Dornstadt Dorf der Vertriebenen

Dornstadt / THOMAS STEIBADLER 07.09.2012
Mehr als 500 Vertriebene aus der Sowjetunion lebten von 1951 an im Dornstadter Altenheim. Auf die Einrichtung und ihre Bewohner wurde selbst die Tochter des Schriftstellers Leo Tolstoy aufmerksam.

"Ein russisches Dorf auf der Schwäbischen Alb" hat Wilhelm Sohn seinen vierten Band über die Geschichte des Dornstadter Altenzentrums überschrieben. In der Tat hatten seit den frühen 50er Jahren mehr als 500 Flüchtlinge, die meisten aus der damaligen Sowjetunion, dort eine Zuflucht gefunden. Sohn, von 1976 bis 1991 Technischer Leiter des Heims, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verzweigten Lebenswege nachzuzeichnen. Dafür sichtet er Akten, spricht mit Zeitzeugen und korrespondiert mit Nachfahren der längst verstorbenen "Heimbewohner aus dem Osten".

"Viele von ihnen hatten ein Studium absolviert, und fast alle Weltreligionen waren in diesem Dorf vertreten", hat Sohn festgestellt. Eines hatten sie gemeinsam: Aus politischen oder religiösen Gründen konnten oder wollten sie nicht zurück in die Sowjetunion. Viele hatten auf der Seite des 1917 gestürzten Zaren-Regimes gestanden und im anschließenden Bürgerkrieg gegen die bolschewistische Regierung unter Lenin gekämpft. Zum Beispiel "Herr Jerschow im zweiten Stock von Haus 3": Sergei Jerschow, 1895 im finnischen Kotka geboren, war Offizier in der Zarenarmee und hielt der Monarchie auch nach der bolschewistischen Revolution die Treue. Inwiefern Jerschow am Bürgerkrieg beteiligt war, ist unklar. Jedenfalls wurde er 1925 verhaftet und zwei Wochen im Gefängnis festgehalten, schreibt Sohn. Von 1930 bis 1935 war er in einem Lager inhaftiert. 1942 schloss er sich der Russischen Nationalarmee an, die im Krieg auf Seiten der deutschen Wehrmacht stand. Nach Dornstadt kam Jerschow, der an einer doppelseitigen Tuberkulose litt, im Jahr 1954. Dort starb er 21 Jahre später.

Oder Nicolai Rimsky-Korsakow. Der Neffe des gleichnamigen Komponisten (1844-1908) war Sohn zufolge Gardeoffizier bei einem Reiterverband der Ulanen und schloss sich 1920 der Weißen Armee unter Generals Pjotr Wrangel an. Rimsky-Korsakow, 1894 geboren, gehörte demnach zu jenen etwa 37 000 Soldaten, die als letztes Aufgebot Wrangels vor der Roten Armee auf die Krim und von dort in die Türkei flüchteten. Mit seiner Frau Kira ließ sich Rimsky-Korsakow dann in Belgrad nieder; er führte ein Unternehmen, sie ein Restaurant. Während des Zweiten Weltkriegs war Belgrad von der deutschen Wehrmacht besetzt. Ehe die Rote Armee und die Nationale Befreiungsarmee Jugoslawiens im Oktober 1944 einmarschierten, floh das Ehepaar. Nach Aufenthalten in Flüchtlingslagern ließen sie sich 1950 in Ingolstadt nieder, 1957 kamen sie nach Dornstadt. Dort verbrachten Nicolai und Kira Rimsky-Korsakow die letzten zwölf Jahre ihres Lebens.

Noch ein berühmter Name ist eng mit dem Dornstadter Altenheim verknüpft: Tolstoy. Gräfin Alexandra Tolstoy (1884-1979), jüngste Tochter Leo Tolstoys (1828-1910), des Autors von "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina", trug sich am 26. September 1952 ins Gästebuch des Altenheims ein. Sie lobt Fürsorge und Freundlichkeit, die den Bewohnern entgegengebracht wurden. Die Zeilen sind auf Englisch geschrieben, denn Alexandra Tolstoy hatte Russland 1929 verlassen und lebte seit 1931 in den USA.

Zusammen mit der ebenfalls aus der Sowjetunion emigrierten Tatiana Schaufuss gründete Alexandra Tolstoy im Jahr 1939 die Tolstoy-Stiftung. Zu den Unterstützern gehörten berühmte Auswanderer wie der Komponist und Pianist Sergei Rachmaninow (1873-1943) und der Hubschrauber-Konstrukteur Igor Sikorsky (1889-1972). Herbert Hoover (1874-1964), von 1929 bis 1934 Präsident der Vereinigten Staaten, fungierte bis zu seinem Tod als Ehrenpräsident. Die international tätige Stiftung half Exil-Russen in aller Welt. Unter anderem in Dornstadt.

In einem Brief an den damaligen Heimleiter Emil Kimmrich schreiben Alexandra Tolstoy und Tatiana Schaufuss im Jahr 1967: "Mit großer Freude ergreife ich die Gelegenheit Ihnen, verehrter Herr Direktor und Ihrer Gemahlin von ganzem Herzen dafür zu danken, was sie unseren russischen Landsleuten in Ihrem Hause geschenkt haben: Eine Heimat - diese russische Insel fern der alten Heimat - Ruhe und Geborgenheit, Liebe und Fürsorge." Es sollte nicht beim geschrieben Dank bleiben: Im März 1967 besuchte Alexandra Tolstoy zum zweiten Mal das "russische Dorf auf der Schwäbischen Alb".

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