Andere beauftragen Fachfirmen, Dietenheim geht das Problem erstmals mit eigenen Kräften an: Ulrike Widmann vom Bauhof hat dieser Tage den Kampf gegen den giftigen Eichenprozessionsspinner aufgenommen, der sich in Eichen niederlässt, vornehmlich in Solitärbäumen. „Firmen haben kaum freie Termine, wenn die Sache akut wird. Außerdem sind die Einsätze richtig teuer.“ Deshalb habe man sich das Equipment für die Bekämpfung selber angeschafft, teilt Bauhofleiter Jürgen Peter auf Anfrage mit. Kernstück dieser Ausrüstung ist ein Staubsauger. Kein normaler, sondern ein Hochleistungsgerät mit 2800 Watt. Der Turbosauger ist in Dietenheim ausschließlich dafür gedacht, mit seinem armdicken Rohr die gefährlichen Biester samt ihren Nestern in seinen Schlund zu ziehen. 2500 Euro hat der Gemeinderat dafür ohne Zögern genehmigt.

Ohne Schutz geht nichts

„Der Befall hat in den vergangenen Tagen stark zugenommen“, berichtet Widmann. Sie steckt in einem weißen Chemikalien-Schutzanzug der Kategorie III; und das in der Sommerhitze von 30 Grad. Der Schweiß rinnt der 55-Jährigen in Bächen den Rücken hinunter. Doch auf den luftdichten Schutz zu verzichten, wäre fahrlässig. Vergangenes Jahr, als die Bauhof-Mitarbeiterin „nur“ einen Maleranzug übergezogen hatte, machte sie prompt unangenehme Bekanntschaft mit den giftigen Brennhaaren der Raupe. „Furchtbar gejuckt hat es und es gab Pusteln“, erzählt sie.

Etwa 50 Eichen wachsen auf Dietenheimer Grund. Zumindest von denen an stark frequentierten Standorten soll keine Gefahr ausgehen. Täglich werden sie kontrolliert. „Im Wald machen wir nichts. Da gehört der Eichenprozessionsspinner halt zu den aktuell typischen Gefahren“, erklärt Bauhofleiter Peter.

Widmann scannt zunächst mit bloßem Auge Stamm, Äste und  Blätter ab. „Indikatoren, dass etwas im Busch ist, sind auch Fraßstellen an Blättern“, sagt sie. Entdeckt sie weiße Gespinste, ist die Sache eindeutig. An der 250 Jahre alten Eiche zwischen Dietenheim und Regglisweiler, nahe einem Anglersee, werden die Stadtgärtnerin und ihr Kollege schnell fündig. „Das kann Stunden dauern“, befürchtet Wolfgang Schuster, der den Hubsteiger fährt. In der Tat zählt das Duo bis zum Abend mehr als 30 Nester. Oft sind sie nur so groß wie eine Apfelsine, manchmal übertreffen sie die Ausmaße einer halbierten Melone. „Wir hatten ein Nest, da waren bestimmt Tausend Raupen drin“, erzählt Widmann.

Lieber gezielt absaugen

Man könnte den Tieren auch biologisch mit dem Bakterium Bacillus thuringiensis zu Leibe rücken. Es bildet ein schädliches Eiweiß, das die gefräßigen Jungraupen verhungert vom Baum fallen lässt, bevor sie ihre gefährlichen Haare ausgebildet haben. „Das Problem ist aber, dass wir dann nicht nur den Eichenprozessionsspinner töten, sondern auch alle anderen Insekten“, erklärt Widmann. Für sie kommt das in Zeiten der schrumpfenden Artenvielfalt nicht in Frage. Die Stadtgärtnerin stülpt ihren Mundschutz über und fährt im Korb des Hubsteigers auf etwa drei Meter Höhe in die Baumkrone hinein. Immer wieder muss sie den Kopf einziehen, um nicht mit Ästen zu kollidieren. „Ich glaube, die Raupen mögen die tiefen Rillen der Eichenrinde.“ Auch in Hohlräumen verletzter Stämme nisten sie sich gern ein, hat sie festgestellt. Zweifach behandschuht, setzt die Fachfrau das Rohr des Turbosaugers an einen Ast. „Die Gespinste kleben wie Zuckerwatte“, erläutert sie. Die Arbeit ist kräftezehrend. „Am Abend ist man platt.“ Und sie erfordert Konzentration, denn es soll vermeiden werden, dass Raupen auf den Boden fallen. „Das ist zwar nicht schlimm, denn die wandern im Gänsemarsch wie in einer Prozession alle wieder zum Stamm. Aber dann müssen wir am Tag danach halt nochmals herkommen.“

Erst Kadaver-Gefriertruhe, dann Müllverbrennungsanlage

Mehrere befallene Eichen in Dietenheim und Regglisweiler sind bislang gesäubert worden: beim Friedhof, beim Spielplatz Halde, am Sportplatz, beim Badesee, beim Haldeweg, am Höhenweg, an Radwegen. Betroffene Privatbesitzer müssen die Bekämpfung selber organisieren. „Da dürfen wir aus Wettbewerbs-Gründen gar nicht eingreifen“, sagt Jürgen Peter.

Nach vollbrachter Arbeit kommt der Staubsauger-Beutel voller Raupen in einen dicken Abfallsack. Der wird gut verschlossen und in der Kadaver-Gefriertruhe im Bauhof zwischengelagert, um später in der Ulmer Müllverbrennungsanlage als Restmüll verbrannt zu werden. Widmann und Schuster schätzen, dass sie in den kommenden Wochen noch einige Einsätze zu leisten haben.

Das könnte dich auch interessieren:

Hitzefrei in Baden-Württemberg und Bayern Gibt es Hitzefrei auf der Arbeit?

Ulm

Giftige Brennhaare vom Winde verweht


Schmetterling Der wärmeliebende Eichenprozessionsspinner ist ein Nachtfalter. Das Weibchen legt bis zu 200 Eier im Kronenbereich von Eichen. Die Raupen durchlaufen bis zu sechs Entwicklungsstadien. Vom dritten Larvenstadium an wachsen die giftigen Brennhaare. Sie brechen leicht und werden vom Wind  weiter getragen. Der Kontakt kann starke Symptome auslösen: Juckreiz, Brennen, Schwellungen, Quaddeln. Werden Haare eingeatmet, kann es zu Bronchitis, schmerzhaftem Husten oder Asthma kommen.