Balzheim Dem Bauchgefühl vertrauen

Balzheim / WERNER GALLBRONNER 27.10.2014
"Was will ich? Mut zu Entscheidungen" hieß das Thema, zu dem Pater Anselm Grün im "Kleinen Kulturprogramm" in Oberbalzheim einen Vortrag hielt. Die Stiftungshalle war voll besetzt.

Wenn der bekannteste Mönch Deutschlands - so hatte ihn die Bildzeitung einst betitelt - zu Besuch ist, kommen die Leute in Scharen. Mit dem Benediktinermönch Pater Anselm Grün hatte das "Kleine Kulturprogramm" in Oberbalzheim am Donnerstag wahrlich einen Höhepunkt zu bieten. Die eng gestuhlten Reihen in der Stiftungshalle waren mit rund 300 Besuchern so gut wie voll besetzt, darunter auffallend viele junge Zuhörer, obwohl sich das Thema "Was will ich? Mut zu Entscheidungen" schon etwas trocken anhörte.

Aber es betrifft nun mal alle, schließlich muss jeder täglich unzählige Entscheidungen treffen, wie Pater Anselm Grün einleitend bemerkte. "Viele gehen spontan, machen keine Probleme", sagte er. "Aber man kann sich auch Probleme machen." Wie eine Frau, die ein neues Auto kaufen will und sich nicht entscheiden kann, welche Farbe es haben soll. Mit vielen solchen Beispielen aus seinem reichen Erfahrungsschatz hat der Pater aus der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg seinen Vortrag sehr anschaulich gemacht.

Immer wieder ging er auch auf Bibelstellen ein. Wenn es etwa im Lukas-Evangelium heißt, dass man durch die enge Türe gehen müsse um ins Himmelreich zu kommen, deutete der Pater dies als Entscheidungshilfe: "Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, jeder ist einmalig." Der breite Weg sei der, den alle gehen.

"Man will sich alle Türen offen halten", nannte der 69-Jährige einen der Gründe, warum sich Menschen schwer tun, sich zu entscheiden. Aber Hinausschieben sei keine Lösung: "Am Ende sind alle Türen zu." Aber viele täten sich heute schwer, sich zu begrenzen. Eines müsse klar sein: Wenn man sich für etwas entscheidet, entscheidet man sich auch gegen etwas. "Das, wogegen ich mich entscheide, das muss ich betrauern", das heiße, Abschied davon nehmen. Was Pater Anselm schnell auf eine leichte Ebene hob und seine Lacher dafür erntete. So habe mal in einem seiner Seminare ein Mann zu ihm gesagt: "Ihr Mönche müsst betrauern, dass ihr keine Frau habt. Ich muss betrauern, dass ich nur die Frau habe."

Hilfe zur Entscheidung finde man etwa bei Thomas von Aquin, der sagte: Klugheit ist die Befähigung Entscheidungen zu treffen. Dabei solle man nicht nur nach rationellen Gründen vorgehen, sondern auf sich vertrauen, dem eigenen Bauchgefühl - "im Bauch laufen sehr viele Nervenstränge zusammen". So sei er auch vorgegangen als Cellerar, als er 36 Jahre lang die Wirtschaftsbetriebe der Abtei leitete. "Von den Menschen, die ich eingestellt habe, musste ich niemanden entlassen."

Ihm helfe für Entscheidungen das Gebet: "Ich halte meine Gedanken und Alternativen Gott hin." Dabei kämen Gefühle hoch. "Da, wo mehr Lebendigkeit, Freiheit und Wille ist, dafür entscheide ich mich." Um nicht nur den oberflächlichen Willen zu sehen, sondern das, was man tief in der Seele spürt, gehen viele Menschen beispielsweise den Jakobsweg. "Die Leute gehen sich frei, um dann Entscheidungen treffen zu können." Eine andere Möglichkeit seien Exerzitien, ein paar Tage ins Kloster zu gehen, um frei zu werden.

Um die richtige Entscheidung zu treffen, solle man "in Berührung mit sich kommen", entweder eine Nacht darüber schlafen oder, wenn man keine Zeit dafür habe, innerlich "weg vom Kopf gehen", sich nicht passiv drängen lassen. Man solle sich vor einer Entscheidung zwischen zwei Alternativen - etwa in der Berufswahl - ruhig je zwei Tage lang vorstellen, wie man dann in zehn Jahren leben werde. Pater Anselm Grün nannte das "in die Entscheidung reingehen, nicht davor stehen bleiben".

Häufig seien im Familienleben schnelle Entscheidungen notwendig. Wenn Kinder fragen, ob sie bei der Freundin übernachten dürfen, könne das nicht bis zum nächsten Familienrat warten. "Aber schnelle Entscheidung heißt nicht immer ja sagen", auch wenn Kinder es heute gut "drauf" hätten, einem ein schlechtes Gewissen zu machen.

"Entscheidungen zu treffen ist eine Wohltat", sagt Pater Anselm Grün. Sich nicht zu entscheiden lähmt. Dabei sei das Gewissen die oberste Norm. "Die muss ich achten, alle rechtlichen Regelungen sind sekundär." Wobei "Gewissen" nicht "nach Lust und Laune" heiße.

Entscheidungen voran gehe ein Hin- und Hergerissensein. "Wir müssen die Gegensätze in uns annehmen." Das christliche Symbol dafür sei das Kreuz, das zeige: "Christus umarmt mich mit meinen Gegensätzen." Pater Anselm Grün: Um die eigene Identität zu finden "muss ich in mir den Raum der Stille finden, den jeder in sich trägt".

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