Bahnhalt Die Alb ruft nach der Bahn

Laichingen, Daniel-Schwenkmezger-Halle: 18.00 Info- und Diskussionsabend zum Thema Regionalbahnhalt "Schwäbische Alb"
Laichingen, Daniel-Schwenkmezger-Halle: 18.00 Info- und Diskussionsabend zum Thema Regionalbahnhalt "Schwäbische Alb" © Foto: Volkmar Könneke
Laichingen / MATTHIAS STELZER 27.02.2015
Die Menschen auf der Schwäbischen Alb wollen den Bahnhalt in Merklingen. Eine Infoveranstaltung in Laichingen am Donnerstagabend geriet deshalb zur Demonstration für einen Schienenanschluss. Mit einem Leitartikel von Matthias Stelzer

In der Daniel-Schwenkmezger-Halle musste vor Beginn der Veranstaltung nachgestuhlt werden. Mehr als 400 Leute kamen, drängten schon lange vor Veranstaltungsbeginn (18 Uhr) in die Halle. Eine Abstimmung mit den Füßen. Zumal, wie Moderator Johannes Rauneker per Handzeichen abprüfen ließ, wohl nur Befürworter des Bahnhalts im Saal waren. Darunter etliche Politiker, Verwaltungschefs und Wirtschaftvertreter.

Auf dem Podium die Landtagsabgeordneten Jürgen Filius (Grüne), Martin Rivoir (SPD) und Karl Traub (CDU), der Gastgeber, Laichingens Bürgermeister Klaus Kaufmann, der Ulmer IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle und Gebhard Maier, der sich als Laichinger schon seit 2003 für einen Alb-Bahnhalt einsetzt. Dazu ein Gast aus Vaihingen/Enz: OB Gerd Maisch (parteilos).

Viele Bürgermeister im Publikum

Als Kronzeuge für die positiven Effekte eines Bahnhalts war er gekommen und erfreute die vielen Bürgermeister im Publikum (aus Heroldstadt, Hohenstadt, Drackenstein, Wiesensteig und Gruibingen) mit der Nachricht, dass Vaihingen auf ganzer Linie gewonnen habe. „In den ersten zehn Jahren nach dem Bau des Bahnhalts wuchs die Zahl unserer Einwohner um 13 Prozent“, berichtete der Oberbürgermeister. Gewerbeansiedlungen hätten stark zugenommen. Aktuell verzeichne der Halt 7000 bis 8000 Fahrgäste am Tag. Maisch: „Insgesamt also eine Erfolgsgeschichte.“

Dass ein Bahnhalt in Merklingen ähnliche Positiveffekte für die Albhochfläche haben könnte, daran zweifelte auf dem Podium in Laichingen niemand. Es gab Bekenntnisse zum Bahnhalt in Hülle und Fülle, die vom Publikum jeweils mit kräftigem Beifall bedacht wurden. Ebenso wie ein von Kaufmann überbrachter Gruß des verhinderten Münsinger Bürgermeisters Mike Münsing, der sich auch als Vorsitzender des Schwäbische Alb Tourismusverbands für die Schienenanbindung der Alb einsetzt.

Strittig ist die Finanzierung

Strittig wurde der Informationsabend allenfalls, als es um die Finanzierung ging. „Wenn es bei der aktuell vorgesehenen Kostenteilung bleibt, müssen wir Kommunen die Segel streichen“, gab Klaus Kaufmann das kritische Thema vor. Nach Vorstellung des Landes-Verkehrsministeriums sollen die Kommunen und Gebietskörperschaften der Region die Hälfte der Investitionkosten, die auf 17,7 bis 26 Millionen Euro taxiert sind, übernehmen. Hinzu kämen Kosten für die Beschaffung schneller Regionalzüge, die auf der Schnellbahntrasse den ICE-Verkehr nicht gefährden, sowie Betriebskosten.

Nach Berechnung des Ulmer Landratsamts würde der Investitionskostenbeitrag zwischen 10,5 und 15,7 Millionen Euro liegen. Dazu sollen jährliche Kosten von 1,7 Millionen Euro kommen – als Beteiligung an den durch den Bahnhalt verursachten höheren Betriebskosten. Für CDU-Landrat Heinz Seiffert ein Grund, ganz schnell und in aller Deutlichkeit abzuwinken.

Eine Haltung, die dieser Tage auf der Albhochfläche nicht allzu gut ankommt. Dort sähe man es lieber, wenn sich Seiffert zumindest verbal mehr für den Bahnhalt einsetzen würde. „Die ganze Region muss zusammenhalten. Wir müssen den Weg ohne Kirchturmdenken gehen“, forderte dann auch Martin Rivoir. Außerdem mahnte er die anwesenden Bahnhalt-Befürworter, es sich mit den Finanzierungsforderungen nicht zu einfach zu machen. „Die Diskussion unter der Maßgabe das Land muss alles zahlen, brauchen wir nicht zu führen“, sagte er mit Verweis auf die Tatsache, dass eigentlich Geld aus Berlin fehle.

"Die Landesregierung will den Bahnhalt"

Eine Haltung, die Jürgen Filius unterstützte. Anders als Karl Traub, der den Schwarzen Peter nach Stuttgart zurückspielen wollte („Das Land ist zu 100 Prozent gefordert.“), sagte der Grüne: „Die Landesregierung will den Bahnhalt. Unsere 50 Prozent bringen wir.“ Man brauche aber trotzdem einen Mitfinanzier. Filius: „Der Landkreis und andere sind recht herzlich eingeladen.“

Für die Industrie- und Handelskammer Ulm schlug Otto Sälzle diese Einladung aus. Sein Haus beteilige sich zwar gerne an den Planungskosten, einen Bau könne die Kammer aber nicht mitfinanzieren. Dennoch sprach auch er sich für gemeinsame Anstrengungen aus: „Für den ländlichen Raum ist ein attraktives ÖPNV-Angebot wichtig.“

Martin Rivoir sucht deshalb die Lösung in Berlin. „In der Neubaustrecke steckt doch schon eine Milliarde Euro Landesgeld drin. Und jetzt kommt der Bau vermutlich deutlich billiger als geplant. Da schauen wir doch, dass wir von der Milliarde was bekommen“, sagte er. Tatsächlich gebe es inzwischen Überlegungen, die Reste des an die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm gebundenen Geldes in Richtung Filderbahnhof zu verschieben. Rivoir: „Wenn der Topf aufgemacht wird, müssen wir auch dabei sein.“ Die Region müsse deshalb möglichst schnell zusammen nach Berlin fahren.

In der anschließenden Diskussionsrunde machten die Redner am Saalmikrofon dann klar, dass für sie vor allem das Ergebnis zählt. Der Laichinger CDU-Kreis- und Stadtrat Kurt Wörner formulierte die Erwartungshaltung der Alb-Gemeinden und -Bewohner besonders drastisch: „Der politische Frieden in der Region ist in Gefahr, wenn das Projekt scheitern sollte.“
 

Kommentar: Das Signal war deutlich

Die von einem mehr als bescheidenen Nahverkehrssystem geschundene Albhochfläche will die Züge nicht länger nur im Vorbeifahren sehen. Die Belastungen des Baus der Schnellbahntrasse zwischen Stuttgart und Ulm haben die Gemeinden der Laichinger Alb schon, jetzt wollen sie auch an den Chancen teilhaben. Das ist nur allzu verständlich. Die Älbler träumen nicht ohne Grund von einem Bahnhof. Er bietet dem ländlichen Raum zwischen dem Großraum Stuttgart und dem Donautal die Chance, den demografischen Wandel zu mildern.

Ohne ein gutes ÖPNV- Angebot werden die Albgemeinden weiter an Einwohnern verlieren. Schon jetzt ist die Altersgruppe zwischen 18 und 50 Jahren auf der Hochfläche unterrepräsentiert. Die Berufstätigen, die wegen der Konzentration der Arbeitsplätze in den Ballungzentren auf Mobilität angewiesenen sind, kehren der Alb den Rücken. Und wo es an öffentlicher Infrastruktur fehlt, da werden auf lange Sicht auch Jobs fehlen. Bei einer Umfrage der Ulmer Industrie- und Handelskammer aus dem Jahr 2012 haben 47 Prozent der auf der Laichinger Alb befragten Unternehmen das schlechte ÖPNV-Angebot beklagt. Berufspendler sind aufs Auto angewiesen, weil beispielsweise eine Bus- und Zugreise nach Stuttgart immer noch stark einer Postkutschenfahrt gleicht.

Große Einigkeit

Kein Wunder also, dass auf der Alb große Einigkeit herrscht. Die Schaffung eines Bahnhalts in Merklingen ist für die Älbler inzwischen vor allem eine Frage der Gerechtigkeit. Sie wollen auf den letzten Drücker ihren Alb-Traum verwirklichen. Schon aus Prinzip, aber auch weil sie wissen, dass man inzwischen lange suchen muss, um ein vergleichbar großes Gebiet zu finden, das keinen Schienenanschluss hat. Die für den Mai erwartete Machbarkeitsstudie kann da nur positiv ausfallen, ist man sich um Merklingen herum einig. Ratlos steht man dagegen noch der Wie-Frage gegenüber. Denn der Zug in Sachen Bahnhalt ist schon so gut wie abgefahren. 2019 muss das Projekt baureif sein, um dem Zeitplan der Neubaustrecke nicht im Wege zu sein. Einen Etat gibt es nicht – auch weil die seinerzeit regierende CDU in der Neubaustrecken-Euphorie, die Albhochfläche (versehentlich) links liegen ließ. Es ist deshalb befremdlich, wenn der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Traub die Finanzierungsverantwortung jetzt alleine beim inzwischen grün-rot regierten Land sieht. Schon wegen des Präzedenzfall-Charakters wird das Land niemals für den Bund einspringen. Der Alb-Bahnhof braucht andere (Mit-)Finanziers.

Potentere als die Gemeinden und Landkreise allein. Traubs SPD-Kollege Martin Rivoir hat das richtig erkannt und verfolgt eine kreative, aber auch logische Finanzierungsidee. Er will den Deckel jenes Topfs lupfen, aus dem die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm finanziert wird. Über 900 Millionen Euro (Rivoir rundet auf) hat das Land für diesen Abschnitt eingezahlt. Mehr Geld als wegen des guten und unproblematischen Baufortschritts am Ende benötigt werden könnte. Und wo wären die übrigen Landes-Millionen besser aufgehoben als im Regionalverkehr für den ländlichen Raum, fragt Rivoir da zu Recht. Statt über die Rolle des Landes zu lamentieren, sollten sich die Bahnhalt-Lobbyisten der Region jetzt zusammen gen Berlin wenden. Über die letzte finanzielle Hoffnung für den Halt in Merklingen entscheiden Bahn und Bundespolitik. Dort sollten jetzt alle gemeinsam das vermeintlich Unmögliche wagen. Mitfinanziers für den Bahnhalt sind in Berlin zu suchen.

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