Landgericht Blutrache-Prozess: Tüten liefern Spuren

Erbach / Bianca Frieß 07.06.2018

Verteidiger Dirk Meinicke nahm einige Zeugen beim gestrigen Verhandlungstag im Erbacher Blutrache-Prozess in die Mangel, prangerte die aus seiner Sicht nachlässigen Ermittlungen an. Sein Mandant, ein 46-Jähriger aus Göppingen, ist angeklagt, mit einem Mittäter einen 19-Jährigen ermordet und die Leiche in einem Anglersee bei Erbach versenkt zu haben. Beide stammen aus albanischen Familien, das Motiv soll Blutrache gewesen sein.

Ein Polizist der Sonderkommission „See“ berichtete vor Gericht von den Ermittlungen. Kurz streifte er auch ein Telefonat mit einem Zeugen in Albanien. Dessen Handy war am mutmaßlichen Tag der Tat, dem 21. April 2017, im Mobilfunknetz in Erbach eingeloggt. Eine Dolmetscherin habe daraufhin mit dem Mann telefoniert. Es sei ein albanischer Händler gewesen, der in Deutschland Autoreifen eingekauft habe. „Das war glaubwürdig“, sagte der Polizist – genauer sei die Aussage nicht überprüft worden. „Da ist ein albanischer Mitbürger am mutmaßlichen Tattag in Erbach eingeloggt – und Sie ziehen es gar nicht in Erwägung, das mal kritisch zu hinterfragen?“, empörte sich Verteidiger Meinicke.

Unzählige Anfahrtswege

Auch mit dem Vorgehen hinsichtlich der Anfahrtswege zum See zeigte er sich unzufrieden. Inmitten der Seen-Landschaft bei Erbach gebe es „unzählige Möglichkeiten“, zu dem Anglersee zu gelangen, sagte ein Ermittler. Man sei nur die „vier gängigsten Wege abgefahren“: vom Kieswerk und aus dem Industriegebiet her kommend. Was die Kriterien für die „gängige Wege“ seien, wollte Meinicke wissen. Der Ermittler zuckt mit den Schultern. „Wir fanden diese Wege am einfachsten.“

Vor Gericht kamen auch mehrere Plastiktüten der gleichen Ladenkette zur Sprache, die während der Ermittlungen gefunden wurden: um den Kopf der Leiche, in der Garage und Wohnung des Angeklagten. Außerdem bargen Taucher aus dem See eine solche Tüte, in die ein rotes Handtuch eingewickelt war. Die Ermittler konnten die Chargen-Nummer auf den Tüten entziffern. Ein Anruf beim Hersteller ergab: Von diesen Chargen wurden viele Tüten in Süddeutschland verkauft – teilweise ab Ende 2016, teilweise im Frühjahr 2017. Außerdem trugen die im See und in der Garage gefundenen Tüten die gleiche Nummer. Auch die Untersuchung des eingewickelten Handtuchs ergab wichtige Hinweise: In der Wohnung des Angeklagten wurde ein Duschtuch gefunden – gleicher Hersteller, gleiche Farbe.

Einen Monat lang im Wasser

Außerdem sagte gestern ein Rechtsmediziner aus Hamburg als Sachverständiger aus, er hat besonders häufig mit Wasserleichen zu tun. Seine Einschätzung: Die Leiche des Opfers lag wohl rund einen Monat lang im Wasser, bevor sie am 22. Mai 2017 von zwei Anglern gefunden wurde. „Ich kann aber wirklich nicht sagen, ob es eine Woche mehr oder weniger war.“ Denn wie schnell sich eine Leiche verändert, hänge stark von der Wassertemperatur ab – und die ist unklar, wurde am Grund des Sees nie gemessen.

Wie es nun weitergeht? Der Prozess wird am Montag, 18. Juni, fortgesetzt. Insgesamt sind 33 Verhandlungstage angedacht, die bis Januar 2019 reichen. Sollte die Staatsanwaltschaft beim Vorwurf der Blutrache und der Heimtücke bleiben, müssten auch die in Albanien lebenden Zeugen geladen werden, fordert Meinicke. „Dann muss das genau aufgeklärt werden.“

Staatsanwaltschaft sieht Blutrache als Motiv

Kanun Blutrache – das sieht die Staatsanwaltschaft als Motiv für den Mord. „Kanun“ ist der albanische Ausdruck für den grausamen Brauch. Wenn ein Mann einer Familie getötet worden ist, soll dafür ein Mann der anderen Familie sterben.

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