Serie Der Hecht im Karpfenteich

Von Thomas Vogel 30.08.2018

Da sind sie wieder, all die Erinnerungen. Reiner Schlecker kommt beim Ortstermin rasch ins Erzählen, schildert, wie er mehrere Tage die Iller ablief auf der Suche nach großen Steinbrocken. Wie er eine Auswahl traf. Wie der Kranwagen sie einige Tage später aus dem Flussbett hievte. Und wie er sie schließlich bearbeitete mit Hammer und Meißel, zusammen mit einem befreundeten Steinmetz, um ihnen die Form von Schalen abzuringen, wie er sie sich vorstellte für seinen Brunnen.

Es war der erste Brunnen, den der aus Regglisweiler stammende Künstler gestaltete. Und erstmals wagte er sich dabei an Bronzefiguren. Nicht zu vergessen, der Bestimmungsort – das Dorf seiner Kindheit und Jugend. Immer wieder gehuldigt in seinem Werk, mit zwar sympathietrunkenem, aber immer auch leicht ironischem, unter Oberflächen bohrendem Blick. Somit galt es, hohe Erwartungen zu erfüllen, was die Nervosität des Künstlers nur noch mehr steigerte.

Fast 20 Jahre ist das nun her, dass Regglisweiler einen sehr besonderen Brunnen bekam, situiert neben dem Bürgerhaus und damit auf dem Areal des einstigen „Herrenweihers“. Der Ort galt Schlecker als Verpflichtung. Sein Brunnen sollte eine Hommage sein an das einstige  Biotop und an die erinnerungsträchtige Iller gleichermaßen. Heraus kam ein poetisches Bestiarium, betitelt mit „Der Hecht im Karpfenteich“.

Da tummeln sich Riesenlibellen über dem Weiher-Nachfolger, beäugt von wasserspeienden Karpfen. In einem Schuh sitzend – zechend? –, schlägt ein fideles Frosch-Pärchen über die Stränge. Ein weiterer Frosch vollzieht gerade einen kühnen Hechter ins kühlende Nass, gerade so, wie es die Burschen damals taten. Und heute noch tun, wenn sie besonderen Eindruck schinden wollen beim anderen Geschlecht. Fabelwesen, Tiere mit menschlichen Zügen, zählen in Schleckers Welt zu den bevorzugten Sujets. Sie gelten ihm als Träger von eigenwillig versponnenen Erzählungen, die den vielfältigen, zwiespältigen Erfahrungsraum der Heimat in oft skurriler Weise ausleuchten und erweitern. Dem namensgebenden Hecht hat er gleich noch ein Rätsel angeheftet.

Neue Perspektiven

Mitten im Gespräch vor Ort, kommt zufällig Micha Bäuerle ums Eck geradelt. Ihm, dem auch für den Brunnen zuständigen Hausmeister am Bürgerhaus, gebührt ein erheblicher Anteil daran, dass die Brunnenanlage nach wie vor tadellos in Schuss ist. Wenige Tage zuvor erst hat er Wasser nachlaufen lassen. So ist auch das tägliche Bad für die örtlichen Spatzen gesichert, die sich das vielteilige Kunstwerk auf ihre Weise nutzbar machen. Die ortsansässige Bürgerschaft wiederum hat den Brunnen als häufig frequentierten Treff auserkoren: „Schön kommt er an“, ruft Bäuerle noch zurück, bevor er auch schon wieder verschwunden ist.

Der Brunnen eröffnete Schlecker –„eigentlich war ich bis dahin Maler und Performance-Künstler“ – neue Perspektiven. Bronze-Plastiken gehören seither zu seinem festen Repertoire: Libellen, Ameisen, auch die Hasen, die in seiner Welt seit jeher einen gewichtigen Platz einnehmen. Der in Neu-Ulm lebende Künstler gießt freilich auch Buchsbäume in Bronze, Leberkäswecken oder Dessous, was den Bogen zur Pop-Art schlägt.

Das Rätsel? Natürlich, es soll an dieser Stelle einmal mehr gelüftet werden. Der wampige Hecht, der Chef im Karpfenteich, trägt die Schuppen in falscher Richtung. Warum dieses? Weil in so manchem Künstler eben auch ein Schelm steckt.

Stumme Zeitzeugen

Brunnen Sie schmücken zentrale Plätze, laden mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein und symbolisieren mit ihrem sprudelnden Wasser das Leben schlechthin. Dazu stehen sie meist für Geschichte und Geschichten im Ort. Wenn sie könnten, hätten die stummen Zeitzeugen aus Bronze und Stein sicher Erstaunliches zu erzählen.

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