Natur Der Biber untergräbt den Illerdeich

Von Beate Reuter-Manz 13.10.2018

Geballte Fachkompetenz kommt  an diesem Herbst-Nachmittag in Balzheim zusammen. Und obschon von Amts und Berufs wegen höchst unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, geht es bei dem Vor-Ort-Termin in Iller-Nähe konstruktiv, ja geradezu freundschaftlich zu. Ulrike Widmann, eine von sechs Biberberatern im Alb-Donau-Kreis, klettert die Böschung hinab in den Gießen. 17 Kilometer lang verläuft der Triebwerkskanal in diesem Abschnitt, unmittelbar nach den letzten Unterbalzheimer Industriebetrieben, fast parallel zur Iller. Eine Biberfamilie  lebt hier. Widmann hat sich eine grüne, wasserdichte Latzhose übergezogen. „Das braucht man schon. Auch wenn es heute schön warm ist und der Gießen kaum Wasser hat“, sagt die  gelernte Gärtnerin aus Dietenheim.

Den so genannten Bachabschlag hat der Balzheimer Bürgermeister Günter Herrmann  eigens abgewartet für diesen gemeinsamen Termin mit Unterer Naturschutzbehörde, Fachingenieur und gemeindlichem Bauhof. Einmal im Jahr, wenn der Wasserstand eine Woche lang künstlich niedrig gehalten wird, bietet sich Gelegenheit für Reparaturarbeiten im Bachbett; zum Beispiel an Kraftwerken. Aber auch das Heilen jener Schäden ist dann möglich, die der mit der höchsten Schutzkategorie belegte Biber angerichtet hat.

„Das Revier dieser Familie erstreckt sich von hier etwa über 800 Meter“, erläutert Hans-Peter Seitz und deutet in Richtung Dietenheim. Seitz ist bei der Unteren Naturschutzbehörde im  Kreis für die Biberberatung zuständig. Für den aktuellen Einsatz in Balzheim liegt eine Ausnahmegenehmigung  aus Tübingen vor. Nicht nur der Biber selbst, auch seine Bauten sind streng geschützt. Und um die geht es. Dämme bauen, Bäche aufstauen, Bäume fällen, Tunnel graben: Der putzige Nager ist ein wahrer Landschaftsarchitekt, nicht immer zur Freude des Menschen.

Bei Balzheim gräbt das Tier hauptsächlich entlang der rechten Gießen-Böschung. Und kommt deshalb ins Gehege mit dem angrenzenden Illerdeich. Vor Jahren hat die Gemeinde ihn mit hohem finanziellen Aufwand saniert. „Der Deich muss standfest bleiben. Auch dann, wenn seine Krone bei Hochwasser mit schwerem Gerät befahren wird“, erläutert Stefan Bonengel. Der Ingenieur des Augsburger Büros Björnsen hat im Auftrag der Gemeinde die Iller samt Deich regelmäßig im Blick. Bei Kontrollgängen entdeckte Bonengel Tunnelgänge im benachbarten Gießen. „Diese Hohlräume könnten für den Deich kritisch werden.“

Bei der genauen Inspektion bestätigt sich Bonengels Verdacht. Mit einem langen Stock machen sich Ulrike Widmann und Jürgen Gerster vom Balzheimer Bauhof an einem Tunneleingang zu schaffen. „Ziemlich groß“, meint Gerster und Bonengel legt den Meterstab an: Diese Röhre, die der Biber als Fluchttunnel mit verstecktem Ausgang benutzt, hat mehr als einen halben Meter Durchmesser. Und ragt 2,5 Meter in den Illerdeich hinein.  Eindeutig zu viel. Gerster klettert die steile, bewachsene Böschung hinauf, um die Gefahrenstelle oben mit Farbspray zu markieren. Die Baumaschinen eines Landschaftsbau-Unternehmens stehen schon bereit. Der Hohlraum wird später aufgegraben und neu verfüllt, der Eingang am Böschungsfuß mit Wasserbausteinen verschlossen. Drei weitere kritische Röhren werden entdeckt.  „Sie können alle zugemacht werden“, kündigt  Seitz an. Sicherheit geht vor. Rund 10 000 Euro wird  dieser Einsatz die Gemeinde kosten. „Darauf müssen wir uns wohl  einstellen“, meint Bürgermeister Günter Herrmann, der das Tun der Fachleute interessiert verfolgt. Denn, der Biber wird wohl nicht aufhören zu graben.

Für Seitz sind die kleinen Nager richtige Vorzeigefamilien., „Höchst sozial und irgendwie auch ein bisschen schwäbisch“, lacht er. Der Familienzusammenhalt sei enorm, zumindest, bis der pubertierende Nachwuchs nach drei Jahren von den Eltern mehr oder minder sanft aus Wohnung und Revier gedrängt werde. „Und Mama und Papa schuften die ganze Zeit wie Brunnenputzer “, beschreibt Seitz den Charakter der Tiere, die seit 20 Jahren, von Bayern her kommend, in den hiesigen Gewässersystem siedeln.

Spuren hinterlassen

Auch auf der linken Gießen-Böschung hat die Biberfamilie Spuren hinterlassen. Alle paar Meter führen schmale Kerben hinauf in den nahen Acker. Seitz bezeichnet sie als Biber-Rutschen. „Die klettern da hoch, holen sich Mais, Gras, Rüben oder was sonst so im Angebot ist, und rutschen wieder hinunter in den Bach“, weiß Gerster. Der Kommunal-Politiker leitet in Balzheim nicht nur den Bauhof, sondern bewirtschaftet beim Gießen auch angrenzende Ackerflächen. Erst im November stelle der Biber als Vollvegetarier seine Nahrung auf Holz um, bestätigt Seitz. „Die Rechte von Mensch und Tier sollten gleichermaßen geschützt werden“, kommentiert Gerster einen durchaus vorhandenen Interessenskonflikt. Einen breiten Gewässerschutzstreifen mit Blumenmischung hat er  dennoch angelegt. „Vorbildlich“, lobt Seitz das vorausschauende Tun. Von 2019 an ist in einem Fünf-Meter-Streifen von Bächen und Gräben nur noch Wiesennutzung erlaubt.

17 Kilometer langer Triebwerkskanal

Triebwerkskanal Der Gießenbach ist eine künstliche Ausleitung der Iller. Der 17 Kilometer lange Triebwerkskanal beginnt in Dettingen und führt über Balzheim und Dietenheim bis Illerrieden. Dort fließt er wieder in die Iller. 17 private Stromproduzenten haben sich angesiedelt.

Biber Das bis zu 30 Kilo schwere, nachtaktive Nagetier wurde bei seiner Rückkehr zunächst positiv aufgenommen, galt es doch als Sinnbild für eine sich regenerierende Natur. Mittlerweile nehmen Konflikte zu, da der Biber selbst kleine Gewässer bis in die Innenstadtbereiche besiedelt und mitunter Interessen der Landwirtschaft zuwiderläuft. Der Nager gehört nach deutschem und europäischem Naturschutzrecht  zu den am strengsten geschützten Tieren.

Untere Naturschutzbehörde Im Landratsamt ist sie erste Ansprechpartnerin in allen Fragen des Naturschutzes und der Landschaftspflege. Die Mitarbeiter beurteilen Eingriffe in Natur und Landschaft, überwachen naturschutzrechtlich geschützte Gebiete und betreuen Projekte des Naturschutzes. Darüber hinaus ist sie für das Einhalten von Gesetzen zuständig.

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