Geschichte Witzishofen: ein Dorf – im Wald verschwunden

Alb-Donau-Kreis / Franz Glogger 02.06.2018
Witzishofen war einst eine bedeutende Pfarrei, der Ort ist seit Jahrhunderten aufgegeben.

Witzishofen, Weidlinshofen, Weiklishofen, Weitlishofen id est Staig, Witzishoven, Wittißhovon, Wihishouen, Witzishouen. Mehr als 30 verschiedene Schreibweisen hat der Vorsitzende des „Förderkreises zur Erhaltung Wiblinger Kapellen, Flurkreuze, Bildstöcke und Kleindenkmale“, Peter Rau, für den Ort ausgemacht. Da es früher keine einheitliche Rechtschreibung gab, ist ihm die Schreibart zweitrangig. Viel wichtiger: „Es war die erste Pfarrkirche auf der heutigen Gemarkung Staig und damit seinerzeit ein bedeutender Ort“, sagt Rau. Diesen gebührend zu würdigen, ist allerdings schwierig. Spätestens seit 1472 gilt Witzishofen als „abgegangen“: Die Siedlung wurde aufgegeben. Stichhaltige urkundliche Erwähnungen verlieren sich von da an, handfeste Ruinen gibt es nicht, allenfalls ein „Hörensagen“ von älteren Altheimer und Staiger Bürgern. Wie unter diesen ungünstigen Vorzeichen einen Ort finden?

Rau und seine Mitstreiter Franz Barth, Rudolf Freitag, Rudolf Welz und Hans-Hermann Wiest reizte gerade dies. Viele Stunden tauchten sie in Archiven ab, verglichen Quellen, suchten nach bislang übersehenen Hinweisen und stellten Querverbindungen her. Parallel dazu haben sie auf Flurkarten Gewann-Namen studiert und mit Landwirten geredet. Die Puzzleteile stärkten eine Vermutung: Nur das nordwestlich von Altheim gelegene „Käppelesfeld“ kann der Standort der zu Witzishofen gehörenden Kirche gewesen sein und damit der gesuchten Siedlung. „Es gibt nicht umsonst mitten im Wald eine so große Lichtung. Irgendwo hier standen die Häuser, und drum herum wurden Felder angelegt“, sagt Rau. Am Rande der Felder hat der Förderkreis deshalb eine Stele aufgestellt, mit einer Karte und den wichtigsten Informationen.

Geschenk an Deutschorden

Sie sind nicht bloße Vermutungen, denn sie decken sich mit früheren und neueren Beschreibungen. Im Mittelpunkt aller steht die „Kapelle“, die nicht weniger als eine Pfarrkirche war – bevor es Staig gab. In der Beschreibung des Oberamts Laupheim von 1856 steht zum Beispiel: „Auf hiesiger Markung, auf einem „Weidlinshofen genannten Distrikte, stund das frühere Witzishoven.“ Das Oberamt berief sich dabei auf eine Urkunde, nach der 1266 die Grafen Eberhard und Konrad von Kirchberg Hof und Güter von „Wittißhovon“ dem Deutschordenshaus in Ulm schenkten. Die Ortschaft selbst erlebte ein Auf und Ab. Laut Kreisbeschreibung Alb-Donau war Witzishofen 1275 und 1324 „wüst“, hat 1353 wieder 26 „Wohnstätten“ und ist von 1472 an endgültig unbewohnt.

Die Konstante bleibt die Kirche, die dem Heiligen Nikolaus geweiht ist. Sie war im Umland sehr beliebt, vor allem für Pferdewallfahrten am 6. Dezember. Seit dem Jahr 1275 war sie Pfarrei. Laut dem landeskundlichen Informationssystem „LEO“ war das benachbarte Illerrieden kirchlich „in früherer Zeit Filial“ von Witzishofen und wurde erst 1466 selbst Pfarrort. Nachdem 1463 die Kirchberger Grafen die Pfarrei dem Kloster Wiblingen geschenkt hatten, beschloss dieses 1470, dass der Pfarrer in Staig Wohnsitz nehmen muss. Die Pfarrrechte blieben in Witzishofen. Die Kirche wurde sogar renoviert und schließlich 1493 mit dem Friedhof neu geweiht.

Ein letzter Höhepunkt

Ein letzter Höhepunkt war die Barockisierung 1723 durch Abt Modest I. Im Aussehen dürfte sie der heute noch stehenden St. Leonhard-Kapelle in Beutelreusch geglichen haben, vermutet Rau. Den Abbruch gut 60 Jahre später – weil nicht ständig Messopfer gefeiert wurden – schreibt der Restaurator dem Kaiser Joseph II. zu. Holzplastiken und Teile der Ausstattung dürften nach Staig und Wiblingen gekommen sein. Steine und Ziegel wurden verkauft. Die inzwischen verstorbene Martina Oberndorfer zitiert in ihrem Buch „Wiblingen – vom Ende eines Klosters“ den Staiger Pfarrer Johann Baptist Riester (1760 bis 1796): „Das Geld aber, das man dafür erlöste, wurde an die Religionskasse gesandt.“ Verärgert fügte er hinzu: „In welchem Winkel dieser Welt dieser Religions-Fonds existiert, ist mir unbekannt.“

Damit endet die Geschichte von Witzishofen endgültig – zumindest vordergründig. So weiß Rau von älteren Staigern und Altheimern, dass die Erinnerung an die Wallfahrten bis heute geblieben ist. Das zeige unter anderem das lange bei der Stele gefeierte Waldfest. „Die Leute wissen noch darum, dass hier ein besonderer Platz ist“, sagt Rau. Für ihn und seine Mitstreiter wird das „Käppelesfeld“ auf jeden Fall ein Forschungsobjekt bleiben. Zum Beispiel gilt es noch, den unmittelbaren Standort zu entdecken.

Oder die in der Gegend vermutete Römerstraße. Zumindest nach der alten Oberamtsbeschreibung liegen die Forscher damit offensichtlich richtig: „Über dieses Weidlingshofen führte die von Rißtissen herkommende Römerstraße.“ Zudem werden in dem Wald noch Weidlinshofen, Walkershofen und Wirblishofen als verschwundene Orte vermutet. Doch das könnten allerdings auch verschiedene Namen für den gleichen Ort sein.

3500 verlorene Orte in Baden-Württemberg

Stele Franz Barth (links) und Peter Rau mit der Stele, die an Witzlishofen erinnert. Zu finden ist sie von Staig-Altheim kommend so: 450 Meter vom Waldrand aus links beim Wanderplatz parken. Ab da 200 Meter zu Fuß.

Wüstungen Der wohl bekannteste verschwundene Ort ist Atlantis. Für Historiker sind „Wüstungen“ in vieler Hinsicht interessant: als Indikatoren für Krisen, Konjunkturen und demografische Entwicklungen. Das landeskundliche Informationssystem kennt in Baden-Württemberg insgesamt 3500 Orte, die es nicht mehr gibt. Das System bietet Zugang zu Informationen und Literatur aus und über das Land.

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