donau-Kreis angefreundet hatte und Ende August in die Region zog, bekam sie weitere Angebote: Ein Düsseldorfer Gymnasium fragte, ob sie noch eine Stelle suche. Auch eine deutsche Schule in Namibia zeigte Interesse an ihr. "Manchmal zweifele ich schon, ob nicht noch was Besseres gekommen wäre oder ob ich nach Namibia hätte gehen sollen", sagt sie. "Aber weil sich die Stellensituation in den nächsten Jahren sicher nicht bessert, ist es besser, erst einmal hier verbeamtet zu werden. Und ob eine Stelle wirklich gut ist, weiß man sowieso erst, wenn man eine Weile drinsteckt. Vielleicht hat das Ländliche von den Schülern oder der Ausstattung her ja auch seine Vorteile."