Wirtschaft Ein Flüchtling als Lehrling: Bodenständig hoch hinaus

Langenau / OLIVER HEIDER 18.02.2017

Drei Mal umsteigen, eineinhalb Stunden Fahrt in jede Richtung: Es ist eine lange Busreise, die Abdullah Iqbal morgens und nachmittags auf sich nimmt, um in die Arbeit und zurück zu kommen. Der Pakistani wohnt in Ludwigsfeld und macht seit Januar eine Ausbildung zum Fachlageristen – bei dem Unternehmen Schäflein Logistics in Langenau. Die Mühen lohnen sich, wie er sagt: „Im Betrieb läuft es sehr gut.“ In der Berufsschule hingegen gebe es Probleme. Der Grund dafür ist, dass der 31-Jährige vier Monate nach dem regulären Lehrjahresstart eingestiegen ist. Und damit viel Stoff aufholen muss.

Dass er nicht heillos überfordert ist, liegt daran, dass der Flüchtling gut Deutsch spricht. Seit drei Jahren ist er im Land, hat zwei Jahre in Unterelchingen im Asylbewerberheim gewohnt. Dem dortigen Helferkreis sei er dankbar, erzählt der Mann, der in Pakistan Wirtschaftswissenschaften studiert und sieben Jahre für einen Hersteller von Boxhandschuhen gearbeitet hatte.

An seiner Ausbildungsstätte in Langenau gefalle es ihm gut, Kollegen und Arbeitgeber seien hilfsbereit. „Ich müsste eigentlich von 8 bis 16.30 Uhr arbeiten“, erklärt Iqbal. Wegen der Busverbindung dürfe er aber um 16 Uhr gehen. Im Gegenzug hole er die Zeit ab und an samstags wieder herein.

Für das Unternehmen ist das in Ordnung. Sind doch die ersten Erfahrungen mit dem „reifen Nachzügler“, wie Ausbildungsleiter Sven Goede den Flüchtling nennt, positiv. „Er hört zu, fragt nach, ist sehr ehrgeizig.“ Dies vor dem Hintergrund, dass Menschen mit Sprachbarrieren sich oft nicht trauten nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Goede, der auch Leiter der Abteilung Warenausgang ist, kann das beurteilen. Schließlich beschäftige Schäflein Logistics viele Mitarbeiter, die polnisch, türkisch, slowenisch, kroatisch sprechen.

Zwei Azubis hat die Firma derzeit. Vielleicht kommt bald noch jemand hinzu: Bei einer Betriebsbesichtigung haben sich 16 junge Männer aus Langenau und Ulm die Hallen angeschaut – im Rahmen des Projekts „Flüchtling in Ausbildung und Beschäftigung“. Wie Anna Sonntag von der Industrie- und Handelskammer (IHK) erläutert, sollen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen „ein realistisches Bild der Berufswelt“ bekommen, um ins wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben integriert zu werden. Insgesamt rund 150 Flüchtlinge aus Ulm, dem Alb-Donau-Kreis und dem Kreis Biberach haben die IHK-Mitarbeiter unter ihre Fittiche genommen. Vom Land Baden-Württemberg geförderte „Kümmerer“ assistieren und begleiten die meist jungen Männer – oft auch bei Problemen im Alltag. „Um ein paar muss man sich intensiv kümmern, um andere weniger“, sagt Thomas Fleckenstein. Und wie viele Flüchtlinge finden eine Stelle? „Hoffentlich alle“, sagt Fleckenstein und ergänzt: „Nach unserem Besuch im vergangenen Jahr bei einer Spedition in Ulm haben drei dort eine Ausbildung angefangen.“ Viele andere müssten jedoch erst die Schule beenden. Über die IHK-Initiative kam auch Iqbal nach Langenau. Er arbeitete ein Jahr im Logistik-Bereich der Uni-Klinik in Ulm, ehe er bei Schäflein Logistics anfing. „In Deutschland verdient man ohne Ausbildung nur wenig“, sagt er.

Dem stimmt Ausbildungsleiter Goede freilich zu. Gemeinsam mit dem operativen Leiter Daniel Knoll erklärt er den Besuchern, dass es „immer schön ist, wenn man eine Schulausbildung hat“. Doch auch ohne eine solche könne man Lehrling werden. Vorausgesetzt, man sei willig, beherrsche die deutsche Sprache, mache ein Praktikum. Wer besonders engagiert sei, könne später „den Meister“ oben drauf setzen, ja sogar studieren. Das deutsche System macht es möglich.

In der Ausbildung kommen die Azubis laut Goede drei bis vier Monate im Wareneingang zum Einsatz, wo Schrauben, Gummiringe, Gehäuse und mehr entladen und kontrolliert werden. Gefolgt von einem halben Jahr im Warenausgang. Dort gehe es ums Kommissionieren. Ein bis zwei Monate verbringen Lehrlinge im Service, in dem bei Reklamationen recherchiert werden muss. Im Versandlager werden sie auch beschäftigt, dürfen dann den Führerschein für Gabelstapler machen und Lkw beladen.

Abdullah Iqbal, dessen Familie in Pakistan ist, will nach seiner Lehre in Deutschland bleiben, leben, arbeiten. Bis es soweit ist, muss er seine Lehre erfolgreich absolvieren. Dies wird ihm leichter fallen, wenn er mit einem Auto zur Arbeit fahren kann. Zwar ist er einmal durch die Theorieprüfung gefallen. Doch der 31-Jährige  ist zuversichtlich, diese Herausforderung bald zu meistern.

Die Firma Schäflein Logistics öffnet ihre Türen

Unternehmen: In Langenau beschäftigt Schäflein Logistics derzeit fast 240 Mitarbeiter, darunter zwei Auszubildende. Die Firma übernimmt die Logistik für Bosch-Rexroth. Das gesamte Gebäude im Gewerbegebiet an der A 7 hat eine Fläche von rund 25.000 Quadratmetern und ist unterteilt in drei Hallen. Im Warenausgang, im Service und im Versandlager arbeiten die Mitarbeiter im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr, im Wareneingang und im Behältermanagement herrscht Zwei-Schicht-Betrieb. Im Bereich Instandhaltung gibt es nur eine Schicht.

Ausbildung: Schäflein Logistics beschäftigt  einen Flüchtling als Lehrling. Im Betrieb sind Ausbildungen zum Fachlagerist (zwei Jahre) und zur Fachkraft für Lagerlogistik (drei Jahre) möglich. Die schulischen Einheiten finden in  Neu-Ulm statt.

Flüchtlinge: Unternehmen, die Asylbewerbern ebenfalls einen Einblick in ihren Betrieb gewähren wollen, können sich bei der „Koordinierungsstelle Flüchtlinge“ der IHK Ulm melden – unter Tel. (0731) 17 33 22 oder 17 33 03.

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