Geschichte Gedenktafel Ulmer Reformpädagogin Anna Essinger eingeweiht

Bunce Court/England / Von Helga Mäckle 12.07.2018

Es gab eine englische Tea-Party vor einem schönen Herrenhaus auf englischem Rasen. Auch das Wetter passte: Die Sonne scheinte zur Einweihung einer Gedenktafel für Anna Essinger. Diese wurde angebracht am Eingang zu Bunce Court in der englischen Graftschaft Kent. Jenem Herrenhaus, in das Essinger nach ihrer Flucht aus Herrlingen 1933 mit 66, großteils jüdischen Schülern ihres Landschulheims zog, um sie vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Dort war bis 1948 die New Herrlingen School, Essinger selbst lebte auf dem Anwesen bis zu ihrem Tod 1960, heute ist es in Privatbesitz.

Das Fest anlässlich der Einweihung am 25. Juni sei berührend gewesen, erzählt Hansjörg Greimel. Der ehemalige Blausteiner Gemeinderat und Englisch-Lehrer am Anna-Essinger-Gymnasium in Ulm, war von einstigen – inzwischen hochbetagten – Bunce-Court-Schülern eingeladen worden. Auf deren Betreiben und auf das der „Association of Jewish Refugees“ (AJR) wurde die in Ulm geborene Reformpädagogin nun in England geehrt. Die AJR unterstützt in Großbritannien mehr als 70 000 Menschen, die in den 1930er und 40er Jahren vor dem Holocaust geflüchtet sind, darunter etwa 10 000 Kinder, die mit den Kindertransporten nach England kamen. Einer von ihnen ist Leslie Baruch Brent: Er hat der Stadt Blaustein vor gut einem Jahr Anna Essingers Sekretär geschenkt, der im neuen Museum in der Villa Lindenhof ausgestellt werden soll.

Mut und Weitsicht in Zeiten der Bedrängung

Greimel hatte einige Grußnoten im Gepäck, die er nach eigenen Worten vor der etwa 60-köpfigen Festgemeinde verlas. „Das Wirken Anna Essingers ist zu einem wichtigen und festen Bestandteil der Ulmer Geschichte geworden. Ihr Einsatz für das Wohl der Kinder ist beispielhaft und genießt weltweite Anerkennung. Ihr Mut und ihre Weitsicht in Zeiten der Bedrängung machten es möglich diejenigen zu schützen, die eigentlich den ganz besonderen Schutz der Gesellschaft bedürfen: die Kinder.“ Diese Worte stammen vom Ulmer OB Gunter Czisch. Der Blausteiner Bürgermeister Thomas Kayser schrieb, wie sehr die Stadt Blaustein es bedauere, dass Anna Essinger und ihre großartige Bildungsarbeit in Herrlingen so wenig geschätzt wurde und in einer „solch beschämenden Art“ enden musste. Marius Weinkauf, Leiter des Anna-Essinger-Gymnasiums, das seit 1990 den Namen trägt, schrieb, dass die Namenspatronin, ihre Liebe zu den Menschen, ihr Mut und ihre Weitsicht bis heute einen wichtigen Einfluss auf das Leben an seiner Schule hätten.

Erinnerung wach gehalten

Besonders gefreut haben sich die Festgäste laut Greimel über die Grüße der Herrlinger Ortsvorsteherin Rita Sommer. Sie schrieb, dass die Erinnerung an Anna Essinger auch hier wach gehalten werde – und dass in Ulm sogar eine Straßenbahn nach ihr benannt wurde. „Das war ein richtiger Lacher“, erzählt Greimel. Sommer hatte sogar ein Foto des Avenios „Anna Essinger“ mitgeschickt. Was Greimel besonders gefreut hat, ist die Tatsache, dass einige der ehemaligen Bunce-Court-Schüler sich im Anschluss darüber unterhalten haben, zur Einweihung der Anna-Essinger-Straßenbahn Anfang Dezember nach Ulm zu reisen.

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