Eine Drehleiter für Erbach war im ersten Feuerwehrbedarfsplan 2009 noch Zukunftsmusik. Nun steht sie im Haushaltsplan 2015, Auslöser dafür ist die neue Landesbauordnung (siehe Infokasten). Hinter den Kulissen ist eine leidenschaftliche Diskussion im Gange. Am Montag wurden im Gemeinderat erstmals Details öffentlich genannt. Zuvor hatte Bürgermeister Achim Gaus vorgeschlagen, noch diese Woche den Antrag für einen Fachzuschuss zu stellen, obwohl das Konzept für den Betrieb der Drehleiter noch in Arbeit sei. Der Antrag müsse bis 15. Februar eingereicht sein. Sonst gehe der Zuschuss – erwartet werden 240.000 Euro – verloren, falls die Drehleiter wie geplant dieses Jahr angeschafft wird. Die Kosten dafür sind mit 560.000 Euro angesetzt.

Elmar Röhr (SPD) hakte nach, woran es liege, dass das Einsatzkonzept noch Zeit braucht. Gaus hielt sich zunächst bedeckt. Einzelheiten des Betriebs müssten zwischen der Wehr und einem beratenden Ingenieur abgestimmt werden. Das Konzept werde voraussichtlich im ersten Halbjahr dem Gemeinderat vorgestellt. Solange bitte er abzuwarten. August Weber (Freie Wähler) wurde deutlicher. Ein hochtechnisches Gerät wie die Drehleiter erfordere einen hohen Personaleinsatz, was möglicherweise nur mit einem hauptamtlichen Spezialisten zu lösen ist. „Was hier auf die Feuerwehr und uns zukommt, ist ein spannendes Thema“, sagte Weber. Gaus bestätigte die Personaldebatte. Mit einer Grundbesatzung von drei Leuten binde das Fahrzeug für einen gesicherten Einsatz sechs bis neun ausgebildete Leute: „Und die hat die Feuerwehr derzeit nicht.“

Der Erbacher Gesamtkommandant Thomas Böllinger bestätigte auf Nachfrage die Personalsorgen. Er ging sogar noch über die von Gaus genannte Zahlen hinaus. Nach den Empfehlungen brauche es die 3,8-fache Anzahl an Feuerwehrleuten, um Einsätze rund um die Uhr das ganze Jahr über sicherzustellen. Damit würden für die Drehleiter neun bis zwölf Einsatzkräfte gebraucht. Nachdem die Aufgaben in der Wehr weitgehend verteilt seien, kämen mit der Drehleiter zusätzliche Aufgaben hinzu. „Ein Fahrzeug ist zunächst nur ein weiterer Ausstattungsgegenstand. Dafür gilt es das passende Umfeld zu schaffen“, sagte Böllinger.

Ein Baustein könnte die feste Einbindung der fünf Teilortswehren sein. Bisher schon sei die geforderte „Tagschleife“ – tagsüber einsatzbereite Wehrmänner – nur mit Hilfe der Teilorte zu gewährleisten. „Da zeigt sich, wie unverzichtbar der Erhalt aller Abteilungen ist“, sagte der Kommandant. Am wichtigsten aber könnte ein hauptamtlicher Gerätewart als Fahrzeugführer sein. Vor allem zu schwach besetzten Tageszeiten stünde so immer eine versierte Kraft bereit. Nicht weniger wichtig ist Böllinger die Entlastung der Mannschaft außerhalb von Einsätzen. Ein professioneller Gerätewart übernehme die umfangreichen Prüfarbeiten der Drehleiter und halte den Maschinenpark in Schuss.

Aufgrund der immer komplexeren Ausstattung nehme die Wartung viel Zeit in Anspruch. Durch verändertes Freizeitverhalten, den Wandel in der Gesellschaft und in den Arbeitszeiten halte sich der Zustrom zur Feuerwehr in Grenzen. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen. Darum gelte es, für die Einsatzkräfte gute Rahmenbedingungen zu schaffen: „Wir können nicht immer mehr draufpacken, sondern müssen auch für Entlastung sorgen.“

Kreisbrandmeister Harald Bloching, auf dessen Empfehlung hin die Drehleiter angeschafft wird, beschwichtigt: Der Personaldruck halte sich in Grenzen. Bei einem Unfall etwa rücke der so genannte Rüstwagen mit technischem Gerät aus sowie ein Löschfahrzeug. Bei einem Brand sei künftig der Löschwagen mit der Drehleiter im Einsatz, dieser sei wie der Rüstwagen mit drei Leuten besetzt. „Hab’ ich bisher schon das Fahrzeug adäquat rausgebracht, schaffe ich das auch künftig“, sagte Bloching. Für die Schulung allerdings sei zusätzlicher Aufwand nötig. Gaus baut auf den Reiz der neuen Technik. „Ist das Fahrzeug da, finden sich auch die Leute dafür“, meinte er optimistisch.

Drehleiter darf maximal zehn Minuten zum Einsatz brauchen

Vorschrift Die Landesbauordnung sieht seit zwei Jahren vor, dass bei der Genehmigung von Gebäuden über 7,50 Metern Höhe ein zweiter Rettungsweg erforderlich ist. Entweder ein brandsicheres Treppenhaus oder eine Drehleiter, die nicht länger als zehn Minuten zum Einsatzort braucht. Die von Erbach aus nächsten Drehleitern befinden sich in Ulm, Blaustein, Blaubeuren und Ehingen und brauchen deutlich länger.

Rettung Erbacher Bürgermeister und Gemeinderat befürworten eine Drehleiter – auch als Konsequenz aus der geplanten Erneuerung der Innenstadt mit höheren Häusern. Ein zweiter Rettungsweg im Gebäude könne oft nur unter Einbußen der Nutzung oder mit hohen Investitionen verwirklicht werden. Auch für bestehende Gebäude biete die Drehleiter mehr Sicherheit, erläuterte Gaus. Von den neuen Vorgaben betroffen sind 60 Gebäude.

Profi Hauptamtliche Gerätewarte sind bei größeren Feuerwehren nahezu Standard, räumt Kreisbrandmeister Harald Bloching ein. So sind es in Ehingen zwei, in Blaubeuren einer.