Wirtschaft Die Kunst des Kunststoff-Fräsens

Als Ingenieur interessierten den SPD-Landtagsabgeordneten Martin Rivoir (rechts) die Besonderheiten des Materials, das die Erbacher Firma Okutec verarbeitet.
Als Ingenieur interessierten den SPD-Landtagsabgeordneten Martin Rivoir (rechts) die Besonderheiten des Materials, das die Erbacher Firma Okutec verarbeitet. © Foto: Franz Glogger
Erbach / Franz Glogger 06.09.2018

Bernd Kegel spannt einen kleinen, schwarzen Klotz in den Materialhalter, schließt die Abdeckung der CNC-Fräsmaschine und drückt einen Knopf. Binnen weniger Minuten fräsen Werkzeuge eine Vertiefung heraus, bohren verschieden große Löcher und zum Abschluss ein Gewinde in die Mitte. Dabei wird das Werkstück gedreht und gewendet, wie es für die Maschine gerade am besten ist. Dass die Späne nur so fliegen, erklärt sich aus dem Material selbst: Es ist Kunststoff. Zwar besonders hochwertig, aber deutlich einfacher zu verarbeiten als Metall, selbst als Aluminium.

Auf die Verarbeitung von Kunststoffen hat sich die Erbacher Firma Okutec spezialisiert. Was das Besondere dieses mittelständischen Unternehmens ausmacht, aber auch, wo der Schuh drückt, wollte der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir gestern bei einem Besuch erfahren.

Temperaturen bis 300 Grad

Als ausgebildeten Ingenieur interessierten den Politiker auch die technischen Besonderheiten des Materials. Geschäftsführer Martin Opfolter nannte als Beispiele etwa Korrosionsbeständigkeit, geringes Eigengewicht, Elastizität bei gleichzeitiger Formbeständigkeit und eine hohe Beständigkeit gegen Schwankungen bei der Temperatur. Das Spektrum reiche von Minusgraden bis zu 300 Grad Celsius, sagte Opfolter.

So breit die Spanne der Eigenschaften, so vielfältig ist auch die Palette der Kunden, ergänzte Opfolters Bruder und Mitinhaber Peter. Dazu gehörten regionale Firmen wie der Einsinger Prüfmaschinenhersteller Zwick und Liebherr in Ehingen oder Entwickler von Präzisionsgeräten für die Medizin- und Dentaltechnik. 1990 hatte Hans Opfolter die Firma gegründet, Vater der heutigen Geschäftsführer.

15 CNC-Maschinen laufen aktuell bei Okutec, je nach Auftragslage im Ein- oder Zweischichtbetrieb. Wenn ein Kunde einen Auftrag erteilt, sorge das Unternehmen dafür, dass er ohne Verzögerung erfüllt wird, sagte Martin Opfolter. Diese Flexibilität sei gewissermaßen das Markenzeichen eines mittelständischen Familienbetriebs.

Die Größe der Fertigteile bewegt sich zwischen 3 und 300 Millimeter. Gelagert werden sie in einem speziellen Hochregalturm. Auf 14 Metern Höhe sind wie in einem Paternoster 200 Großschubladen untergebracht. Eine Nummer ins Display eingegeben, und binnen Sekunden rollt das gewünschte Fach an.

Okutec beschäftigt 20 Mitarbeiter. Frauen und Männer arbeiten gleichermaßen an den hochpräzisen Maschinen. Die Firma bietet auch Ausbildungsplätze zum Zerspanungstechniker an. „Sofern wir einen Bewerber bekommen“, sagt Peter Opfolter. Das sei ein Thema, das den Mittelstand allgemein umtreibe – das geringe Interesse der Jugend an handwerklichen Berufen, sagte sein Bruder. Eine Ursache sei der Wegfall der Hauptschule. Genauso hinderlich sei die Konkurrenz durch die Industrie mit ihren höheren Löhnen, die sich der Mittelstand nicht leisten könne. „Dabei sind vor allem wir es, die ausbilden“, sagte Martin Opfolter.

Weitere Klagen galten einer gering empfundenen Anerkennung der Lehrberufe und Meister durch die Politik und dem „gerade noch“ ausreichenden Internet. „Wohngebiete werden zuerst versorgt, während wir damit Geld verdienen sollen“, klagte Opfolter.

Rivoir hatte Verständnis für die Kritik. Die Politik könne diese „schwer aufgreifen“, denn die Entscheidungen erfolgten durch die Menschen vor Ort. Warum in Erbach die Förderung des Internets besonders schleppend voran kommt, werde er in der Landeshauptstadt jedoch hinterfragen, versprach der Abgeordnete.

Alleskönner ersetzt immer öfter Metall

Material Erdöl, Erdgas und Kohle sind die wichtigsten Ausgangsstoffe für Kunststoff. Der bekannteste natürliche Kunststoff ist der Kautschuk aus dem Gummibaum. Der vielleicht älteste Kunststoff, ein aus der Birkenrinde gewonnenes Pech, war schon den Neandertalern bekannt. Heute ersetzt der Alleskönner aufgrund seiner Eigenschaften immer häufiger Metall.

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