Noch im Februar warb der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) mit einer Wirtschaftsdelegation in Algier um gute Wirtschaftsbeziehungen. Er setzte sich dabei auch für den Bau einer großen Solarmodulfabrik ein, die die Blaubeurer Centrotherm Photovoltaics AG erstellen sollte. Am Donnerstag ging die Kündigung für das Großprojekt ein. Die CEEG, ein Tochterunternehmen des algerischen Staatskonzerns Société Nationale de lElectricité et du Gaz (Sonelgaz), hat dem Firmenkonsortium die Kündigung ins Haus geschickt. Dem Konsortium gehört neben Centrotherm auch die Kinetics Germany GmbH an. Es geht um ein Projektvolumen von 290 Millionen Euro.

Dass die Kündigung jetzt kam, ist überraschend. Die Verträge waren bereits unter Dach und Fach gewesen, wurden aber wieder aufgeknüpft, nachdem Centrotherm Mitte 2012 Insolvenz anmeldete und Eigenverwaltung durch die Unternehmensleitung beantragte. Seither laufen Nachverhandlungen. Centrotherm ging es vor allem darum, die im ersten Vertrag vorhandenen hohen Risiken zu minimieren. Auch über den Preis wurde verhandelt. Die Gespräche zogen sich hin. Am 3. Juni hob das Gericht die Insolvenz auf, Centrotherms Zukunft ist für die nächsten Jahre gesichert. Nur zehn Tage, nachdem wieder eine verlässliche Geschäftsbasis erreicht wurde, traf die Vertragskündigung ein. Insider vermuten, dass personelle Veränderungen auf algerischer Seite zu diesem unerwarteten Schritt geführt haben könnten.

Über die Hintergründe wollte sich Centrotherm-Sprecherin Nathalie Albrecht nicht äußern. "Die Wirksamkeit und Bedeutung der Kündigung wird geprüft." Man könne keine Details bekanntgeben, denn es sei nicht auszuschließen, dass die Kündigung zu rechtlichen Auseinandersetzungen führen könnte.

Auch wenn sich die Kündigung der Verträge als rechtmäßig erweisen sollte, hätte das keine negativen Auswirkungen auf die Finanzkraft des Unternehmens und die wirtschaftliche Entwicklung der gerade als saniert aus der Insolvenz entlassenen Aktiengesellschaft, versicherte Albrecht. Denn im Insolvenzplan, den das Gericht akzeptierte, ist Vorsorge für beide Möglichkeiten getroffen: dass das Großprojekt fortgeführt und ein wirtschaftlicher Erfolg wird, aber auch, dass dieses scheitert. Sollten sich aus der Kündigung doch Schadenersatzansprüche gegen Centrotherm ergeben, sind diese durch den Insolvenzplan abgedeckt. Der Plan ging davon aus, dass selbst bei Schadensersatzforderungen nach einem Scheitern des Projekts die Befriedigung der Gläubiger günstiger ausfällt als bei einer Verwertung von Centrotherm. Trotzdem wäre die Fortführung des Vorhabens für die Gläubiger noch günstiger gewesen, heißt es im Insolvenzplan. Die algerische Solarfarbik hätte dann bei Centrotherm schon 2013 einen positiven Deckungsbeitrag leisten oder gar ein positives Ergebnis bewirken können.

Auf der Baustelle in Algier aber sind bereits vorbereitende Arbeiten für den Fabrikbau vorgenommen worden. Es stehen wenige Gebäude und Dachkonstruktionen. Das Gelände am Rande den Hauptstadt Algier, in der Rouiba-Industriezone, stand nach Regenfällen lange unter Wasser. Die bisherigen Investitionen hielten sich in Grenzen, gingen jedoch vor allem zu Lasten des Konsortialpartners Kinetics Germany GmbH, sagte Albrecht. Centrotherm wäre in erster Linie für die Technik zuständig gewesen, die jetzt nicht mehr zum Einsatz kommt. Sollten jedoch Schadenersatzforderungen von algerischer Seite Rechtskraft erlangen, könnten laut Insolvenzplan diese Forderungen mit aufgerechnet werden.

Ein zweites Großprojekt, eine Solarfabrik für Katar, wird gebaut. Dort geht es um ein Projektvolumen von 121,7 Millionen Euro.

Centrotherm will sich künftig dennoch wieder auf sein Kerngeschäft konzentrieren: die Herstellung von Solar-Produktionsanlagen, die dann weltweit vertrieben werden. Als zweites Standbein soll die Halbleiterproduktion ausgebaut werden.

info Die Centrotherm Photovoltaics AG beschäftigt derzeit weltweit 900 Mitarbeiter. Davon arbeiten etwa 500 am Hauptsitz des Unternehmens in Blaubeuren.