Serie Ein Rucksack voll Geschichte

Dietenheim / Von Martin Dambacher 22.08.2018

Ein Männlein sitzt am Brunnen ganz still und stumm, es badet seine Füße und schaut herum. Doch sagt, wer mag das Männlein sein, das da sitzt am Rand allein? Diese Frage stellen sich vermutlich Dietenheim-Besucher, wenn sie am 1990 eingeweihten Narrenbrunnen an der Ecke Königstraße/Gießenstraße vorbeischlendern.

„Bei dem rastenden Mann handelt es sich um einen traditionellen Handwerksburschen mit Schlapphut, der seine Füße im Wasser kühlt und einen Moment inne hält“, erklärt der Dietenheimer Bildhauer Wolfgang Schaller sein Werk. Das Wasser sprudle dabei aus der umgefallenen Flasche seines Rucksacks. Da letzterer früher im Volksmund „Ranzen“ genannt wurde und die Dietenheimer Handwerker und Händler mündlichen Überlieferungen zufolge im 15. und 16. Jahrhundert damit von Dorf zu Dorf wanderten, nannte man die Illerstädter kurzerhand auch „Ranzenburger“, was so viel wie Rucksackbürger heißt.

Aber auch die These, dass die Bezeichnung auf die teils stattliche Leibesfülle mancher Burschen zurückzuführen sei, hört man immer wieder – wohl mit ein Grund, warum die in Nürtingen gegossene Bronzefigur ebenfalls mit einem kleinen Bäuchlein ausgestattet ist. Dass der „Ranzenburger“ später jedoch einmal in der Dietenheimer Fasnet eine tragende Rolle spielen wird und in der fünften Jahreszeit sogar den Ortsnamen ersetzt, war zu dieser Zeit natürlich noch nicht klar – auch in den ersten Aufzeichnungen der Narretei in Dietenheim ist darüber nichts zu finden. Erstmals nachweisbar erwähnt wird ein Bürgerball am 25. Februar 1891 im damaligen Rose-Saal, die ersten Umzüge datieren um die Jahrhundertwende. Dass die Fasnacht in Dietenheim auf so fruchtbaren Boden fiel, erklärte der Ehrenelferrat in der Ranzenburger Narrenzunft, Alfred Ritter, anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Dietenheimer Fasnet unter anderem mit den katholischen Urwurzeln und dem Bürgerstolz hierzulande.

Narrenmarsch zur Einweihung

„Fasnet war ein Ausdruck der Freiheit“, sagt Ritter, denn unter der Narrenkappe habe jeder Mann und jede Frau den Oberen die Wahrheit sagen können, ohne gleich Gefängnis befürchten zu müssen. Auf dieser Tatsache beruht auch die symbolische Entmachtung des Bürgermeisters, die auf das Berliner Fasnetstreiben von 1907 zurückgeht, als der Hauptmann Köpenik die Offiziersgesellschaft auf die Schippe nahm. In Dietenheim alias Ranzenburg markiert der traditionelle Rathaussturm mit Fackelumzug, Fasnetsausgraba und Schlüsselübergabe vom Bürgermeister ans Prinzenpaar bis heute Jahr für Jahr den Auftakt der heißen Fasnetsphase. Für die Einweihung des als Narrenbrunnen bekannten Ranzenburgers mitten in Dietenheim hätte sich die Stadtverwaltung im Jahr 1990 deshalb wohl auch kein besseres Datum als den „Gompigen Doschdig“ aussuchen können.

Eingeweiht wurde das neue Wasserspiel in der Königstraße standesgemäß mit dem 1930 verfassten Narrenmarsch, dessen Texter bis heute nicht genau feststeht. Denn während man lange davon ausging, dass Otto Leimer die Strophen gedichtet hat, versicherte Hermann Jehle zu Lebzeiten noch, dass sein Vater der Urheber war. Sicher ist demnach nur, dass die Musik von Professor Springer aus Wien, einem gebürtigen Schwendier, stammt und das Lied seitdem als „Nationalhymne“ Ranzenburgs gilt.

Überlebensgroß an Fasnet

Den dazugehörigen Schlachtruf „Narro Ahoi“ hat der damalige Bürgermeister Handschuh im Jahr 1935 ins Leben gerufen, im gleichen Jahr wurde auch das erste Ranzenburger Prinzenpaar ernannt. Letzteres wechselt seit Anfang der 1960er Jahre jährlich und führt die mittlerweile rund 200 Mitglieder starke Narrenzunft mit Elferrat und Prinzengarden nach rheinischem Vorbild durch die närrische Saison.

Dazu gibt es in Dietenheim und Regglisweiler mit neuen Maskengruppen aber auch eine starke Fraktion der schwäbisch-alemannischen Fasnetsvertreter – darunter auch die „Ranzenburger“. Beim großen Lindwurm durch Dietenheim am Fasnetssonntag bekommen die Narren zudem Unterstützung von einem überlebensgroßen Ranzenburger, und auch vor dem Bäcker macht die Gallionsfigur nicht halt, wo es den Ranzenburger in essbarer Form aus Hefeteig zu kaufen gibt.

Nur den bronzenen Kollegen am Brunnen lässt der närrische Trubel um ihn herum am Gompigen Doschdig und Fasnetssonntag ziemlich kalt – er behält stattdessen weiterhin das Dietenheimer Wahrzeichen, den Kirchturm, im Augenwinkel fest im Blick und freut sich auf das erste Fußbad in der wärmenden Frühlingssonne.

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