Gericht Blutrache-Prozess: Mutter des Opfers sagt aus

Im Blutrache-Prozess hat die Mutter des Opfers ausgesagt.
Im Blutrache-Prozess hat die Mutter des Opfers ausgesagt. © Foto: Symbolbild
Erbach/Ulm / Stefan Czernin 10.10.2018
Im Erbacher Blutrache-Prozess liefert die Mutter des Opfers Hintergründe zur Familienfehde und ihrem ermordeten Sohn.

Wer war Xhoi M. und warum wurde er ermordet? Im Erbacher Blutrache-Prozess rückten am Mittwoch vor dem Ulmer Landgericht das Opfer und seine Geschichte in den Mittelpunkt. Erhellt durch die Aussage der Mutter des getöteten 19-jährigen Albaners, dessen Leiche am 22. Mai 2017 in einem Anglersee bei Erbach entdeckt worden war (siehe Infokasten). Die Mutter hält sich mit neuer Identität in Deutschland auf, sie wird bewacht. Auch im Sitzungssaal waren während der Verhandlung stets drei Personenschützer des Landeskriminalamts anwesend.

Opfer einer Blutfehde?

Die Anklage – vertreten durch den leitenden Oberstaatsanwalt Christof Lehr – geht davon aus, dass der 19-Jährige Opfer einer seit dem Jahr 2000 andauernden Blutfehde zwischen seiner und einer weiteren Familie geworden ist. Diese hat bereits mehrere Todesopfer gefordert, darunter seinen Vater. Er wurde am 15. Dezember 2000 in der albanischen Stadt Korça mit mehreren Schüssen niedergestreckt, als er die Flucht seiner Familie nach Griechenland vorbereitete.

Daraufhin floh die Mutter mit ihren beiden Söhnen alleine aus Albanien. Zehn Jahre lebte die Familie in Griechenland, bevor sie nach Albanien in die Hauptstadt Tirana zurückkehrte.

In die Drogenszene abgerutscht

Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und aus Angst um ihre mittlerweile herangewachsenen Kinder, stellte die heute 48 Jahre alte Mutter 2015 einen Asylantrag in Deutschland. „Wen ein Mord passiert, sind die anderen Familienmitglieder gefährdet.“ In Deutschland begann ihr Xhoi M. zu entgleiten. Er traf sich mit Freunden in Hannover,  geriet dort in Kontakt mit der Drogenszene. Das blieb nicht ohne Folgen: Die Polizei begann sein Mobiltelefon zu überwachen, schließlich landete er wegen Drogendelikten im Gefängnis. Der 48-Jährigen, die vor Gericht teils unter Tränen aussagte, blieben diese Eskapaden nicht gänzlich verborgen. „Er hatte Geld in den Händen. Und eine teure Uhr.“

Die Staatsanwaltschaft nimmt an, dass der junge Albaner irgendwann wieder ins Visier des „Gegenclans“ geraten ist, so Staatsanwalt Lehr. Möglicherweise lieferten Facebook-Beiträge den späteren Angreifern den entscheidenden Hinweis auf seinen Aufenthaltsort. Mit der Aussicht auf ein Drogengeschäft lockten sie ihr Opfer nach Erbach, so die Anklage.

Letztes Frühstück

Die Mutter sah ihren älteren Sohn am 20. April 2017 zum letzten Mal lebend. Sie erledigte morgens Küchenarbeiten, er machte sich Frühstück – gekochte Eier, Käse. „Das mochte er.“ Dann verließ er gegen 10 Uhr die gemeinsame Wohnung in Steinfurt (Nordrhein-Westfalen). Die Ermittler gegen davon aus, dass der 19-Jährige zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Stunden zu leben hatte.

Mutmaßlich am späten Abend des selben Tages zogen die Täter ihrem ahnungslosen Opfer an einem Erbacher See eine Plastiktüte über den Kopf und töten Xhoi M. mit mehreren Hammerschlägen. Seine Leiche versenkten sie mit einem 19 Kilogramm schweren Betonpfeiler im See.

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Anklage lautet auf gemeinschaftlichen Mord

Vorwurf Der Angeklagte, ein Deutscher mit albanischen Wurzeln, wird beschuldigt, im April 2017 mit einem weiteren Täter den 19-jährigen Albaner an die Erbacher Seenplatte gelockt, dort brutal mit einem Hammer ermordet und den Leichnam im See versenkt zu haben, beschwert mit einer Betonsäule.

Verhandlung Der Prozess läuft noch bis ins kommende Jahr. Zunächst werden nun unter anderem weitere Polizisten und Sachverständige gehört. Am 21. November, 8.30 Uhr,  tritt der Bruder des getöteten 19-Jährigen in den Zeugenstand. Seine Vernehmung war für Montag vorgesehen, wurde jedoch wegen Zeitmangel vertagt.

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