Serie Brunnen will Wallfahrt unterstützen

Sießen / Clemens Schenk 12.09.2018

Der Marienwallfahrtsbrunnen in Sießen befindet sich auf dem Platz bei der Wallfahrtskirche St. Maria Magdalena. In der Nähe befand sich vor Jahrzehnten schon ein Brunnen, der zum damaligen Pfarrhaus gehörte, das 1992 abgerissen wurde. Damals war im Vorgarten des Pfarrhauses noch der Rest des gemauerten Brunnenschachtes zu finden. Mit dem Neubau des Gemeindezentrums St. Peter und Paul, das 1994 eingeweiht wurde, ist der Kirchplatz neu gestaltet worden, großräumig verbindet er Kirche und Gemeindezentrum.

Der Brunnen, ungefähr in der Mitte beider Gebäude, lädt zum Verweilen ein. Schon beim Betreten des Platzes ist das Plätschern des Wassers zu hören und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Brunnen. „Marienbrunnen und Wallfahrtskirche bilden ein wunderbares Ensemble, viele Leute, Wallfahrer, Radler, staunen, wenn sie hier vorbeikommen, ein Blickfang und Geheimtipp“, ist auch Mesner Frieder Klaiber ganz begeistert.

Große Bemühungen in der geschichtlichen Aufarbeitung hat auch Gemeindereferentin Elfi Weiß bei der Wiedereinführung der Sießener Wallfahrt ab dem Jahre 2005 unternommen. So hat der einheimische Künstler Reiner Schlecker den Gedanken Marienbrunnen und Wallfahrtsbrunnen zu einem geschichtlichen Meisterwerk gestaltet. Eine schlanke Brunnensäule aus Bronzeguss, die sich in mehrere Abschnitte gliedert, mit der Marien-Figur auf einer Kugel als Abschluss, ragt über dem Brunnenbecken in die Höhe. Ein großes, rundes mit Steinplatten gefasstes Becken fängt das Wasser auf, das von der Brunnensäule aus acht Wasserdüsen fließt.

Im Beckenrand befinden sich folgende Inschriften: St. Marien-Wallfahrtsbrunnen Sießen im Wald. Kath. Gemeindezentrum Peter und Paul 1994 erbaut unter Pfarrer Heinz Baier 1982–1995 gestorben 1999. St Maria Magdalena Wallfahrtskirche Sießen im Wald primum aedifikatum 1353 sekundum aedifikatum 1709 amplifikatum 1911 renovatum 1983.

Auf dem Grund des Wasserbeckens entdeckt man drei Bilder: die Initialen A und M für Ave Maria, das Wappen von Sießen und einen Korb mit fünf Broten und einem Fisch. In der Mitte steht auf dem Betonsockel für die eigentliche Brunnensäule die Aufschrift Ave Maria gratia plena. Auf diesem Sockel erhebt sich ein achteckiges Wasserbecken mit der eigentlichen Brunnensäule.

Der Wasserzulauf ist unsichtbar. Es scheint, dass das Wasser unablässig und nicht weniger werdend, aus den acht Düsen, in jeder Ecke eine, in das große Becken fließt. Die Brunnensäule ist in verschiedene Ebenen gegliedert. Die untere Ebene wird von drei Säulen beherrscht, die mit ihren ebenen und runden Formen an dorische Säulen erinnern. In ihrer Mitte ist eine Säule mit Sichtmauerwerk. Zwischen den drei Säulen befinden sich drei Symbole: ein Buch, ein Weinstock und zwei Fische.

Das große aufgeschlagene Buch erinnert mit seinen Goldschnittseiten auf den ersten Blick an die Bibel. Beim genauen Hinsehen entdeckt man den Namen der Kunstgießerei Kollinger und die Namen der bei der Gestaltung des Brunnens mitwirkenden Personen. Der Weinstock mit üppigen Blättern und drei vergoldeten Trauben bezieht sich auf das Jesuswort „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ und drückt die Verbundenheit zwischen Christus und den Menschen aus. Die beiden Fische, die auf einer angedeuteten Brücke liegen, zeigen die Zusammengehörigkeit der beiden großen christlichen Konfessionen. Somit stellen die Symbole der unteren Ebene das Fundament des Glaubens und den Ursprung des Christentums dar.

Auf der zweiten Ebene finden die Säulen der unteren Ebene ihre Weiterführung in drei Bäumen mit kräftigen Baumstämmen und prächtigen Blätterkronen. Dazwischen sind pilgernde Menschen dargestellt, die sich alle nach rechts in eine Richtung bewegen.  Dargestellt sind verschiedene Menschen als Pilgergruppe mit verschiedenen Anliegen. Da finden sich Arme und Reiche, Kranke und Gesunde, Fromme und Mitläufer. Es gab viele Gründe, einen mühsamen Fußweg auf sich zu nehmen: Bestärkung im Glauben, Hoffnung auf Heilung, Buße und Gelübde, Erfahrung der Gemeinschaft oder auch nur Abwechslung im Alltag, für manchen auch Hochzeitsmarkt. Profitiert haben auch die am Wege, Händler und Bettler. Nach dieser figürlichen Darstellung findet sich im dritten Ring wieder eine mehr symbolische Darstellung für Ereignisse und Gründe, die die Menschen zu Wallfahrten motivieren. Der vierte Bereich ist wieder figürlich gestaltet. Es ist die Ankunft der Pilger am ersehnten Ort dargestellt. Jeder einzelne erhofft und erfleht sich am Ziel das, was ihn auf den Weg gebracht hat: Heilung und Glück, Stärkung und Kraft, Rettung und Geborgenheit, Liebe und den inneren Frieden.

Über allem steht Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, als ganze Figur dargestellt auf der Weltkugel. Ihr Mantel breitet sich als Schutz mit goldenem Saum über der Welt aus. Auf dem Kopf hat sie die Krone, ein Reif mit einem goldenen Kreuz. Das Jesuskind auf ihrem linken Arm hält einen Apfel in der Hand. Die rechte Hand Marias hält die rechte Hand des Kindes und zeigt so die innige Verbundenheit Marias mit Jesus.

Ihr Blick richtet sich weit ins Tal, in die Landschaft hinaus. Sie hält Ausschau und ist wachsam für das, was kommt, für diejenigen, die in ihre Nähe kommen und bei ihr Schutz und Fürsprache erhoffen. Sie ist menschliche Mittlerin im Glauben an den dreieinen Gott.

Die Kirchengemeinde St. Maria Magdalena Sießen ließ die Wallfahrt nach Sießen im Jahr 2005 wieder aufleben. Der St. Marienwallfahrtsbrunnen will und kann dieses Anliegen unterstützen. Seine Aussagekraft in den figürlichen Darstellungen und den Symbolen beschreibt den Weg des Menschen durch Leid und Unheil zu Glückseligkeit und Frieden. Dieser Weg führt zu Maria, zu „Unserer Lieben Frau von Sießen“ und durch sie zu Christus, dem Ziel des Glaubens.

Entwurf und Gestaltung von Reiner Schlecker

Entstehung Gestiftet wurde der Brunnen von Familie Hedwig und Andreas Maier, die den Künstler Reiner Schlecker beauftragt hatten, den Brunnen zu entwerfen und zu gestalten. Die Planung erfolgte unter der Mitwirkung des Kreisarchivars Dr. Kurt Diemer. Ausgeführt wurde der Brunnen von der Kunstgießerei Kollinger. Am Fest Mariä Geburt 2001 wurde er feierlich eingeweiht.

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