Wenn es Klick gemacht hat, gibt es für Peter Jehle kein Halten mehr. Denn mit dem Klick kommt der Kick, der Adrenalin-Kick, genauer gesagt. Und der lässt den 58-Jährigen zur Kellerassel werden. Dann verschwindet der Mann in seiner kleinen, fensterlosen Werkstatt, zieht Gehör- und Atemschutz über, schmeißt seine Motorsäge an und beginnt damit, alten Baumstämmen zu einem neuen Dasein zu verhelfen. Wenn er Hölzer zu Skulpturen modelliert, vergisst er Raum und Zeit. Stunden vergehen wie im Flug, Nachtschichten sind an der Tagesordnung. „Er ist dann vollkommen in seinem Element“, erzählt Gattin Jutta. Sie duldet es gern. „Ich sehe ja, wie sehr er darin aufgeht.“

Ein Ausstellungsraum zeugt von dieser Schaffenskraft. Mannshoch stehen viele seine Formen da, sicher positioniert auf Sockeln aus Beton, Marmor und Stahl. Mal graziös, mal bizarr, immer aber mit einer weichen, glatten Oberfläche. Anfassen ausdrücklich erwünscht. „Dadurch werden sie begreifbar“, kommentiert Jehle seine „Handschmeichler“. Breitet hier eine Skulptur engelsgleich ihre Flügel aus? Und gucken dort nicht zwei Augen aus der tellergroßen Scheibe an der Wand? Züngeln dahinter etwa zwei Flammen um die Wette? Ganz Unterschiedliches lässt sich hineininterpretieren in die Formgebungen. „Jeder kann etwas anderes darin sehen“, sagt der Künstler.

Jehles Material lagert zunächst im Hof, im Garten oder im eigens angebauten Holzschuppen, bevor er es in seine Garage holt. Wochenlang kann er mehrmals am Tag an den Baumstämmen vorbeigehen, bevor irgend eine Kleinigkeit seine Phantasie beflügelt, und den künstlerischen Prozess auslöst.

Beim „Hundertjährigen“, Jehles Lieblingsskulptur, war es zum Beispiel ein Riss. Seinem Verlauf folgte Jehle mit dem Schwert der Motorsäge. „Jeder Baum ist in seinem Wuchs, in seiner Struktur einzigartig“, erklärt er. Jehle löste das Splittholz der jungen Jahrgänge heraus, höhlte Teile bis zum Kern aus und klappte die Außenhüllen schließlich auf. Im Trocknungsprozess zogen sie sich beide Hälften zusammen, verdrehten sich. Jehle erkannte in der neuen Form eine Art Schattenwesen mit Mantel und Kapuze und arbeitete diese Ansicht deutlich heraus. Teile flammte er zusätzlich ab. Und dann hieß es schleifen, schleifen, schleifen. Vom 60er Korn bis hinunter zur 400er Körnung.

„Eigentlich weiß man nie, was rauskommt“, sagt Jehle und meint damit das Innenleben der Hölzer mit abgestorbenen Teilen, Verwitterungsspuren, eingewachsenen Nahrungsschätzen der Tierwelt oder schlicht und ergreifend einem Nagel des Vorbesitzers. Richtig spannend ist für Jehle auch der Moment des Einölens, wenn sich die Maßerung vertieft, wenn die Kontraste deutlich heraustreten: „Dann wird die Baumgeschichte richtig sichtbar. Im geschliffenen Zustand sieht man das gar nicht.“ Nur Leinöl kommt bei Jehle auf das Holz.

Der zwei Meter hohe, imposante „Hundertjährige“ trägt im Übrigen den Beinamen Pius, wie sein Spender, und war einst ein 110 Jahre alter Apfelbaum auf einer Streuobstwiese, bis das Baugebiet kam. „Mittlerweile läuft mir das Holz schon nach“, lacht der Vater dreier erwachsener Kinder und meint damit die Anfragen von Menschen, die im Garten einen Baum fällen müssen und ihn dem Künstler spenden wollen. Jehle arbeitet am liebsten mit Obstgehölzen: Apfel, Birne oder der Zwetschge mit ihren unterschiedlichen Rottönen. Auch Nussbäume mag er. Allesamt dürfen die Exemplare gern „alte Knaben“ sein. Altes Holz habe sehr viel zu erzählen, schwärmt er. Als Gartenbautechniker weiß Jehle viel über die Beschaffenheit und den Charakter der Bäume. Diese Fachkenntnisse kommen dem Autodidakten bei seinem jungen Hobby zugute. Zwar ist der Sohn eines Weißenhorner Möbelschreiners in Sägespänen aufgewachsen, wie er sagt. Doch die Liebe, mit dem Werkstoff Holz auch künstlerisch zu arbeiten, ist noch jung. Jehles Erstlingswerk, Hausnummern für die Tochter, entstand vor gerade mal 14 Monaten.

„Die Leidenschaft kam spät, aber heftig“, räumt der Leiter des Bestattungswesens im Neu-Ulmer Rathaus lachend ein. Für diese Liebe hat der Motorradfahrer sogar bei seinen Ausfahrten ins Grüne zurückgesteckt. In der Garage stehen derzeit eine BMW K 1300 R und eine Suzuki DR 650 in friedlicher Eintracht neben zwei mächtigen Apfelstämmen. Was Jehle wohl als erstes bewegen wird, wenn es wieder Klick gemacht hat?

Info Peter Jehle ist am 6. und 7. Mai beim Kunsthandwerkermarkt auf dem Petrusplatz in Neu-Ulm vertreten.