Moment mal Echs’ and the City

Foto: Alois Danner
Foto: Alois Danner © Foto: Alois Danner
Samira Eisele 07.09.2018

Wir sind keine Speziezisten. Nur, weil wir zufällig als Mensch geboren sind, halten wir uns nicht für überlegen. Schon gar nicht gegenüber Tieren, die a) Winterschlaf halten (was gäben wir dafür), b) Eier legen und diese von der Sonne ausbrüten lassen (!) und c) in Gefahrensituationen ein Körperteil abstoßen und es später nachwachsen lassen können. Nein, mit der Zauneidechse (Lacerta agilis) können wir nicht mithalten. Wir finden es absolut richtig, dass sie vor jedem Bauprojekt ausfindig gemacht und nach strengen Kriterien umgesiedelt wird, auf dass kein Baggerbiss sie zu c) zwingt. Und doch überkommt uns ein gewisser Neid, wenn wir hören, welche Dimensionen die Ausweichquartiere der wechselwarmen Tierchen annehmen können und sollen: Eine mittlere Lebensraumgröße von 150 Quadratmetern je Alttier beschreibt ein Leitfaden der Landesanstalt für Umwelt, Naturschutz und Messungen Baden-Württemberg (LUBW): „Zu beachten ist auch, dass neue Lebensräume meist nie die Qualität alter Lebensräume haben und somit gegebenenfalls entsprechend größere Flächen pro Tier anzusetzen sind.“ Im konkreten Fall beziehen acht Echsen, die im Erweiterungsgebiet des Steinbruchs Vohenbronnen gefunden wurden, ein neues Biotop mit insgesamt 3300 Quadratmetern – mutmaßlich in echsentauglicher Mischung aus Vegetation, Brachen und Sonnenplätzen.

Weil wir nun eben keine Speziezisten sind, finden wir aber auch: Diese Kriterien ließen sich durchaus von der Tier- auf die Menschenwelt übertragen. Auf diejenigen, deren gewohntes Umfeld von Baustellen (oder zugehörige Umleitungsstrecken) bedroht wird – also auf den gemeinen Innenstadtbewohner (Homo cityensis), der sich mit der Zauneidechse überdies die Eigenschaft teilt, ungern mehr als 10 oder 20 Meter zu wandern: „70 Prozent der Zauneidechsen entfernen sich sogar lebenslang nicht weiter als 30 Meter vom Schlupfort“, schreibt der Informationsdienst Umweltrecht. Wir sagen mal: Solche haben wir auch. Unsere Forderung ist klar. 150 Quadratmeter je Exemplar in einer Umgebung, die eine ausgewogene Mischung aus Grünanlagen, Cafés und Kneipen aufweist. Und sollte es mal gar nicht mehr anders gehen: Auf 3300 Quadratmetern zu acht würden wir vielleicht sogar in der Vorstadt überleben.

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