Langenau / Stefan Czernin

Ibrahim Oguz kennen die meisten Leute in Langenau besser als „Hans“. Den Spitznamen bekam der 43-Jährige mit kurdischen Wurzeln im städtischen Fußballverein verpasst. Er ist ein Zeichen dafür, dass er dazugehört. Oguz stellt aber klar: „Integration bedeutet nicht Assimilation.“ Oguz kam nicht als Gastarbeiter oder Gastarbeiterkind nach Deutschland. Sondern in den 90er Jahren, weil er in seiner türkischen Heimat verfolgt worden war. Er ist Alevit. Mittlerweile betreibt er das Bistro „Auszeit“ im Langenauer Bahnhof, er engagiert sich in der Kommunalpolitik. „Meine Heimat ist hier“, sagt er. „Das ist mein Land. Und ich will in Langenau beerdigt werden.“   Nicole Zajcev, 2002 in Langenau geboren, trägt die deutschen Farben am schwarzen Trikot, ist Europameisterin und wurde dreimal Vize-Weltmeisterin im Thaiboxen. „Du bekommst schon Gänsehaut, wenn bei der Siegerehrung die Fahnen hochgezogen werden und die Nationalhymne gespielt wird.“ Kurz vor ihrer Geburt kamen ihre Eltern von Russland nach Langenau.  Sie trainiert in der Abteilung Muay Thai im TSV Langenau. Diese zählt mehr als 150 Mitglieder, ist bunt gemischt. Und: „Alle sind supernett zueinander.“

Zur neuen Heimat geworden

Ibrahim Oguz und Nicole Zajcev sind zwei Protagonisten der Ausstellung „Neue Heimat Langenau – Geschichten der Einwanderung nach 1945“, die am Sonntag im Langenauer Kulturbahnhof eröffnet wurde.  Für Hunderte von Menschen ist Langenau im Alb-Donau-Kreis zur neuen Heimat geworden. Sie sind zu ganz unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen in die schwäbische Kleinstadt gekommen und haben dort ein neues zu Hause gefunden: Heimatvertriebene, Gastarbeiter, Spätaussiedler. Menschen, die vor dem Balkankrieg geflohen sind und die Flüchtlinge, die zuletzt vielfach aus Syrien in die Region gekommen sind. Mit rund  70 Langenauern mit ausländischen Wurzeln hat die freie Journalistin Barbara Hinzpeter für die Ausstellung der „Initiative Zusammenrücken“ gesprochen. Herausgekommen sind 30 Einzelporträts sowie weitere Gruppenvorstellungen. Aus dem Material ist auch ein begleitendes Buch zur Ausstellung entstanden. Und Klaus-Peter Berg von der Initiative hat zusätzlich während der Interviews gefilmt, die Videos können die Besucher in der Ausstellung mit ihren Smartphones abrufen. Das seien keine bloßen Video-Schnipsel, betont Berg. „Wir wollen den Personen gerecht werden.“ Und nicht bloße Schlaglichter liefern. In der Ausstellung geht es viel, aber nicht allein um Personen, für die Langenau ein zu Hause geworden ist. Darüber hinaus spielen Orte eine Rolle, in denen Integration stattfindet, aus vielen verschiedenen Hintergründen und Persönlichkeiten im besten Fall etwas Gemeinsames entsteht, berichtet Wilmar Jakober, der viel Zeit und Mühe in die Organisation der Ausstellung gesteckt hat. Das kann der Sportverein sein oder der Arbeitsplatz. So hätten etwa ein Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im  Langenauer Pflegeheim Sonnenhof einen Migrationshintergrund. Die Schau soll indes keine reine Wohlfühlveranstaltung sein, sagen die Organisatoren. Auch kritische Punkte werden einbezogen, etwa das Wohnraumproblem.

Volles Haus zur Vernissage

Die Vernissage am Sonntag war schon einmal ein Erfolg, der Kulturbahnhof voll. Schon bei der Eröffnung kamen die Menschen miteinander ins Gespräch. Nicht zuletzt, weil so viele der auf den Plakaten und im Buch vorgestellten Protagonisten anwesend waren, wie Bürgermeister Daniel Salemi hervorhob. Er setzte sich mit dem Begriff „Heimat“ auseinander. In Langenau lebten derzeit Menschen aus 79 verschiedenen Nationen. Und die Stadt biete vieles, um sie zu integrieren. Das sieht auch Ana Garcia Campos so. Sie ist Tochter einer der ersten spanischen Gastarbeiterinnen, die Arbeit bei der Tuchmacher IG fanden, und in Langenau bekannt als die „spanische Ana“. Sie bedauere sehr, „dass meine Mutter dies nicht mehr erleben kann. Sie hätte sich riesig gefreut, in so einer Ausstellung gewürdigt zu werden“, sagte Ana Garcia Campos, die einen Wohnsitz in Barcelona und einen in Langenau hat.

Ausstellung im Bahnhof läuft bis 28. April

Programm Die Ausstellung „Neue Heimat Langenau“ ist bis zum 28. April immer sonntags von 13 bis 18 Uhr im Langenauer Kulturbahnhof, Bahnhofsplatz 1, zu besichtigen. Um die multimediale Ausstellung voll ausnutzen zu können, empfiehlt es sich, ein Smartphone samt Kopfhörern mitzubringen. Zudem ist im Verlauf immer wieder ein Programm geboten. Am kommenden Sonntag, 24. März, 16 Uhr, etwa eine Gesprächsrunde unter dem Motto „Integration durch Sport – Nur ein großes Versprechen?“ mit Vertretern der Langenauer Sportvereine.