Stadtfest Blaubeuren: Blinden-Modell der Stadt zum Ertasten vorgestellt

MARGOT AUTENRIETH-KRONENTHALER 21.06.2016
Blaubeuren aus Bronze: An einem detailgetreuen Modell können die Besucher - Blinde und Sehende - die Altstadt mit ihren Fingerkuppen erkunden.

Familien-Sonntag in der Blaubeurer Innenstadt: Verwaltung und Urgeschichtliches Museum hatten zahlreiche Mitmach-Aktionen organisisert.

Besondere Aufmerksamkeit zog ein Blinden-Stadtmodell aus Bronze auf sich, das zwischen Stadtkirche und Spital steht. Auf 1,7 Quadratmetern ist der mittelalterliche Stadtkern Blaubeurens maßstabsgetreu nachgebildet.  Etwa 300 Häuser, das Kloster und der Blautopf sowie die topografische Lage der Stadt im Blautal sind dargestellt. Erläuterungen in der Braille-Blindenschrift sind am Modell angebracht.

Die Initiative  für das Modell war vom Blaubeurer Architekturbüro Gebhardt ausgegangen, das aus Anlass seines zehnjährigen Bestehens zu Spenden aufgerufen hatte. Den größten Teil der Kosten von etwa 33 000 Euro spendeten die Eigentümer und Mitarbeiter des Büros selbst. Der Bildhauer Egbert Broerken aus Soest hat die detailgetreue Nachbildung  der Altstadt angefertigt. „Sehbehinderte können hier ihre Stadt ertasten, erfahren, begreifen. Es ist nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein menschlicher Beitrag zur Integration behinderter Mitbürger“, sagte Stefan Gebhardt, als das Modell am Sonntag der Öffentlichkeit präsentiert wurde. „Wir wollen nicht nur den Blinden, sondern auch den Sehenden Blaubeuren näher bringen. Wir erhoffen uns mit dieser Aktion einen Impuls für eine positive Entwicklung der Stadt“, ergänzte sein Bruder Markus Gebhardt. „Wir sind beschenkt worden“, sagte Bürgermeister Jörg Seibold und bedankte sich im Namen der Bürgerschaft.

Gertrud Vaas, Vorsitzende des Sehbehinderten- und Blindenverband Ulm, war mit ihrer Stellvertreterin Agathe Ruschak nach Blaubeuren gekommen. „Es ist ganz toll geworden. Ich war begeistert, als ich es zum ersten Mal unter den Händen hatte“, sagte Gertrud Vaas. „Es ist für uns hilfreich, etwa die Form des Blautopfs ertasten zu können. Auch die Tallage der Stadt ist gut dargestellt“, lobte die Vorsitzende.

Den ganzen Nachmittag über war das Modell dicht umlagert. Die  Besucher waren angetan von der Möglichkeit, mit ihren Fingerkuppen durch die Altstadt zu spazieren. „Das ist eine weitere Attraktion für unsere Stadt“, ist sich Stadtrat Erich Straub sicher.

Im Urgeschichtlichen Museum konnten die Besucher bei der Herstellung eines steinzeitlichen Speers zuschauen und selber ein Steinzeitmesser aus Hornstein oder einen Schmuckanhänger aus Turmschnecken basteln. Der sechsjährige Paul fabrizierte Holunderdöschen. Er war mit seiner Mutter Leonie Gerner aus Ulm gekommen, die das Urmu zum ersten Mal besuchte und feststellte: „Uns gefällt es hier richtig gut.“

Zeitsprung auf den Kirchplatz: Dort hatte Frank Trommer, Schmied und Archäotechniker, eine transportable Esse aufgebaut und versuchte, ein Keltenschwert, wie es einst im Blautopf gefunden wurde, nachzuschmieden. Mit gezielter Luftzufuhr aus dem handbetriebenen Blasebalg gelang es, Temperaturen von bis zu 1100 Grad zu erzeugen.

Metallgestalter Pierre Stoll machte den Besuchern ein anderes Angebot: Zinn. „Zinn ist total einfach zu bearbeiten“, sagte Stoll, und es schmilzt schon bei 230 Grad. „Man muss nur Geduld haben, weil es lange flüssig bleibt.“ Wer wollte, konnte sich einen Taler mit der Blaubeurer Wappenfigur, dem Blaumännle, gießen. Theresa und Annabelle wollten lieber einen Engel machen. Dafür musste die aufgeklappte Form zunächst mit Talkum ausgepudert werden. Danach konnten die Mädchen das flüssige Zinn in die Form gießen. „Das hat Spaß gemacht. Den Engel hängen wir an den Christbaum“, sagte Theresa.

Etliche Kinder hörten staunend der Schönen Lau zu, die erzählte warum sie in den Blautopf verbannt worden war. Andere ließen sich schminken oder fertigten Figuren aus Ballons. Viele Erwachsene nutzten den regenfreien Nachmittag, um im Freien zu verweilen und lokalen Musikgruppen zuzuhören.