Lonsee / Von Pia Reiser Was können Gartenbesitzer gegen das Insektensterben tun? Naturschutzwart Christian Hajduk hat für das Bündnis für Artenvielfalt dazu in Lonsee Empfehlungen gegeben.

Ein Vorgarten voller Steine, nur einzelne verdörrte Halme kämpfen sich den Weg ans Licht. Als dieses Bild auf der Leinwand erscheint, gibt es entrüstetes Gemurmel im Untergeschoss des Albgärtles in Lonsee. Die hier Versammelten wissen genau: Solche Steinwüsten statt Vorgärten sind der Tod jeder Artenvielfalt.

Die rund 60 Interessierten sind aber gekommen, um sich zu informieren, was in der Region gegen das Insektensterben und den Rückgang der Vögel getan werden kann. Diesem Thema hat sich das regionale Bündnis für Artenvielfalt (siehe Infokasten unten) verschrieben. Christian Hajduk, Naturschutzwart des Donau-­Blau-Gaues im Schwäbischen Albverein, stellte das Bündnis und seinen Aktionsplan am Mittwochabend in Lonsee vor – und gab Empfehlungen, was Gartenbesitzer auf ihrem Fleckchen Erde für die Artenvielfalt tun können.

Die gute Botschaft ist: „Alle Leute, die Flächen besitzen, können selber was tun“, betonte Haj­duk. Man müsse nicht warten, bis der Gesetzgeber handle. Und wer keine Fläche habe, den könne man wenigstens bitten, tolerant zu sein – etwa bei ungemähten Straßenrändern.

Eine wichtige Regel: Wiese statt Rasen

Grundsätzlich gehe es darum, Nahrungsmöglichkeiten, Verstecke und Nistplätze für Insekten und Vögel zu schaffen. Eine Regel: Wiese statt Rasen. Hajduk gab zu, dass die Pflege einer Wiese nicht ganz ohne ist – auch im Vergleich zu einem Stück Rasen, den ein Mähroboter stets schön kurz hält. Denn die Wiese will vorsichtig gemäht werden, am besten Stück für Stück, damit Insekten sich zurückziehen können. Und das Mähgut sollte abtransportiert werden, da sonst zu viel Dünger in den Boden kommt. Außerdem bietet eine stehengelassene Wiese in den Stängeln Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten und Nahrung für körnerfressende Vögel.

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Schon in der Gartenplanung kann man viel für die Artenvielfalt tun, sagte Hajduk und nannte einige Stichpunkte: „In jeden Garten gehört ein Baum“, lautete einer. Ein anderer: Bei Hecken lieber einheimische Sträucher, die blühen und Früchte tragen, auswählen als die Thuja-Hecke. Diese biete Vögeln zwar Unterschlupf, aber keine Nahrung.

Vielfältige Lebensräume im Garten schaffen

Als „Luxusgüter“ bezeichnete Hajduk dann noch Trockenmäuerchen mit Spalten, wo Tiere sich verstecken können, oder Tümpel im Garten – denn: „Artenvielfalt ist da, wo die Lebensräume vielfältig sind.“ Wo sich also trockener und feuchter Boden, Sonne und Schatten abwechseln.

Ein weiterer Vorschlag: Eine Ecke schaffen, wo die Natur sich weitgehend selbst überlassen ist. „Wir lassen mal wild wachsen, was wachsen will, machen einen Haufen mit Ästen für den Igel und lassen sogar Brennnesseln stehen.“ Man müsse sich überlegen, ob man das in seinem Garten haben möchte. „Aber wer es ansehen kann – tun!“

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Der Naturschutzwart ist überzeugt davon, dass auch die Gartenbesitzer so etwas für die Artenvielfalt erreichen können. Immerhin gibt es deutschlandweit 6800 Quadratkilometer Gärten, die zum Rückzugsort für bedrohte Insekten werden können. „Ein Ort, wo die Tierchen überleben können, bis im Allgemeinen die Lebensverhältnisse wieder besser werden.“

Anschließend diskutierten die Gäste auch über die – im Vortag weitgehend außen vor gelassene – Rolle der Landwirtschaft und der Kommunen beim Schutz der Artenvielfalt. Auch da gibt es noch viel zu tun, waren sich die meisten einig. Ebenso in diesem Punkt: Es bringt nichts, immer auf die anderen zu zeigen. Jeder könne selbst etwas tun und seinen Beitrag leisten. Denn, wie Hajduk bemerkte: „Das Gartenjahr 2019 fängt erst an.“

Info Christian Hajduk wird seinen Vortag auch in Bermaringen halten: am Donnerstag, 4. April, um 20 Uhr im Bürgersaal.

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Zusammenschluss aus acht Organisationen

Mitglieder: Zum regionalen Bündnis für Artenvielfalt haben sich zusammengeschlossen: der Bezirks-Imkerverein Ulm, das Biosphären-Infozentrum Schelklingen-Hütten, der BUND-­Regionalverband Donau-Iller, das Bündnis für eine agrogentechnikfreie Region (um) Ulm, der Nabu Allgäu-­Donau-Oberschwaben, die Naturfreunde Ulm, der Schwäbische Albverein Donau-Blau-Gau sowie die eigene BUND-­Gruppe „Städtisches Gärtnern Ulm“.

Aktionen: Das Bündnis will mit einem  Aktionsplan Maßnahmen gegen das Insektensterben und den Rückgang der Vögel in der Region anstoßen. Dabei werden verschiedene Akteure angesprochen: Gartenbesitzern sollen etwa durch Vorträge Empfehlungen für eine insektenfreundliche Gartengestaltung gegeben werden. Auch führt das Bündnis Gespräche mit Vertretern der Landwirtschaft und will in den Kommunen etwa erreichen, dass die Grünflächen nicht mehr gemulcht sondern gemäht werden und das Mähgut abgefahren.