Vor über einem Jahr ist Halil Simsek gestorben. Er war 1972 aus der Türkei nach Laichingen zu seiner dort lebenden Tante gezogen und arbeitete bis zum Rentenalter bei einem renommierten Laichinger Handwerksbetrieb. Halil Simsek sei überall geschätzt und beliebt gewesen, bei den Mitgliedern der alevitischen Gemeinde in Laichingen ebenso wie bei seinen Arbeitskollegen, berichtet sein Sohn Selami. Einige Jahre lebte er alleine hier bei seiner Tante, dann holte er die Ehefrau und seine drei Kinder zu sich. Bald danach kam in Laichingen das vierte Kind der Familie zur Welt. Alle besuchten hier die Schule, lernten ihre Berufe, gründeten Familien. Sohn Selami und Tochter Zübeyde wohnen in Laichingen, ihre beiden Geschwister leben ebenfalls in Deutschland.

Die Familien fühlen sich wohl und integriert: "Das ist unsere Heimat, von uns wird keiner mehr in die Türkei zurück", sagt Selami Simsek. Und dort, wo man sich beheimatet fühlt, führt man auch alte Traditionen fort, meint Mustafa Dogan, Vorsitzender der Laichinger alevitischen Gemeinde. So, wie den Brauch, dass Familien, je nach Geldbeutel, mit Spenden für das Gemeinwohl Zeichen setzen für ein harmonisches Zusammenleben.

Diese Sitte hat die Familie Simsek aufgegriffen und für den Laichinger Friedhof einen Brunnen gestiftet: "Halil Simsek in anisma"", steht auf einem Schild darüber - "In Erinnerung an Hailil Simsek". Er ist der zweite Alevit, der auf dem örtlichen Friedhof seine letzte Ruhe gefunden hat. Dies ist ein Signal, dass Laichingen zur Heimat über den Tod hinaus geworden ist. "Wir wollen unsere Verstorbenen am Grab besuchen, was macht es da für einen Sinn, wenn wir sie in der Türkei beerdigen, wo wir vielleicht nur zwei Mal im Jahr ans Grab gehen können", erklärt Selami Simsek die Bestattungen auf dem örtlichen Friedhof. Seine Schwester Zübeyde Dogan sagt: "Unsere Generation will hier bleiben, in der neuen Heimat."

Für die Stadt ist der Brunnen, der am Samstag feierlich eingeweiht wurde, Sinnbild und nützliche Spende zugleich. Nützlich, weil auf dem Abteil des Friedhofs, gleich neben der Aussegnungshalle bislang nur ein ungünstig niedriger, fast behelfsmäßiger Wasserhahn zum Befüllen der Gießkannen vorhanden war. Im Zuge der Bauarbeiten für das Setzen des Brunnens wurde zugleich ein behindertengerechter Zugang zu den Toiletten geschaffen.

"Wir sind eine Gemeinschaft, vereint in unserer Stadt, wo jeder dabei und akzeptiert ist", sagte Bürgermeister Klaus Kaufmann. "Besonders in Zeiten, wie wir sie derzeit erleben, ist die Brunnenstiftung ein passendes Zeichen für Integration und Versöhnung zwischen Kulturen und Religionen." Auch der evangelische Pfarrer Karl-Hermann Gruhler und der alevitische Geistliche Dede Aliekber, Vorsitzender des hessischen Geistlichenrates der Aleviten, der für die Brunneneinweihung aus Frankfurt angereist war, begrüßten die Brunnenspende. "Fragen gibt es immer", meinte Pfarrer Gruhler, "aber das Leben vor Ort gestalten wir alle gemeinsam." Aliekber berief sich auf das Sinnbild des aus dem Brunnen fließenden Wassers: "Wasser ist rein und muss es bleiben, so wie unterschiedliche Kulturen sich ihre Reinheit bewahren, damit die Menschen eine Einheit bilden können." Interessierte können sich über einen am Brunnen angebrachten QR-Code über die Familie Simsek informieren.

Selami Simsek beschloss die Einweihung mit einem Goethe-Zitat: "Des Menschen Seele gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es.