Geräusch Interessengemeinschaft: Brummen aus Kalkwerk raubt uns den Schlaf

Kalksteinbruch in Herrlingen: Arbeiten Ursache des Brummens?
Kalksteinbruch in Herrlingen: Arbeiten Ursache des Brummens? © Foto: Robert Sammer/swp Archiv
Samira Eisele 17.10.2017
Eine Interessengemeinschaft aus Blaustein-Weidach wendet sich an die Politik: Ein kaum wahrnehmbares Brummen lässt sie keine Ruhe finden. Es soll aus einem nahen Kalkwerk stammen. Bereits zuvor gab es einen ähnlichen Fall in Herrlingen.

Es gibt keinen Beweis für die Ursache ihres Leidens. Und so gut wie keine Chance, diese zu beseitigen. Aber es gibt zehn Personen, die davon berichten: von einem Brummen an der Grenze zum Hörbaren. Die Interessengemeinschaft „gegen Ton“ aus dem Blausteiner Stadtteil Weidach versucht, dagegen zu kämpfen.

„Zur Zeit geht es uns wieder ziemlich schlecht“, sagt der Sprecher der IG, der bereits in einem früheren Artikel der SÜDWEST PRESSE davon berichtet hat, dass seine Frau und er in ihrem Haus in Weidach ein Brummen und Vibrieren wahrnehmen. Die Auswirkungen: Kopfschmerzen, Übelkeit, ständiger Schlafentzug. Um dem zu entgehen, verreisen sie oft. Wie andere Mitglieder der IG möchte der Sprecher anonym bleiben - aus Sorge, Menschen, die den Ton nicht hören, könnten ihn für verrückt halten.

Er vermutet: Das Geräusch kommt aus dem Boden, wird durch den Fels übertragen und vom Kalkwerk Märker in Herrlingen verursacht. Eine Beschwerde beim Landratsamt ist jedoch gescheitert, nachdem Ton-Aufzeichnungen der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) keine Überschreitungen der Hörbarkeitsschwelle zeigten.

Acht Mitglieder hat die Interessengemeinschaft. Einige von ihnen hatten sich bereits vor, andere nach dem Zeitungsartikel und einer Flyer-Aktion im Ort bei der IG gemeldet. Sie wohnen in Weidach und Herrlingen. Interessant findet der Sprecher der IG, dass alle Häuser von Weidacher Betroffenen in einer Linie liegen – für ihn die Bestätigung dafür, dass der Ton sich durch den Berg überträgt und an der Kuppe auftritt. Er hat nun auch auf eigene Faust gemessen: Schwingungen an den Wänden. Die Protokolle zeigen wiederholt Ausschläge in einer Frequenz von 16 bis 20 Hertz.

Brummton Mitte der 80er

Diese Schwingungsfrequenz hat auch Herr B. gemessen: Von 19 Hertz und knapp 40 Dezibel berichtet er 1985 in einem Schreiben an die Vorgängerfirma von Märker, Ulmer Weißkalk. Auch B. litt jahrelang unter einem Brummton, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche. Als er in der Zeitung von dem Geräusch in Weidach las, rief er in der Redaktion an. B. lebte in Herrlingen: Seine Aufzeichnungen glich er damals mit Betriebsprotokollen aus dem Leitstand des Kalkwerks ab. Sogar auf eine bestimmte Maschine führte er den Ton schließlich zurück. Allerdings ohne Konsequenzen: 2002 zog er um. Einen Abgleich von Betriebszeiten fände auch die IG „gegen Ton“ hilfreich.

„Wir waren und sind auch weiterhin bereit, an der Ursachenforschung mitzuwirken“ schreibt auch Märker-Geschäftsführer Reinhold Ackermann per Mail. Allerdings könne er nicht vergleichen, weil weder die „wissenschaftlichen“ noch „subjektiven“ Daten vorlägen. Und nach Weidach eingeladen worden sei er auch nicht. Ackermann verweist auf einen Experten: Dr. Roman Koch, Geologe der Universität Nürnberg-Erlangen, Spezialist für Kalksteine und vertraut mit der Region Ulm. Koch meint zu einer möglichen Ton-Übertragung vom Kalkwerk nach Weidach: „Ich sage, es ist aufgrund der geologischen Gegebenheiten nicht möglich.“

Der IG-Sprecher widerspricht: In einer Mail an die Mitinhaberin der Märker-Gruppe, Gerlinde Geiß, habe er ein Treffen im Werk, dem Märker-Hauptsitz „oder in einem der betroffenen Häuser“ vorgeschlagen. „Ton-Tourismus“ nach Weidach möchte er jedoch nicht: „Es ist ja nicht so, dass hier Lärm herrscht“, sagt er.

Die IG versucht weiter, auf das Problem aufmerksam zu machen: Mit einem Termin in der Sprechstunde von Bürgermeister Thomas Kayser, Mails an den Steinbruchausschuss des Gemeinderats Blaustein und an den Grünen-Vorsitzenden Robert Jungwirth. Sogar Briefe an Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier haben die Mitglieder der IG geschrieben – „so verzweifelt sind wir“. Auch einen Umzug aus dem Haus, in dem sie seit Jahrzehnten leben, ziehen der Weidacher IG-Sprecher und seine Frau in Betracht. Noch wollen sie aber nicht ganz aufgeben, sagt der Ehemann: „Ich hab’ einen Wohnwagen gekauft. Den stelle ich in den Garten, um darin zu schlafen.“

Phänomen taucht immer wieder auf

Brummton Im Internet gibt es viele  Beschreibungen des „Brummton-Phänomens“. Die Betroffenen nehmen den Ton bei Ortswechseln jedoch meist mit.  

Fall in Gerhausen Im Jahr 2001 berichtete die SÜDWEST PRESSE über  Matthias Mayer: Er hörte in Gerhausen einen Dauerton, Messungen ergaben  eine Frequenz von 50 bis 100 Hertz. Der Verdacht fiel auf das Kalkwerk Merkle, das für eine Nacht den Strom abstellte. Der Ton blieb  – Merkle schied als Verursacher aus.