Vom „Wolfserwartungsland“ zum Wolfsland: Mit dem Fund eines toten Jungtiers vergangenen Donnerstag auf der A 8 bei Merklingen hat der Alb-Donau-Kreis seinen ersten Nachweis eines Wolfs seit mindestens 1847. Autofahrer hatten das Tier auf dem Mittelstreifen gefunden und die Behörden verständigt. Die wollten sichergehen und untersuchten den Kadaver, bevor sie am Montag an die Öffentlichkeit gingen. Die Fundstelle liegt laut Angaben des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in einem Wildtierkorridor. Schon im Juni kam ein Wolf im Badischen auf der A 5 bei Lahr zu Tode.

Erst im Februar hatte Max Wittlinger, Kreisjägermeister im Alb-Donau-Kreis, Baden-Württemberg und damit auch den Alb-Donau-Kreis als „Wolfserwartungsland“ bezeichnet. Trotzdem ist Wittlinger vom Fund überrascht. „Man rechnet dann doch nicht damit.“

Ausreichend Deckung und genug Nahrung, mehr braucht ein Wolf erst mal nicht. Die Schwäbische Alb mit ihren zusammenhängenden Waldgebieten und reichlich Rehen bietet so gesehen beste Voraussetzungen. Und deshalb hält Wittlinger den jungen toten Wolf auch nur für eine Vorhut aus den Alpen oder aus dem Großraum Niedersachsen/Sachsen. Erst ein DNA-Test wird Gewissheit bringen. „Aber dass ein Rudel schon hier ist, das schließe ich aus.“ Jagdpächter hätten Wildrisse andernfalls längst entdeckt und gemeldet.

Und jetzt? „Der Wolf hat seine Daseinsberechtigung“, sagt Wittlinger über das hier im Land ausgerottete Tier. Jetzt wird die Situation genauer angeschaut und weiter beobachtet. Allerdings wird nicht jeder in der Bevölkerung das neue Wildtier in der Nachbarschaft willkommen heißen. Zwar stellt das Raubtier keine Gefahr für den Menschen dar, dafür ist der Wolf zu vorsichtig. Anderslautende Geschichten aus Sachsen etwa seien „Humbug“, sagt der Jäger. Nutztierhalter wie Schäfer fürchten aber schon jetzt Mehraufwand und Kosten.

„Da kann ich dann keine Nacht mehr ruhig schlafen“, sagt Schäferin Ruth Häckh aus Sontheim/Brenz zur Anwesenheit des Wolfs. Die Sprecherin im Bundesverband der Berufsschäfer weint dem toten Wolf bei Merklingen deshalb keine Träne nach. Zu bitter scheinen ihr die Erfahrungen der Kollegen in Frankreich, wo sich der Wolf schon ausgebreitet hat. Weder Weidezäune unter Strom noch Herdenhunde hätten ausreichend Schutz geboten. Ohnehin müssten die hiesigen Schäfer zunächst in beides investieren. Und im dicht besiedelten Alb-Donau-Kreis, seien Herdenhunde kaum einsetzbar. Die Wächter schützen die Herde – anders als Hütehunde – um jeden Preis, attackieren selbst Hunde von Passanten, die sich den Schafen nähern.

Auch Dr. Micha Herdtfelder vom Arbeitsbereich Wildtierökologie der Forstlichen Versuchs- und Forstanstalt Freiburg sieht auf Schäfer die größte Belastung zukommen. Deshalb haben Behörden und Verbände in der AG Luchs-Wolf einen Handlungsleitfaden erarbeitet, der alle Betroffenen auf die Ankunft des Raubtiers vorbereitet und Handlungsempfehlungen auflistet.

Sollten Wölfe eines Tages Schafe reißen, gibt es für die Betroffenen eine Ausgleichszahlung aus dem Wolfs-Fonds. Bislang liegen dort 10.000 Euro bereit. „Damit sind im Vorfeld schon Strukturen geschaffen“, sagt Herdtfelder. Einwände von Seiten der Schäfer nimmt der Wissenschaftler ernst. Allerdings hätten Beobachtungen andernorts in Europa gezeigt, dass Risse zurückgingen, sobald sich Schäfer auf die Wölfe eingerichtet haben.

Was ändert sich sonst? „Ich tu’ mir schwerer bei der Bejagung“, sagt Jäger Wittlinger. Das Schalenwild rottet sich zusammen, wird vorsichtiger, sobald ein Wolf durchs Gebiet streift. Und Jagdhunde könne er auch nicht mehr frei laufen lassen. Es könnten ja bereits weitere Wölfe in den Wäldern im Kreis jagen, die dann die Hunde reißen.

Bis aber aus einem Wolf ein Rudel geworden ist, wird es Jahre dauern, sagt Grünen-Landtagsabgeordneter Markus Rösler. Der naturschutzpolitische Sprecher der Fraktion und Landschaftsökologe schätzt, dass das mindestens fünf bis zehn Jahre dauert. „Nur wo, das ist Zufall.“ Und sollte ein Wolf, sagt Rösler, entgegen aller Forschungen und Erfahrungen wieder und wieder Schafe reißen, erlaube das Bundesnaturschutzgesetz eine Ultima Ratio: Dann wäre ein Tier – wie einst „Problembär“ Bruno – zum Abschuss freigegeben. Aber vermutlich wäre der Verkehr schneller.