Berghülen / JOACHIM STRIEBEL  Uhr
Traumtunnel nennen Forscher einen 100 Meter langen Abschnitt in der Hessenhauhöhle. Tropfstein reiht sich an Tropfstein. "Weltklasse", sagte Dr. Jürgen Bohnert beim Vortrag der Arge Blaukarst.

Berichte über die Höhlenforschung auf der Schwäbischen Alb ziehen viele Menschen in ihren Bann. Rund 1700 Zuschauer sahen am Freitag und Samstag die Vorträge der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Blautopf in Blaubeuren und Neu-Ulm, mehr als 450 Zuschauer drängten sich am Samstagabend in der Halle der 1900-Einwohner-Gemeinde Berghülen. Dort zeigte die Arbeitsgemeinschaft Blaukarst Fotos und Filme. Die Arge Blautopf und die Arge Blaukarst sind - obwohl einige Forscher in beiden Gruppen Mitglied sind - zwei eigenständige Vereine und präsentieren separat ihre jeweils erstaunlichen Ergebnisse. Die Arge Blautopf forscht in der Blaubeurer Blauhöhle (auch Blautopfhöhle genannt), die Arge Blaukarst in der Berghüler Hessenhauhöhle. Noch gehören die Höhlen nicht zusammen. 1,4 Kilometer Luftlinie liegen dazwischen.

Blaukarst-Vorsitzender Dr. Jürgen Bohnert und Mitglied Norbert Neuser nährten bei der Veranstaltung des Vereins in Berghülen die Hoffnung, eine Verbindung zur Blauhöhle zu entdecken, wodurch das längste Höhlensystem Deutschlands entstünde. Das Wasser kennt den Weg längst, wie Versuche im vergangenen Frühjahr ergeben haben. Farbstoffe aus der Hessenhauhöhle waren in der Blauhöhle und auch im Blautopf nachweisbar.

Nachdem sich die Arge Blaukarst, die 63 Mitglieder zählt, seit 2006 in fünfjähriger Arbeit in der durch starken Luftzug aufgefallenen Hessenhau-Doline rund 130 Meter in die Tiefe gegraben hatte, fand sie einen Flusstunnel. Die Forscher folgten der Nordblau flussaufwärts und flussabwärts. Immer wieder kamen sie nur weiter, indem sie Siphone - unter Wasser stehende Höhlenteile - durchtauchten. Lohn der Mühe waren Anblicke von "wunderbaren Tropfsteinen", wie Jürgen Bohnert berichtete. Da brauche die Hessenhauhöhle Vergleiche mit bekannten Höhlen in Slowenien nicht scheuen. "Das ist wirklich Weltklasse", sagte Bohnert.

Etwas getrübt wird das Vergnügen dadurch, dass das Wasser nicht frisch ist, gar mit Fäkalien belastet ist. Bohnert, Arzt von Beruf, hat "Bakterien aus dem menschlichen oder tierischen Darm" nachgewiesen. Nicht von ungefähr nennen die Forscher das derzeitige Ende in nördlicher Richtung Klärbeckensiphon. Spekulationen, woher die Verunreinigungen kommen, wollen die Forscher nicht anstellen. Das Tauchen in der Hessenhauhöhle gestaltet sich auch aus einem anderen Grund schwierig: Luftflaschen und alle anderen Ausrüstungsgegenstände müssen kletternd an Leitern und an Seilen nach unten und nach Gebrauch wieder nach oben geschaffen werden. Deswegen hat Bohnert ein so genanntes Kreislaufgerät in besonders kompakter Form entwickelt: Dieses bindet das Kohlendioxid der ausgeatmeten Atemluft und verlängert die Tauchzeit wesentlich. Flussabwärts müssen die Taucher besonders auf der Hut sein, weil ihnen aufgewirbelter Schlamm sehr schnell die Sicht nimmt.

Auf der Suche nach einer trockenen Umgehung eines Siphons erlebten die Höhlenforscher eine Überraschung: Sie stießen auf einen 100 Meter langen Abschnitt, der von vorne bis hinten mit Tropfsteinen und anderen Sinterformen - mineralischen Ablagerungen - gefüllt ist. "Wir zogen unsere Gummistiefel aus", berichtete Bohnert. Die Forscher wollten im Traumtunnel nichts verschmutzen. "Eine unterirdische Reise zum Traumtunnel" lautete denn auch der Titel des Vortrags in Berghülen.

Schon dadurch, dass von der Albhochfläche aus ein Blau-Zufluss erreicht wurde, sei ein Traum in Erfüllung gegangen, sagte Norbert Neuser. Dies wünscht sich die Arge Blaukarst auch für ihr zweites Projekt, die Grabung in der Seligengrundhöhle bei Blaubeuren-Seißen. Dort hat der Verein bisher eine Tiefe von 99 Metern erreicht. Rechnerisch fehlen bis zum Wasserspiegel nur noch wenige Meter.

Der Berghüler Bürgermeister Bernd Mangold zollte den ehrenamtlichen Forschern höchsten Respekt und kündigte an, die in Berghülen ansässige Arge Blaukarst in die Vereinsförderung der Gemeinde aufzunehmen. Angesichts der Feststellung des Vorsitzenden Bohnert, dass die Forschung bisher bereits so viel wie ein kleines Einfamilienhaus gekostet habe, könne Berghülen freilich nur einen bescheidenen Beitrag leisten.