Tierisch aktiv Unterwegs mit Wanderschäfer Sven de Vries

Ulm / Von Samira Eisele 22.06.2018
Sven de Vries ist einer der letzten Wanderschäfer Deutschlands. Er kämpft für seinen Beruf – auch über Social Media.

Als er den Elektrozaun gelöst hat und inmitten seiner Schafe über die Wiese zwischen Altsteußlingen und Briel geht, sieht Sven de Vries aus, als hätte sich auch in ihm etwas gelöst. Sein Blick ist weicher geworden, er wirkt weniger angespannt. Hier fühle er sich zu Hause, sagt er: Auf der Schwäbischen Alb, auf der Sommerweide, im Duft von wildem Majoran und Thymian, den er pflückt und zwischen den Fingern reibt. Wahrscheinlich ist das die Erklärung dafür, warum Sven de Vries noch immer Wanderschäfer ist. Und dafür kämpft, dass dieser Beruf erhalten bleibt.

Vorher, zwischen zwei Bäumen in einer wetterfesten Hängematte sitzend, blicken Sven de Vries’ blaue Augen oft düster unter den dichten Augenbrauen hervor. „Seit meinem Burn-Out hatte ich zwei Tage frei“, sagt der Schäfer. Das war im vergangenen Sommer. Doch einfach ausruhen, zu Hause bleiben, geht nicht. Die Schafe sind ja auch immer da. „Ich bin halt einfach verantwortlich“, sagt der 36-Jährige, dem man den Beruf auch ohne den typischen Schäferhut ansieht. An sehnigen Armen, Hornhaut an den Händen, wettergegerbter Haut. Er habe „seinen Mädels“ versprochen, für sie da zu sein.

Mädels“ nennt Sven de Vries die 630 Merinolandschafe, mit denen er über 140 Hektar Sommerweide auf der Schwäbischen Alb zieht. Auch 25 Ziegen gehören zur Herde. Das sei Vorschrift, sagt Sven de Vries, mit Ziegen könne er nicht so viel anfangen. Mit Schafen schon. Dass er sich für die Tiere begeistert, stellte er fest, als vor Jahren seine damalige Freundin auf einem Milchschafbetrieb zu arbeiten begann. Seine Lehre zum Tierwirt Schäferei machte Sven de Vries, der aus Hannover stammt, vor zehn Jahren im Kreis Ravensburg. Mittlerweile schwäbelt er leicht. Morgens gegen 6 Uhr und abends gegen 18 Uhr geht er mit den „Mädels“ auf Wanderung, je drei bis fünf Stunden lang. Dazwischen Behördengänge, Einkäufe, Reparaturen und, wenn es geht, auch mal ein Mittagsschlaf. Seine Herde sei sehr zutraulich, sagt Sven de Vries. Manchen Schafen gibt er Namen, wie seinem Leitschaf Erika, oder er ruft sie bei der Ohrnummer: 2082 zum Beispiel.

Volle Verantwortung

Vor vier Jahren übernahm er die Herde von seinem früheren Meister, 2018 hat er sie dem bisherigen Betrieb abgekauft. Keine leichte Entscheidung.

Vergangenes Jahr noch hatte Sven de Vries einen Mitschäfer und eine Auszubildende. Doch die Arbeit mit dem Kompagnon harmonierte nicht, die Auszubildende wurde Mutter. „Dann hatte ich niemanden mehr und dachte: Wie mach’ ich das denn jetzt?“ Es folgte eine Zeit der Überforderung, Sven de Vries verlor den Überblick, baute zwei Autounfälle. Eine Kontrolle seiner Weiden verstärkte die Existenzsorgen des Schäfers.

Geld

Seine Einkünfte bezieht er vor allem aus Subventionen des Landes für die Bewirtschaftung der Weideflächen. Von dieser Fläche fielen nach der Kontrolle acht Prozent weg: Weil Wacholderbüsche und die Flächen unmittelbar darum herum von der bezuschussten Fläche abgezogen wurden. Es gebe beim Landwirtschaftsamt keine eigenen Richtlinien für Schafweiden, erklärt Sven de Vries: Sie gelten als Grünland, genau wie maschinell gemähte Flächen, die zum Beispiel für den Futteranbau genutzt werden. Aus diesem Grund zählen Wacholderbüsche nicht als landwirtschaftliche Bruttofläche – sie sind ein wichtiges Refugium für geschützte Falter.

Den Schafen ist diese bürokratische „Bruttoflächenproblematik“ freilich egal, sie weiden unter den Wacholderbüschen, knabbern sie kurz und tragen zum Erhalt dieser Landschaft und der Falter bei. Schäfer Sven de Vries aber bekommt für die geringere Fläche weniger Subventionen. Und weil mehr als drei Prozent beanstandet wurden, ging das Amt von einem Vorsatz aus und verhängte eine Strafe wegen Subventionsbetrugs.

Danach habe er alles hinschmeißen wollen, sagt Sven de Vries, der so viel zu erzählen hat, dass er jetzt erst seine selbstgedrehte Zigarette anzündet. Doch der Preis für sein Aufgeben ist die Herde. „Das wäre nicht gut ausgegangen: Ein neues Leben darauf aufzubauen, dass man das alte metzgert.“ Er habe lange mit seiner Freundin darüber gesprochen und schließlich entschieden, die Tiere zu kaufen.

Sollte er es nicht mehr schaffen, sich um sie zu kümmern, könne er die Herde jetzt  auch verschenken. Doch vorerst macht Sven de Vries weiter. Mit Abstrichen. Den Stall habe er aufgegeben – zu viel Arbeit – auch die arbeitsintensive Lammzeit ließ er ausfallen. Die Lämmer, die zur Zeit mit ihm unterwegs sind – darunter 20 kleine – dienen vor allem dem Herdenerhalt.

Abstriche macht auch seine Freundin, sagt Sven de Vries: Seit drei Jahren sind die beiden ein Paar, sie ist für ihr Studium und für ihren Schäfer aus Thüringen nach Baden-Württemberg gezogen. An diesem Abend kommt sie zu Besuch, bringt indisches Essen mit auf die Weide. Doch eigentlich sehen sie sich selten, sagt Sven de Vries: „Weihnachten, Silvester, am Geburtstag meiner Freundin bin ich bei den Schafen. Und abends bin ich im Arsch.“ Der Kinderwunsch des Paares steht deshalb weit hintan.

Ausgleich und Sinn

„Mein allergrößter Traum ist: ab und zu Urlaub – oder ein Tag die Woche frei“. Der 36-Jährige hat früher in der IT-Branche gearbeitet. Als Flash-Programmierer. Heute betreibt er eine Online-Jobbörse für Schäfer. Dadurch bekomme er viel von den Nöten seiner Kollegen mit: „Da sind dann Leute dabei, die ihre Hüft-OP verschieben müssen, weil sie keinen haben, der für die Schafe da ist. Das ist doch kein Zustand!“ Aber anders als in seiner Zeit als ITler stelle er sich an keinem Morgen die Sinnfrage. Es sei „eine Ehre“ morgens um fünf Uhr aus dem Bauwagen in diese Landschaft zu treten. „Das entschädigt mich auch für viel.“

Engagement

Also kämpft Sven de Vries, der für den Engagementpreis „Smart Hero Award“ nominiert ist, für seinen eigentlich „irrsinnig schönen“ Beruf. Sein Twitter-­Account @schafzwitschern hat mehr als 8000 Follower. Seit vier Jahren twittert er dort Videos von Lämmchen ebenso wie ein Dankeschön an die Ehinger Feuerwehr nach einem schweren Gewitter – und eine Online-Petition für eine Weidetierprämie, Hashtag: #schäfereiretten. Gut 150.000 Unterschriften sammelte er für sein Ziel: Ein jährlicher, fester Betrag pro Mutterschaf aus EU-Töpfen. Eine Forderung, die ihm und anderen Schäfern finanzielle Sicherheit geben würde. Zum Zwischenstand der Petition gibt’s ein Video auf dem Youtube-Kanal „Wanderschäfer“:

Entscheidung

Auf Antrag von Linke und Grünen stimmt der Bundestag am 28. Juni über die Weidetierprämie ab. Sven de Vries rechnet mit einer Ablehnung, die Abstimmung im Landwirtschaftsausschuss war negativ. Also fordert er seine Follower dazu auf, die Abgeordneten direkt auf die Prämie anzusprechen. Den Antrieb für seinen Aktivismus erklärt er so: „Ich empfinde den Umgang mit Schäfern als Ungerechtigkeit – und das halte ich nicht aus, das war schon immer so.“

Kampf

Ein Schäfer, ein Kämpfer – manche Tierschützer empfänden ihn, der in anderen Jahren auch mit Lammfleisch Geld verdient, auch als Mörder, sagt Sven de Vries. Das sei „in Ordnung“ für ihn, er war früher selbst Vegetarier.

Seine Tiere, vermutet er, nehmen ihn ganz anders wahr. „Ich stelle es mir wie Wetter vor: Ich bin fester Teil ihrer Umwelt.“ Und wenn man ihn so mit ihnen wandern sieht, zwischen Kalkfelsen und Kräutern, kann man sich das ganz gut vorstellen.

Wolfsprävention mit Strom und Mäharbeiten

Sichtung Große Angst vor einem Wolfsübergriff hat Sven de Vries bisher nicht. Er sagt: „Es kann immer was passieren.“ Ganz in der Nähe einer seiner Weiden, in Gundershofen, gab es allerdings bereits eine unbestätigte Wolfssichtung, laut Sven de Vries durch einen Tierarzt. Der Wanderschäfer hat darauf und auf die bekannt gewordenen Übergriffe im Land – zuletzt etwa mit 40 toten Schafen bei Bad Wildbad – reagiert, indem er Materialien zur Sicherung seiner Herde gekauft hat: Erdungen, um mehr Strom auf den Zaun zu bringen, und Hilfsmittel, um die Weiden um den Zaun frei zu mähen. Das mache zwar täglich eine dreiviertel Stunde zusätzliche Arbeit, lasse ihn aber besser schlafen, sagt der Schäfer: Mehr Strom auf den Zäunen soll dazu beitragen, dass sich unter den Wölfen keine „Springer“ entwickeln. Indem sie bereits beim ersten Kontakt mit dem Zaun einen sehr starken Stromschlag bekommen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel