Gefahrgut Das Vermächtnis des Chemikers von Bernstadt

In diesen Fässern lagert das Chemie-Arsenal, das im September 2015 in Bernstadt gefunden wurde. Ein Fachmann der Feuerwehr hatte die Stoffe sortiert.
In diesen Fässern lagert das Chemie-Arsenal, das im September 2015 in Bernstadt gefunden wurde. Ein Fachmann der Feuerwehr hatte die Stoffe sortiert. © Foto: Volkmar Könneke
Bernstadt / Von Thomas Steibadler 16.08.2018
Fast drei Jahre nach der Räumung seines Grundstücks beschäftigt ein 69-Jähriger noch immer Behörden und Gericht.

Giftig, ätzend, hochentzündlich, umweltgefährdend und radioaktiv. Im September 2015 stießen Vollzugsbeamte in einem Anwesen in Bernstadt auf eine äußerst brisante Chemikalien-Sammlung. In einem großen Feuerwehreinsatz wurden die unter anderem in einem Übersee-Container gelagerten Stoffe geborgen. Seither beschäftigen der Fund und sein Eigentümer, ein inzwischen 69-jähriger Chemiker, die Behörden und die Gerichte.

Bußgeldbescheid über knapp 10.000 Euro

Im Amtsgericht Ulm hat eine Richterin kürzlich vergeblich auf den Chemiker gewartet. Zur Verhandlung stand eine Ordnungswidrigkeit wegen des unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen. Das Landratsamt Alb-Donau hatte dem Mann deshalb einen Bußgeldbescheid über knapp 10.000 Euro geschickt. Dagegen legte der Beschuldigte Widerspruch ein. Nach einer Viertelstunde Wartezeit sprach die Richterin das Urteil: Der Einspruch des Chemikers gegen den Bußgeldbescheid ist hinfällig. Die Polizei wird dem Mann das Urteil zustellen, sofern er an seinem zuletzt genannten Wohnsitz in einer Gemeinde in Norddeutschland anzutreffen ist.

Selbst wenn der 69-Jährige das Urteil entgegennimmt, akzeptieren wird er es wohl nicht. Davon geht jedenfalls die Richterin aus. Sie rechnet mit einer Rechtsbeschwerde gegen ihr Urteil. Der Beschuldigte könnte – ob berechtigt oder nicht – eine nicht ordnungsgemäße Ladung zur Verhandlung in Ulm geltend machen.

Chemikalien werden in Bernstadt aufbewahrt

Bei den radioaktiven Stoffen, die auf dem reichlich verwahrlosten Anwesen in Bernstadt gefunden wurden, handelt es sich um sehr geringe Mengen. „Referenzeinheiten in Messgeräten“, erläutert Reinhold Ranz, im Landratsamt Alb-Donau Leiter des Fachdienstes Umwelt- und Arbeitsschutz. Gleichwohl sei für den Besitz solcher Stoffe eine Genehmigung erforderlich, die der Chemiker nicht habe.

Die anderen gefunden Stoffe sind Ranz zufolge „problematischer“ als die radioaktiven Kleinstmengen. Die Chemikalien befinden sich zwar noch im Eigentum des Chemikers, werden aber im Säure- und Laugenlager der Kläranlage des Zweckverbands Mittleres Lonetal bei Bernstadt aufbewahrt. Dorthin waren sie nach der Räumung von Haus und Grundstück in der Ortsmitte gebracht worden. Ein Gefahrgutexperte der Feuerwehr hatte die Stoffe so gut es ging sortiert.

Nachweise fehlen bis heute

„Chemikalien organisch“, „Chemikalien anorganisch“, „Lösungsmittelgemisch“ und „Bleiakkus“ steht zum Beispiel auf den blauen Kunststofffässern. Knapp 30 dieser Fässer stehen auf fünf Paletten in dem Lagerraum und warten darauf abgeholt zu werden. Als er noch in Bernstadt war, sei der Chemiker auch ein paar Mal in der Kläranlage aufgetaucht und habe Anspruch auf sein Eigentum erhoben, sagt Bürgermeister Oliver Sühring.

Die Chemikalien dürften dem Mann aber nicht ausgehändigt werden. „Er schafft die Voraussetzungen nicht“, erläutert Fachdienstleiter Ranz. Nur wenn der 69-Jährige den Nachweis des fachgerechten Transports und der Lagerung erbringe, sei eine Übergabe möglich. Damit rechnet Ranz nicht und sagt deshalb: „Wir warten nicht mehr lange.“

Gemeinde bleibt wohl auf den Einsatzkosten sitzen

Die rechtlichen Auseinandersetzungen mit dem Chemiker bezeichnet Ranz als „furchtbar zäh“. Davon weiß auch Bürgermeister Sühring zu berichten. So fordere die Gemeinde die Kosten des Einsatzes am 11. September 2015 zurück, die Sühring auf 40.000 bis 60.000 Euro beziffert – bislang erfolglos. „Diesen der Öffentlichkeit entstandenen Schaden wollen wir rückerstattet bekommen“, sagt Sühring. Er hat aber nur geringe Hoffnung, dass dies gelingen wird.

Einmal aber hatte der Chemiker den Bürgermeister doch überrascht: Als es darum ging, den auf dem Recyclinghof der Gemeinde abgestellten Übersee-Container abzuholen. Eines Tages sei tatsächlich ein Lastwagen vorgefahren und habe den mit allem möglichen Hausrat gefüllten Container abtransportiert. Wohin, weiß Sühring nicht. „Hauptsache weg.“

Bürgermeister hofft auf seriösen Bieter

Immobilie Zweimal ist das Grundstück mit dem baufälligen Haus an der Schmiedgasse in Bernstadt schon zur Zwangsversteigerung angestanden. Einen neuen Eigentümer hat das Anwesen, auf dem die unsachgemäß gelagerten Chemikalien gefunden wurden, aber noch nicht. Nach wie vor steht es unter gerichtlicher Verwaltung. Gegen den Zuschlagsbeschluss des Amtsgerichts Ulm vom vergangenen April hat die Gemeinde Widerspruch eingelegt. Der Beschluss gilt damit als einstweilen ausgesetzt. Bürgermeister Oliver Sühring geht davon aus, dass der Anwalt, der damals am meisten geboten hatte, als Strohmann des offenkundig zahlungsunfähigen Chemikers fungierte. Sührings Hoffnung: Dass es zu einem erneuten Versteigerungstermin kommt und dann ein seriöser Bieter den Zuschlag erhält.

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