Tiere Sonja Hilsenbeck: Die Pferdeflüsterin

Laichingen / Sabine Graser-Kühnle 04.08.2018
Die Laichingerin Sonja Hilsenbeck arbeitet auf ihre eigene Art mit Pferden. In Südafrika hat die Trainerin viel gelernt.

Südafrika, wenige Kilometer entfernt von der „Safaristadt“ Hoedspruit. Es ist Anfang März, Sonja Hilsenbeck ist bei 30 Grad auf der Pferdekoppel. Ihr gegenüber steht das zweijährige Pferd „Catch-me-if-you-can“, kurz „Catch“ genannt. Kein Wort fällt, keiner von beiden bewegt sich. Dann, nach schier unendlichen Minuten, macht die blonde Frau vorsichtig einen Schritt auf das Pferd zu, behält das Tier dabei fest im Blick: „Wird es misstrauisch und weicht vor mir zurück, oder dreht es mir sogar das Hinterteil zu, weil ich seine Grenze überschritten habe?“ Wäre das der Fall, würde Sonja Hilsenbeck sofort den Abstand vergrößern. „Es ist eine stumme Zwiesprache, da sind nur noch das Pferd und ich, um mich herum bekomme ich nichts mehr mit. Ich überlege, was das Pferd Schreckliches erlebt hat, dass es so gar kein Vertrauen zu uns Menschen mehr hat.“

Sonja Hilsenbeck ist „Horsefrau“, arbeitet nach der Methode „Horsemanship“. Eine Trainingsart auf der Grundlage der den Pferden angeborenen Verhaltensweisen. Beim Westernreiten hat sie ihre spezielle Gabe entdeckt, sie versteht die Körpersprache der Pferde, kann mit ihnen kommunizieren. Sie hat ein besonderes Einfühlungsvermögen, das nicht vielen gegeben ist. Das gelassene Naturell der Westernreitpferde, das sich von anderen Reitpferden unterscheidet, hat die junge Frau damals beeindruckt und ihr Talent eröffnet. Das wollte sie ausschöpfen, wollte mehr über die Körpersprache der Pferde erfahren und spezialisierte sich dann vor 15 Jahren auf „Horsemanship“.

Ausritte in die Reservate

Inzwischen ist die 54-jährige Laichingerin in Süddeutschland eine gefragte Horsemanship-Pferdetrainerin. „Ich brauche keine Werbung, die Mundpropaganda genügt“, sagt sie. Ihr Ruf reicht über die Schwäbische Alb hinaus bis in die Stuttgarter Region.

Der vierwöchige Aufenthalt in Südafrika Anfang dieses Jahres war für sie eine Weiterbildung.  Sie arbeitete als Volontärin auf der „Khaya Hanci Horsetrails Farm“. Die Deutsche Ulrike Hake nimmt dort traumatisierte Pferde auf, holt sich für die Arbeit mit ihnen Volontäre, bis die Pferde als Reittiere den zweiten wichtigen Aspekt ihrer Farm erfüllen helfen: Die Kontrolle benachbarter Naturreservate. Bei Ausritten in die Reservate kontrolliert sie Zäune, sucht nach verletzten Tieren und nach Spuren von Wilderern.

Die Arbeit mit traumatisierten Pferden war einer der Gründe, weshalb Sonja Hilsenbeck dort volontierte. „Catch-me-if-you-can“ ist nicht umsonst der Name dieses Wallachs: Er war bei Einheimischen als Arbeitstier genutzt worden. „Die kennen als Erziehungsmittel nur Schmerz. Ich kann gar nicht wiedergeben, was dieses Tier durchgemacht hat.“ Und Pferde vergessen so etwas nie, sagt sie. Sonja Hilsenbeck brauchte die vier Wochen ihres Aufenthalts, um „Catch“ wieder an Menschen zu gewöhnen. Angesichts des Traumas sei das unglaublich kurz. Anfangs arbeitete sie maximal zehn Minuten mit dem Tier, lange zehn Minuten, in denen scheinbar nichts passierte. Dann, nach zweieinhalb Wochen, der Durchbruch: „Catch“ folgt ihr, als sie von der Koppel gehen will. Ein klarer Beweis, dass das Tier Vertrauen zu seiner Trainerin gefasst hat. Der nächste Arbeitstag: Sonja tritt vor den Wallach, streicht ihm sanft über die Stirn, streift vorsichtig das Halfter über. Willig  lässt das Tier alles geschehen. Wenige Tage später darf sie es am lockeren Strick „einladen mit mir zu kommen“. Nun kommt sie mit „Catch“ gut voran, wie mit den anderen Pferden auf der Farm auch. Morgens um sechs ist sie auf der Koppel, mittags zeigt das Thermometer knapp 40 Grad, da geht nichts mehr.

Sonja Hilsenbeck ist nach Deutschland zurückgekommen mit einer Fülle von Eindrücken und mit neuen Freundschaften. Aber ebenso mit Erkenntnissen: „Mich haben diese Pferde gelehrt, dass man noch mehr Geduld haben und viel mehr Verständnis aufbringen muss. Alles, was man überstürzt macht, geht nach hinten los.“ Für das moderne Pferdetraining hat sie wenig Verständnis: „Die Pferde werden unter Zeit- und Leistungsdruck ausgebildet, müssen innerhalb von vier Monaten galoppieren: Das ist ein Unding.“

Mit Vertrauen zum Ziel

Sie ist sicher: Wer mit seinem Pferd anfangs wenigstens 80 Prozent vom Boden aus arbeitet, baut Vertrauen auf und kommt viel schneller ans Ziel: ein vertrauen- und respektvolles Miteinander von Mensch und Tier. Ihre Reitschüler lernen zuerst einmal die Körpersprache ihrer Pferde und die eigene kennen, auf die das Tier nämlich reagiert.

Rund ein Drittel ihrer Kunden sind Reiter, die mit ihren Pferden nicht mehr klarkommen: „Die beißen, steigen, sind nicht mehr zu bremsen oder setzen einfach ihren Kopf durch.“ Den Begriff „Pferdeflüsterin“ mag Sonja Hilsenbeck übrigens nicht auf sich übertragen, obwohl sie sich sehr wohl unter diese Pferde/Mensch-Versteher einreihen kann.

Sonja Hilsenbecks schönstes Erlebnis in Südafrika war der Abschied von „Catch-me-if-you-can“: „Er hat seinen Kopf  auf meine Schulter gelegt, da habe ich Rotz und Wasser geheult“, erzählt sie und hat Tränen in den Augen.

Schon als Kind mit Pferden zusammen

Ausbildung Von Kindesbeinen an ist Sonja Hilsenbeck mit Pferden zusammen. Anfangs ritt sie Ponys, lernte später Englischreiten im Landgestüt Marbach und machte dort ihren Trainerschein. Um ihr Talent auszuschöpfen, bildet sie sich stetig fort, besuchte Kurse und Workshops nach der Methode von Pat Pirelli, dem Pferdeflüsterer und Begründer der „Horsemanship“. Sie schnupperte auch bei Bernd Hackl, dem „Horseman“, bekannt aus der Fernsehserie „Der Pferdeprofi“. Sonja Hilsenbeck arbeitet nicht nur auf der Laichinger Alb, sondern beispielsweise auch im Filstal, in Reutlingen, Münsingen, Weilheim/Teck, Weil der Stadt und in der Stuttgarter Region.

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