Beruf Reiner Enderle: Der einarmige Meisterkoch aus Merklingen

Reiner Enderle hat trotz amputiertem Arm seine Meisterprüfung als Koch abgelegt.
Reiner Enderle hat trotz amputiertem Arm seine Meisterprüfung als Koch abgelegt. © Foto: Thomas Schmoll
Thomas Schmoll 21.09.2017
Bei einem Unfall hat Reiner Enderle seinen linken Arm verloren. Das hinderte ihn nicht, die Meisterprüfung als Koch abzulegen. Heute arbeitet er wieder im „Ochsen“ in Merklingen.

Normalerweise hört Reiner Enderle auf sein Bauchgefühl. Doch an diesem Sommertag ignoriert er die innere Stimme, die rät: Lass das Motorrad stehen! Es ist der 12. Juni 2013. Im Hotel Ochsen in Merklingen brummt das Geschäft. Enderle, der Koch, hat alle Hände voll zu tun. Endlich Mittagspause. Keine 20 Minuten sind es nach Wiesensteig, wo er mit seiner Frau und den zwei schulpflichtigen Kindern wohnt.

Mit dem Rettungshubschrauber zur Uni-Klinik

„Ich hatte wie verrückt gearbeitet. Mein Kopf war voll, meine Physis angeschlagen“, erinnert sich der 44-Jährige. Die Verlockung, daheim zu entspannen, bis die Nachmittagsschicht beginnt, siegt über die Vernunft. „Helm aufsetzen und abschalten“, denkt Enderle und fährt los. Weit kommt er nicht. Ein paar hundert Meter hinter dem Ochsen prallt er beim Überholen eines Lastwagens frontal gegen den Hänger eines Traktors. Sein linker Arm ist aufgerissen, der linke Oberschenkel beinahe durchtrennt, der Blutverlust enorm. Ein Rettungshubschrauber bringt den Bewusstlosen in die Uni-Klinik Ulm. Nach elf Tagen im Koma ist sicher: Enderle wird überleben. Aber das Leben wird ein anderes sein. Der linke Arm muss als Folge einer Blutvergiftung amputiert werden.

Seinen Traumberuf muss der Koch nach mehr als 20 Jahren aufgeben. Und seinen Lebenstraum, den Meister zu machen, wohl ebenfalls – vier Wochen nach dem Unglück hätte sein Meisterlehrgang begonnen. „Das war bitter.“ Den Glauben an sich verliert er aber nicht. „Ich bin definitiv kein halber Mensch und fühle mich auch nicht so.“ Enderle ist durch und durch Optimist. „Ich lebe gern und bewusster denn je. Aufzugeben und Trübsal zu blasen, kam mir keine Minute in den Sinn.“ Und er hat Humor. Seine Witze sind oft selbstironisch und sarkastisch. „Die Fähigkeit zu lachen, auch über mich selbst, sind ein probates Mittel, um mit der Situation klar zu kommen.“

Nach der Reha zurück in den Beruf

Enderle ist stark, physisch und psychisch. Er kämpft sich durch die Reha. Seine Frau, Freunde, Nachbarn, Kollegen und sein Chef Andreas Hintz helfen ihm. Hintz sichert ihm noch im Krankenhaus zu: „Kommen Sie zurück in den Ochsen. Wir finden etwas für Sie.“ Und so geht Enderle mutig seinen „neuen, einarmigen Lebensabschnitt“ an, wie er es nennt. Noch vor dem Wiedereinstieg ins Berufsleben verkündet er, die Meisterprüfung ablegen zu wollen. Es sind nicht wenige, die ihn für verrückt halten.

Etwas mehr als ein Jahr nach dem Unfall beginnt der neunmonatige Meisterkurs. Der wird von der Berufsgenossenschaft als Wiedereinstieg ins Berufsleben finanziert. Auch die Industrie- und Handelskammer sowie der Verband des Deutschen Hotel- und Gaststättengewerbes tun alles, dem Noch-Gesellen den Weg frei zu machen. Sie ändern extra die Regeln für die praktische Prüfung: Ein Helfer darf Enderle unterstützen, der mit seiner Prothese zwar routiniert umgeht, aber eben nicht alles machen kann. Der Helfer schleppt Töpfe und schnippelt nach Anweisungen Fleisch und Gemüse. Enderle besteht und erhält den Meisterbrief. „Ein super Gefühl“, betont er. „Ich bin allen so dankbar, die mir das ermöglicht haben.“

Der frisch gebackene Meister will wieder selbst Geld verdienen. Andreas Hintz ebnet ihm den Weg. Eineinhalb Jahre nach dem Unglück kehrt Reiner Enderle an seinen Arbeitsplatz zurück, zunächst für zwei Stunden. Als Koch arbeiten kann er allerdings nicht mehr: Lange stehen geht nicht mehr, die hochmoderne Armprothese, die sein Träger über die Brust- und Schultermuskulatur steuert, funktioniert nicht in der Hitze einer Hotelküche.

Hintz schafft für Enderle einen Job, den es bisher im Ochsen nicht gab. Der Arm-Amputierte wird – inzwischen arbeitet er fünf bis sechs Stunden täglich – Logistikchef der Küche. Er kümmert sich um Warenbestellungen, Inventuren, Kostenkalkulation und einiges mehr. „Mein Hauptwerkzeug ist der PC.“ Meidet er die Küche? „Nein, ich finde es toll, dort zu sein.“ Vielleicht ist das der Grund, warum Enderle Kochuniform trägt. Aber das Braten und Brutzeln fehlt ihm. „Kochen war mein Lebensinhalt, meine Berufung.“

Unterstützung aus der Familie

Seine Leidenschaft lebt er nun zu Hause aus. Dort geht es nicht mehr allein darum, leckeres Essen zuzubereiten, sondern es müssen praktische Probleme gelöst werden: Wie bekomme ich mein Gemüse geschnitten? Wie kriege ich die Füllung in die Maultaschen? „Man wird erfinderisch, und man muss mehr organisieren und früher planen.“ Ohne die rutschfeste Unterlage und die spezielle Haltevorrichtung fürs Gemüse läuft nichts mehr in der heimischen Küche. Wichtige Hilfe für Enderle ist sein Junge. „Es ist schön zu sehen, wie er mir zur Hand geht. Ich bin stolz auf ihn.“

Nach und nach hat sich Enderle die Küche zurückerobert. „Hier habe ich keinen Druck und stehe – anders als im Ochsen – niemandem im Weg.“ Dass Enderle privat oft in der Küche weilt, hat übrigens nicht nur mit seiner Berufung zu tun: „Meine Frau kocht nicht gerne.“