Ernst und voller Tatkraft blickt Otto Leimer, früherer Hauptmann der Dietenheimer Historischen Bürgerwehr, auf einer Fotografie in die Ferne. Der Schnauzbart des ist schneeweiß, die Uniform verleiht ihm eine würdevolle Aura. Bis heute wird das Andenken an den ehemaligen Landeskommandanten und Ehrenbürger der Stadt bewahrt. Als er 1978 nach einem Brand stirbt, fällt auch viel Geschichte der Bürgerwehr den Flammen zum Opfer, darunter Uniformen und andere historische Accessoires des Vereins, die bei dem Schneider Leimer gelagert waren. „Alles nur noch ein zusammengeschmolzener Batzen“, sagt Schriftführer und Chronist Peter Wiest.

Von Bärenfell zu Plüsch

Doch einige der geschichtlichen Zeugnisse der Bürgerwehr, die sich schon im Mittelalter in Dietenheim belegen lässt, existieren noch heute. Gemeinsam mit Kommandant Carsten Baur hat Wiest die Lagerräume unweit des Sportgeländes geöffnet, um die Schätze zu zeigen. „Das sind seltene Sachen“, sagt Kommandant Baur, und Schriftführer Wiest nickt zustimmend. Zunächst legen sie zwei Raupenhelme auf den Tisch, die aus der Garnison Neu-Ulm stammen, dem Standort des 12. königlichen bayerischen Infanterie-Regiments Prinz Arnulf. Wann genau sie hergestellt wurden, ist nicht bekannt. In Bayern seien sie von 1868 bis zum Tod Ludwigs II. im Jahr 1886 verwendet worden, sagt Wiest. Danach seien auch dort die preußischen Pickelhauben eingesetzt worden.

Der Offiziershelm mit punzierter Schnalle ist traditionell mit einer Raupe aus Bärenfell bestückt. Bei den neuen Helmen der Bürgerwehr, so berichtet Baur, sei Stoff von Steiff-Bären verarbeitet worden. „Wir sind also wieder auf den Bären zurückgekommen“, sagt er schmunzelnd. Ein Vergleich von alten und neuen Helmen zeigt auch, wie sich die Menschen insgesamt in den vergangenen 150 Jahren verändert haben. Denn für heutige Köpfe wären sie schlichtweg zu klein.

Nicht in dem Lagerraum untergebracht, aber trotzdem im Besitz der Bürgerwehr sind knapp 30 Gewehre der Schweizer Infanterie, die ebenfalls über 100 Jahre alt sind. Auch ein Satz original Uniformknöpfe, auf denen die Bayernkrone prangt, existiert noch. Ein besonderes Prunkstück der Bürgerwehr ist der orientalische Schellenbaum aus Messing, der mit Rossschweifen verziert ist. Die oft geäußerte Vermutung, dass es sich um ein Beutestück aus den Türkenkriegen handelt, habe sich zwar nicht bestätigt, weiß Schriftführer Wiest aus eigenen Nachforschungen. Jedoch dürfte der Schellenbaum an die 150 Jahre alt sein. Kommandant Baur nennt ihn stolz das „Aushängeschild“ der Bürgerwehr.

Ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammt eine große Fahne mit den württembergischen Farben Schwarz und Gelb. Aus dem Zweiten Weltkrieg ist die Feldküche für zwei Zugpferde, die die Bürgerwehr restauriert hat und noch heute bei vielen Veranstaltungen als „Gulaschkanone“ einsetzt.

Wie Baur und Wiest erzählen, habe sie die Wehrmacht gegen Kriegs­ende irgendwo auf den Fluren Dietenheims stehen lassen. Ein Bauer habe sie mitgenommen. Schließlich kam sie in den Besitz der Bürgerwehr.

Uniformen und militärische Gegenstände dienen heute der Traditionspflege. Denn die Zeiten, in denen die damals noch „Bürgermilitär“ genannte Vereinigung eine Mischung aus Polizei, Feuerwehr und Bundeswehr war, sind vorbei (siehe Infokasten). Was geblieben ist, ist das Selbstverständnis der Bürgerwehr, die schon im 19. Jahrhundert Ausdruck eines städtischen und bürgerlichen Selbstbewusstseins und Freiheitsgefühls war.

Die Ursprünge der Dietenheimer Wehr


Verordnung Der erste Nachweis der Dietenheimer Bürgerwehr stammt aus dem Jahr 1313. Durchreisende Händler brauchten damals Schutz vor Raubrittern. In einer Stadtverordnung von 1390 heißt es, dass jeder, der Bürger von Dietenheim werden wolle, eine „Währ“ nachweisen musste: entweder eine Muskete, Hellebarde oder einen langen Spieß. Eine gesetzliche Grundlage bekam die Bürgerwehr unter den Grafen Phillip, Eduard und Oktavian Fugger in den Jahren 1580 bis 1590.